Karlsruhe, Magdeburg, Düsseldorf

Für das Preis- und Pokalschießen des Schützenvereins Knielingen reicht die Zeit am Samstag gerade noch. Zehnmal darf Ulrich Eidenmüller schießen, siebenmal trifft er, öfter als jeder andere in der kleinen FDP-Mannschaft. So soll es auch sein, denn der 53-Jährige muss in diesen Wahlkampfwochen den Leitwolf geben beim Bier auf der Kirmes, die man hier in Karlsruhe Kerwe (von Kirchweih) nennt, am Samstag an drei Info-Ständen. Am Sonntag fährt Eidenmüller zum dreistündigen Mini-Parteitag der FDP nach Berlin. Es sei ja "nicht auszuschließen", dass Parteichef Westerwelle ihn in seiner Rede erwähnt.

Westerwelle hat sich seine "Partei für das ganze Volk" wahrscheinlich nicht gar so volkstümlich vorgestellt, wie dies der Karlsruher Bürgermeister Eidenmüller und seine wackeren Wahlkämpfer tun. Immerhin hat die Berliner Zentrale Eidenmüller Mitte Juli noch schnell zum "Kommunalbeauftragten" der Bundes-FDP ernannt, um ihm zusätzliche Bedeutung zu verleihen. Denn schließlich wirbt der Jurist allen Ernstes um die Erststimmen, will ein Direktmandat für den Bundestag ergattern. So ist das eben mit der neuen FDP-Wahlstrategie.

Auf Pragmatismus umgepolt

Was die Berliner Parteistrategen "Äquidistanz" zu Union und SPD nennen, ist für Eidenmüller selbstverständlich: Er will Wähler aus allen Lagern. Für die Lokalzeitung lässt er sich deshalb lieber samt Tochter auf dem Balkon fotografieren als im Weinkeller: "Sonst heißt es, der ist nur was für die gehobenen Leut." Sogar bei einer Abendveranstaltung der Globalisierungsgegner tritt er auf und wird freundlich empfangen, obwohl er ständig das Wirtschaftsmagazin Economist zitiert. "Wir machen das Unmögliche möglich", lautet Eidenmüllers Wahlkampfmotto.

Das Unmögliche: So denken viele liberale Basiskämpfer - und nicht nur im stillen Kämmerlein - über Westerwelles hochtrabende Kanzlerkandidatur, über das 18-Prozent-Wahlziel, über Direktmandate. Die Zeit, in der selbst ergraute Endfünfziger den jung-dynamischen Parteichef heimlich oder offen bewunderten, ist vorbei. Inzwischen macht jeder lieber seinen eigenen Wahlkampf und wartet ab. Schließlich ist am Abend der Wahrheit, am 22. September, fast alles denkbar: hämische Kommentare über verfehlte Ziele plus einer liberalen Führungskrise im Falle einer Niederlage. Aber auch die Rückkehr an die Macht, ein Westerwelle, der als Kanzlermacher sowohl mit der Union als auch mit der SPD verhandeln kann, scheint möglich.

Vom "Projekt 18" allerdings ist an der Basis selten die Rede. Geblieben ist jedoch die überall spürbare Erleichterung über die so genannte Unabhängigkeitsstrategie, mit der sich alle offenbar einfach besser fühlen.