Am Lido wirkt alles ein wenig melancholischer als anderswo. Bald nach der Ankunft fühlt man sich an diesem Badeort, dessen Luft immer ein wenig von Visconti, Mahler und unsichtbarem Herbstlaub durchweht ist, angenehm angekränkelt. Venedig, Sinnbild einer Schönheit, die dem Untergang geweiht ist, ein idealer Kino-Ort, wie geschaffen für Bilder von Sehnsucht und Ausschweifung, Wunsch- und Albträumen. Man ertappt sich bei dem Gedanken, vor einem der alten Luxushotels in einen Liegestuhl zu sinken und wie einst Gustav Aschenbach mit Blick auf die spiegelglatte Adria leise aus der Welt zu dämmern. Oder in einer der abgeblätterten Fin-desiècle-Villen über Tage hinweg seltsam entfremdete Antonioni-Partys zu feiern.

Auch die Mostra del cinema steht im Zeichen einer zarten Lethargie, die kaum je in Hektik oder überflüssigen Aktionismus umschlägt. Eher neutralisieren sich eventuell vorhandene Energieüberschüsse sogleich in einem großen Durcheinander der Zeitachsen und Parallelwelten, schlurfen Feriengäste in Badelatschen an schwarz gewandeten Bodyguards vorbei, bringen Schnellboote, die mit Harrison Ford oder ähnlichen Hollywood-Partikeln beladen sind, die Barkassen der Muschelfischer sanft zum Schaukeln. In der Schlange des Strandrestaurants präsentieren Pensionärinnen malvenfarbene Badeanzüge, Goldklunker und sonnengegerbte Haut, während auf dem roten Teppich Sophia Loren, deren Gesicht zu einer erschreckenden Glamourmaske erstarrt ist, als "Bellissima" gefeiert wird - so wird in Venedig selbst das Altern der Filmstars zum natürlichen Zeichen einer umfassenden Morbidität. Kam vielleicht diese mehr oder weniger latente Lido-Melancholie bei der 59.

Ausgabe der Filmbiennale deshalb besonders zum Ausdruck, weil auch auf der Leinwand eine unbestimmte Wehmut herrschte?

Auf der Suche nach der verlassenen Geliebten

In Far from Heaven bezieht sich Todd Haynes auf die großen amerikanischen Melodramen der fünfziger Jahre, die er von den prallen Technicolorfarben bis in die Details von Outfit und Ausstattung akribisch rekonstruiert. In diesem Film will der Herbst gar nicht mehr aufhören. Schon hat er die Vorgärten erreicht, lugt durch die Wohnzimmerfenster und wirft seine ersten Schatten auf das Gesicht von Julianne Moore. Zwischen purpurnen Petticoats und giftgrünen Cocktails spielt Moore, die für diese Rolle den Preis als beste Darstellerin erhielt, eine permanent lächelnde Hausfrau, deren Glückskonstruktion am Auseinanderbrechen ist, auch wenn sie es noch nicht wahrhaben will. Ihr Mann fühlt sich zu anderen Männern hingezogen und sie selbst zum farbigen Gärtner, derweil eine alarmierte Phalanx aus bedrohlichen Busenfreundinnen und Klatschbasen argwöhnisch über die Erhaltung der Etikette wacht. Während sich der Betrachter über Julianne Moores kühn karierte Badeanzüge und die schnittigen Hüte ihres Mannes belustigt, schaut eine ganze Epoche des amerikanischen Kinos von der Leinwand zurück - um verwundert festzustellen, dass sich seit den Fünfzigern weniger verändert hat, als die Zeichen der Mode und der Ausstattung glauben machen. Far from Heaven ist eine filmische Elegie über Gefühle, die im wahrsten Sinne des Wortes nicht ins Bild passen, über Begehren und Sehnsüchte, die im Keim erstickt werden, weil es für die, die sie empfinden, keinen gemeinsamen Ort gibt.

Herbstliche Farborgien, ein symbiotisches Liebespaar, das nach einem Verrat ruhelos umherziehen muss - auch der neue Film von Takeshi Kitano ist von einer traurigen Grundmelodie durchzogen. Den Titel kann man durchaus programmatisch verstehen: Dolls beruht auf der Tradition des klassischen japanischen Bunraku-Puppentheaters und macht seine Hauptfiguren zu Menschenpuppen. Mit einer Kordel aneinander gebunden, durchwandelt das junge Paar uhrwerkhaften Schrittes die Landschaften und Jahreszeiten. Ewiger Bußgang und Pilgerfahrt ohne Ziel, die zum roten Faden eines Films wird, in dem sich alltägliche Figuren der modernen japanischen Gesellschaft und der Popkultur mit Jahrtausende alten Auffassungen von Liebe, Anbetung und Opfer verbinden.

Die Wege der unzertrennlichen Liebenden kreuzen sich mit einem fanatischen Fan, der einer Sängerin bis zur Selbstaufgabe nachstellt und einem alternden Yakuza-Mitglied, das nach Jahren seine einst verlassene Geliebte aufsucht. In einer großartigen Szene zeigt Kitano den mystischen Moment, in dem die Menschen ihr Puppenschicksal annehmen. Vor einer gewaltigen Schneelandschaft filmt er zwei prachtvolle Gewänder, die in der Luft zu hängen scheinen. Nach einer kurzen Überblendung steckt das Paar auch schon in seinen neuen Kostümen, als sei es von unsichtbaren Händen angezogen worden. So betreibt Dolls ein Spiel mit dem Determinismus und eine Umkehrung der Repräsentation: Kitanos Film könnte dem Kopf einer Bunraku-Puppe entsprungen sein, die sich wiederum der Menschenpuppen bedient, um eine große Liebesparabel zu erzählen.