Zum Glück haben wir die Literatur, um zu verstehen, was in der realen Welt passiert. Der Wahlkampf in Deutschland bestätigt diese Einsicht voll und ganz. Wer erinnert sich nicht an Äsops Fabel vom Hasen und der Schildkröte?

Man müsste sie allerdings etwas anders erzählen: Die Schildkröte Stoiber hat den Hasen Schröder zum Wettrennen herausgefordert. Der überaus schnelle Hase Schröder war darob äußerst froh, denn schließlich wusste er, dass da sein Sieg von vornherein feststand. Als nun der Wettkampf eröffnet wurde, machte er alles andere als rennen. Er sonnte sich auf der Wiese, reiste in der Welt umher, um allen zu erklären, was die Strategie der "ruhigen Hand" sei.

Inzwischen marschierte die Schildkröte voran, perfekt geschult und von Beratern und befreundeten Journalisten vorwärts geschubst. Ihr nützte auch die abschüssige Bahn in der Wirtschaftskrise. So war sie denn dem Ziel schon gefährlich nahe gekommen. Der Hase Schröder, nach einem der vielen Schlummer, begriff plötzlich, wie es um ihn stand. So schreckte er auf und begann zu rennen. Er rannte, rannte, rannte wie noch nie in seinem Leben. Bis jetzt hat er Stoiber noch nicht ganz eingeholt. In der Fabel gewinnt ja die Schildkröte. In der Wirklichkeit, so scheint es, ist Hase Schröder gerade dabei, zum Überholmanöver auf den letzten Metern anzusetzen und zu gewinnen.

Aber die Moral der Geschichte bleibt gleich: Unterschätze nie deinen Gegner.

Wer auf die Meinungsumfragen schaut, ist verwirrt. Der deutsche Wähler will einerseits einen Kanzler Schröder, aber diesen - andererseits - an der Spitze einer CDU/CSU-Regierung, mit Joschka Fischer als Außenminister selbstverständlich. Wissen die Leute eigentlich, was sie wollen? Kann das Fernsehen helfen?

Wohl nicht. Die beiden Fernsehduelle, die sich Millionen Deutsche angesehen haben, gingen mit einem klaren Unentschieden zu Ende. Die erste Runde ging an Stoiber (weil er, mehr oder weniger, kaum Fehler machte und damit schon alle Erwartungen übertraf)

die zweite Runde ging an Schröder, der sich in alter Stärke und Sprachfähigkeit zeigte. Aber die Duelle waren es nicht, die den Kanzler wiedererstarken ließen, sagen zumindest Meinungsforscher und Wahlkampf-Gurus. Schröder und Stoiber rennen jetzt Kopf an Kopf, der Wahlausgang am 22. September ist gänzlich offen. Welch ein glückliches Land, das keine Talkshows und TV-Scheinduelle braucht, um zu entscheiden, wer Kanzler werden soll.