Tony Blair ist davon überzeugt, dass er auch dieses Mal seiner Partei trotzen muss. "Ich stünde heute nicht da, wo ich bin, wäre ich jemals den Instinkten der Mehrheit gefolgt", vertraute er neulich einem Freund an. Das war während der langen Sommerwochen, als auf der Insel der Widerstand gegen einen Irak-Krieg mächtig wuchs. In dieser Zeit keimte in den Staatskanzleien des Kontinents vorübergehend die Hoffnung auf, die Rhetorik der Scharfmacher in Washington könnte die britische Nibelungentreue zur Weltmacht Amerika erschüttern und die Aussicht auf eine gemeinsame Haltung der Europäer erhöhen.

Spätestens am vergangenen Wochenende, nachdem Tony Blair für drei Stunden beim Präsidenten George W. Bush gesessen hatte, verflüchtigte sich diese Illusion. Die anglo-amerikanischen Kriegstrommeln dröhnen immer lauter, und zwischen Großbritannien und seinen EU-Partnern ist eine tiefe Kluft aufgerissen. Auch Premier Blair und seine Labour-Party driften immer weiter auseinander. "No more war", schlug es Blair diese Woche auf dem Kongress der Gewerkschaften entgegen. Seine Kritiker fordern "harte Beweise" für die Gefährlichkeit des irakischen Diktators und "Aktionen nur durch die UN"

andere beschimpften ihn als willfährigen Erfüllungsgehilfen für einen "Krieg ums Öl" und die "Interessen amerikanischer Multis". Selbst Parlamentarier rüsten zum Aufstand gegen einen Regierungschef, der in seiner fünfjährigen Amtszeit mehr Truppen in den Krieg schickte als seine konservative Vorvorgängerin Margaret Thatcher.

Deren Prinzipientreue und Entschlossenheit hat Blair stets bewundert. Der Labour-Premier ist bereit, an der Seite der USA in einen neuen Golfkrieg zu ziehen. In Nuancen unterscheidet er sich von George Bush. Blair drängt nämlich auf internationale Unterstützung für einen Waffengang. Gegenüber Bush bestand er darauf, dass Washington die Vereinten Nationen einbeziehe. Vor Blairs Intervention sei die UN in Washington "ein Wort für Waschlappen" gewesen. Jetzt nicht mehr, heißt es stolz aus seiner Umgebung.

Irrweg Appeasement

Seine Entschlossenheit kontrastiert scharf mit seiner behutsamen, oft zaudernden, manchmal wetterwendischen Haltung in innenpolitischen Fragen.

Dort schielt er häufig auf Meinungsumfragen und buhlt um die Zustimmung der Massenpresse. Auf internationalem Parkett dagegen ficht Blair mit Verve für seine Überzeugungen. So war es im Krieg gegen die Taliban oder im Kosovo, wo er einen zögernden Bill Clinton zum Einsatz von US-Truppen antrieb.