Skandalöses hatte die Daily Mail zu verkünden: "Zynische Forscher", schrieb das Londoner Blatt, hätten die Gründung einer staatlichen Stammzellenbank beschlossen. Dort würden menschliche Embryonen tiefgekühlt gelagert, die fortan von Wissenschaftlern ausgeschlachtet werden könnten.

Unerhört - wenn es denn so wäre.

Doch die Fakten sind weniger dramatisch. Tatsächlich wird in Großbritannien nicht die erste Bank für Embryonen, sondern für Stammzellkulturen eingerichtet. In ihr sollen "Linien sowohl adulter wie embryonaler Stammzellen aufbewahrt und Kliniken wie Instituten kostenlos zugänglich gemacht werden", sagt Robin Lovell-Badge, Leiter des medizinischen Forschungszentrums des Medical Research Council (MRC). Anfang 2003 soll mit der Arbeit in der Bank begonnen werden.

Die Zunft der Stammzellforscher begrüßt das Projekt, das an diesem Mittwoch auf einer Fachkonferenz in London offiziell verkündet wurde. Kommerziell verspricht ihr Feld noch auf viele Jahre hinaus keine ertragreiche Ernte.

Ohne staatliche Unterstützung werde sich nicht viel bewegen, heißt es in den einschlägigen Forschungsstätten von Cambridge bis Edinburgh. Nun wird eine aufwändige wissenschaftliche Infrastruktur öffentlich gefördert. Die Stammzellenbank wird beim Nationalen Institut für biologische Standards und Kontrollen bei London angesiedelt. Sie soll Zelllinien in flüssigem Stickstoff lagern und zugleich auf Qualität und Standardisierung achten. Etwa 50 embryonale Zelllinien dürften nach Ansicht britischer Experten zunächst für Forschungszwecke ausreichen. Außerdem soll zumindest jeder Typ adulter Stammzellen in der Bank vorhanden sein. Wenn allerdings erste klinische Tests anlaufen sollten, wird man mit den jetzigen Zelllinien nicht mehr auskommen.

Zunächst erhoffen sich die Wissenschaftler vor allem mehr Erkenntnisse über die Eigenschaften von Stammzellen: "Wir wissen noch viel zu wenig", sagt Lovell-Badge vom MRC. Weder kenne man die idealen Bedingungen, unter denen embryonale Stammzellen stabil bleiben, noch wisse man, ob die Abweichungen, die immer wieder aufträten, auf genetische Faktoren zurückzuführen seien oder auf die Art der Gewinnung der Zelllinien. Die Bank, eine Art Archiv für Zelllinien, könnte zudem für eine besser koordinierte Forschung sorgen. So sollen etwa Zelllinien mit gleichen Eigenschaften an verschiedene Teams ausgegeben und dann die Resultate verglichen werden.

Bislang haben erst zwei britische Institute die Lizenz, menschliche embryonale Stammzellen zu gewinnen. Am weitesten sind Stephen Minger und sein Team vom Kings College in London. Ihre aus Embryonen gezüchteten Stammzelllinien sind mittlerweile 40 Tage alt, "gedeihen prächtig" und werden in die "Bank" wandern. Minger bezeichnet dies ganz bescheiden als "kleinen, wenn auch wichtigen Schritt nach vorn" auf dem Weg zu neuen Therapien.