Brüssel

Joschka Fischer hat mal wieder mit Colin Powell telefoniert - und Jacques Chirac mit George W. Bush. Was nicht ganz dasselbe ist, als wenn Gerhard Schröder jetzt den amerikanischen Staatschef anrufen würde und nicht nur einen Brief geschrieben hätte. Immerhin, jeder spricht mit jedem, irgendwie.

Und so wissen alle, woran sie sind in dieser Krieg-in-Sicht-Krise.

Die Europäer zum Beispiel: angeblich kopflos angesichts amerikanischer Entschlossenheit. Tatsächlich? Anfang September trafen sich die EU-Außenminister im dänischen Helsingór. Zuvor hatte der Kanzler einen Feldzug gegen den Irak als "Abenteuer" gegeißelt. Keiner der 14 Partner widersprach, als Joschka Fischer den Kollegen erläuterte, dass die Bedrohungslage in Nahost durch den Diktator Saddam Hussein unverändert sei, ein Präventivkrieg aber amerikanische Verantwortung für die ganze Region nach sich ziehen würde. Anders als 1945 in Europa würde die Amerikaner dort keiner mit Jubel begrüßen.

Stichwort Präventivkrieg. "Ich habe es Präsident Bush bereits gesagt, ich bin gegenüber dieser Doktrin äußerst zurückhaltend", erklärte jetzt Präsident Jacques Chirac der New York Times in einem langen, blitzgescheiten Interview, das den Franzosen zur Führungskraft der Union promovierte. "Eine höchst gefährliche Doktrin", warnte Chirac den amerikanischen Freund. Die meisten Europäer denken und reden so. "Wir sind gegen einen Präventivkrieg gegen den Irak", sagte Xavier Solana der Berliner Zeitung: "Alle nötigen Schritte müssen im Rahmen der Vereinten Nationen getroffen werden." Und wo ein Schröder in jedem Fall im Krieg ein zu großes Risiko sehe, so Solana, da hätte auch die Mehrheit der EU-Länder "große Bedenken". Was wohl meint: Unter den 15 haben 13 mehr Verständnis für den Mann in Berlin als für den Mann in London, der gen Washington abdriftet. Zumal Schröder im Wahlkampf steckt: Mildernde Umstände, signalisiert Chirac, denn "Wahlen sind ein bisschen wie der Gendarm, nämlich der Anfang der Klugheit".

Die Niederlande, erklärte ihr Ministerpräsident Jan-Peter Balkenende, würden eine Militäraktion unterstützen - als letztes Mittel. Zuvor müsse aber bewiesen werden, dass Saddam über Massenvernichtungswaffen verfüge und Verbindung zum Terrornetzwerk von al-Qaida habe. Auch der belgische Außenminister Louis Michel will von einem Vorgehen ohne neue Beweise und ohne Resolution des UN-Sicherheitsrates nichts wissen. Spanien, sagte Außenministerin Ana Palacio, wolle alle Möglichkeiten der Diplomatie ausschöpfen. Auch Dänemark, das derzeit den EU-Vorsitz führt, beharrt auf einem Beschluss des Sicherheitsrates, ehe an mehr zu denken sei.

Im Kreis des europäischen Unbehagens wirkt Schröder eher wie der radikale Flügelmann. Isoliert ist hingegen Tony Blair, der sich von Chirac ein paar Nettigkeiten anhören darf. "Da gibt es nicht 'Schröder und ich' auf der einen und 'Bush und Blair' auf der anderen Seite. Ich beobachte derzeit vielmehr 'Bush und Blair' auf der einen und alle Übrigen auf der anderen Seite", analysierte Frankreichs Präsident.