Als Claudio Abbado vor elf Jahren den begehrtesten Dirigentenposten der Welt übernahm und Chefdirigent der Berliner Philharmoniker wurde, vollzog sich sein Amtsantritt eher leise, peu à peu und unspektakulär, ganz seinem introvertierten Charakter entsprechend - wie jene Menschen, die plötzlich einen Raum mit ihrer Präsenz ausfüllen, ohne dass man genau sagen kann, wann und wie sie hereingekommen sind. Verglichen damit hat nun sein Nachfolger Simon Rattle die Saaltüren der Berliner Philharmonie regelrecht eingetreten.

So krachend fulminant und vor Kraft berstend fiel sein Amtsantrittskonzert aus. Rattle überführte den irrwitzig hoch gekitzelten Erwartungsdruck, der mit seinem Berliner Neuanfang verbunden ist, in musikalische Hochspannung.

Das Eröffnungsstück Asyla des jungen englischen Komponisten Thomas Adès gab er als losgelassene Bravournummer zeitgenössischer Musik: gefährlich rumorend und bohrend, das raffiniert gefügte Zapping der Tonfälle kontrastreich bis zur Schmerzgrenze herausstellend. In Mahlers fünfter Symphonie stürzte er sich mit einem geradezu obsessiven Elan in die Ausdrucksextreme. Kein Fortissimoausbruch konnte ihm weltsprengend, kein Streicherlamento resignativ genug ausfallen. Und die Philharmoniker spielten, als ginge es um ihr Leben.

Eine aufwühlende Mahler-Symphonie, in der einiges allerdings zu hitzig, zu forciert, zu übermotiviert erklang. Die introspektiveren, schmerzlich kantableren Mahler-Interpretationen von Claudio Abbado waren in dessen besten Konzerten bewegender. (Am kommenden Sonntag wird das Rattle-Konzert auf Arte übertragen, und die Plattenfirma EMI bringt noch im September einen Live-Mitschnitt der Mahler-Symphonie auf den Markt.)