Das gemeinsame Mahl im Kreis der Familie zählt zu den wenigen noch stabilen Werten in unserer Gesellschaft. Es gilt als Inbegriff des Zusammenseins und steht im Zeichen der drei großen G: Genuss, Geselligkeit, Geborgenheit. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat es in seinem neuesten Buch auf den Punkt gebracht: Gemeinsam essen macht Familie stark.

Die Lektüre stimmt allerdings nachdenklich

denn das vermeintliche Lob- und Trostbuch entpuppt sich überwiegend als Ratgeber für akute Krisensituationen, etwa den Umgang mit Essensverweigerern, Nörglern, bulimischen und anorektischen Teenagern, tyrannischen Vätern und hysterischen Müttern.

Keinen Gedanken verschwendet Juul jedoch auf die tieferen Ursachen der Tafelkrisen. Lässt man romantische Verklärungen beiseite, so hat wohl jeder schon Erfahrungen gesammelt mit unerfreulichen Debatten zu Tisch bis zum handfesten Krach. Da kommt reichlich Ärger auf den Teller: Taschengeld, Ausgehzeiten, Schulnoten, Urlaubsziele, falsche Freunde, familiäre Pflichten.

Der häusliche Herd ist ein Krisenherd und der Familientisch eine Brutstätte für Konflikte. Keiner kann abhauen, ohne neuen Streit zu provozieren: "Bleib gefälligst sitzen, bis alle fertig sind!" Es gilt die Sippenhaft.

Anders lautenden Behauptungen zum Trotz: Essen ist seinem Ursprung nach keine friedliche Tätigkeit. Essen heißt Überleben und damit Arterhaltung und Auslese. Fressfeinde und -neider lauern im eigenen Rudel, nahezu alle Arten stressen beim Fressen. Fraßfriede herrscht nur bei Überfluss. Die scheinbar friedlich grasende Herde folgt einer genauen Rangordung, Vortritt hat das Alphatier. Eine Löwenfamilie "teilt" die Beute keineswegs, sondern frisst hierarchisch. Bei einigen Arten fressen männliche Einzelgänger sogar ihren Nachwuchs, wenn die Tiermutter ihn nicht schleunigst in Sicherheit bringt.

"Nur" Tiere? Eine halbe Stunde Beobachtung am Pavianfelsen kann menschliches Überlegenheitsgefühl nachhaltig ins Wanken bringen. In manchen Familien bekommt der Vater immer noch das größte Stück Fleisch. Meist geht es aber gar nicht mehr direkt um die Wurst, sondern stellvertretend zum Beispiel ums Taschengeld. "Übersprungshandlung" nennen Psychologen das.