Die Scheiben im Lkw sind verschmiert, der Himmel ist diesig. Und die Küste von Marokko sieht aus wie eine Brotkruste, die der Nebel und das Meer ebenso aufgeweicht haben wie die abendländischen Projektionen von orientalischer Fremde. Nichts ist klar, keine Konturen, keine Muster. Selbst die Sehnsucht bleibt hier unbestimmt und lässt alle Protagonisten darüber im Unklaren, ob sie nun die große, unbekannte Ferne oder doch nur die Nähe im längst Vertrauten suchen. "Ich will nichts rückgängig machen", sagt Serge, der Lkw-Fahrer, zu einem der Männer, für die er Drogen schmuggeln soll. Und auch das klingt wie ein Entschluss, dessen Haltbarkeit sich in der Mittagshitze schon wieder halbiert.

Aus Zusagen werden vage Optionen, aus heute wird gestern, und "Gestern, da war mir alles egal. Das hat sich geändert", sagt Serge einen Tag später, fährt davon und weiß nicht einmal, dass er nichts weiter als bunte Stoffe über die marokkanischspanische Grenze transportiert.

André Téchiné liebt das Dazwischen, das Provisorische und scheinbar Unsortierte. In Weit weg eskortiert er den Fernverkehr vorläufiger Endgültigkeiten. Seine Figuren hocken wie Statisten in den eigenen Geschichten fest, bis der Zusammenprall mit einem anderen ihren Bewegungen eine neue Richtung gibt.

Und irgendwann, wenn sie sich in ihren Schicksalen besser eingerichtet und als Hauptakteure im eigenen Spiel zu erkennen gegeben haben, verlässt Téchiné sie wieder. Nicht weil etwas zu Ende gedacht, zu Ende gelebt oder gelitten wäre. Sondern weil auch das Ephemere zyklisch funktioniert und es nach ein paar Umdrehungen Zeit wird weiterzuziehen. Wie Serge, der in Weit weg von Frankreich nach Tanger und zurück pendelt, die marokkanische Jüdin Sarah liebt und sie doch immer wieder verlassen muss, um seine Liebe überhaupt zu bemerken. Und wie Sarah, die vielleicht nach Kanada geht, um zu studieren, wenn die Sache mit Serge nicht konkreter wird. Oder Saïd, der lieber heute als morgen nach Europa will.

Kino zwischen Abfahrt und Ankunft. Bei Téchiné ist die Bewegung, ob auf Fahrrädern, Mofas oder schweren Trucks, ob auf Fähren, über Schnellstraßen oder Serpentinen ein ebenso elementares Element wie der Stillstand. Die digitale Kamera liegt hier relativ ruhig in der Hand. Bei so viel Instabilität braucht es keine Extrawackler, keine gerissenen Schwenks und hektisch verlagerte Tiefenschärfe, um die Welt aus den Angeln zu heben. Das DV-Bild funktioniert eher wie ein Bewegungsmelder, der jede Kurve, jede Schwelle, jedes Stolpern registriert, ohne darüber in Aufregung zu geraten.

Die Kamera begleitet, schwebt, federt ab. Sie sorgt für eine Leichtigkeit, in der sich jede dramaturgische Taktik, mit der sich die Erzählung erst für Serge, dann für Sarah, später für Saïd interessiert, elegant verstecken kann.

Drei Menschen, drei Fernziele, Sterben und Leben, Export und Import. Transit als Grundstimmung, für die Téchiné in Tanger eine perfekte Kulisse findet.