Der Sommer war sehr schön vor 112 Jahren in Frolowskoje, wo Tschaikowskij ein schlichtes, lichtes Haus bewohnte, mit Garten, winzigem See und einem Inselchen darin, und sich nach Italien zurückkomponierte mit solchem Schwung, dass er sich loben musste. "Welch ein Sextett! ... Ganz schrecklich, wie zufrieden ich mit mir bin", schrieb der 50-jährige Peter an seinen Bruder Modest. Und was er etwas verharmlosend Souvenir de Florence nannte, sein Opus 70, gehört tatsächlich zum Besten und Beglückendsten seiner Musik.

Es fängt gleich an mit einem Septnonenakkord, dessen Spannung einen Überschwang freisetzt, wie wenn einer die Jalousien aufstößt, um Sonne und Süden hereinzulassen. Der Überschwang reicht, alles durchglühend, für vier Sätze, von denen keiner abfällt, die alle voll sind mit herrlichen Aussichten, heiteren Intimitäten, verrückten, nie verbohrten Experimenten.

Mühelos lassen sie den Schatten des großen Zeitgenossen hinter sich, der für die Besetzung Maßstäbe geschaffen hatte: Brahms.

Denn dessen Streichsextette, ein Vierteljahrhundert älter, galten und gelten als Nonplusultra des raren Genres. Sie lasteten schwer auf Dvoráks Sextett, das man auf dieser CD (EMI 5 57243 2) ebenfalls hören kann, sie mieden das Orchestrale zugunsten des Kammermusikalischen. Tschaikowskij entdeckte etwas anderes in dieser Besetzung. Er konnte mit dem Klang der 24 Saiten weite Linien füllen, Perspektiven staffeln, schraffieren, lasieren, messiaensche Farblust entwickeln, ohne zu sinfonischem Gewicht verpflichtet zu sein. Es ist unangestrengte Musik.

So, wie sie hier gespielt und aufgenommen ist, kann man überall hindurchsehen, weder dunkelt Bedeutsamkeit, noch klumpt der Klang. Das wäre zu befürchten, denn wenn sich wie hier mehr oder minder berühmte Solisten zur Kammermusik zusammentun, ist es oft, als versuchten mehrere Ferraris auf einer Landstraße nebeneinander zu fahren. Hier kann man eine Tendenz dazu nur bei Geigerin Sarah Chang und da auch nur im Adagio-Anfang hören, mit zu dicht verbundenen, überintensiven, an die Rampe drängenden Tönen.

Sonst spielen sie und Geiger Bernhard Hartog, die Bratscher Wolfram und Tanja Christ, die Cellisten Georg Faust und Olaf Maninger hinreißend zusammen und kosten alle Extras aus: treppenartige Einsätze, kontrapunktische Wellen und materialhafte Blöcke, Zooms zwischen vorn und fern, die Auffächerung eines Tons zum Prunkportal, ein Scherzo wie ein Spurt beim Windsurfing. Wenn dabei ein untergegangenes Nebenthema unversehens wieder auftaucht und mitsurft, kann man sich schier kindisch darüber freuen. Ein Sommertagstraum.