Erdkunde" ist ein Fach für die Klippschule. Es umfasst alles, was vor der Geografie kommt. Da ist es kein Wunder, dass sich Marcel Beyer in diesem Zusammenhang Wörter wie "Anorak" aufdrängen, wie "Kondensmilch" oder "Bübchenöl": das sind Wörter, die bis weit in die siebziger Jahre hinein uneingeschränkt Bestand hatten und Kindheiten markieren konnten. In Marcel Beyers Gedichte mischen sich zögernd solche Zeichen der eigenen Biografie - aus der Zeit, als das Fach "Erdkunde" hieß und noch nicht "Geografie".

Es ist eine behütete westdeutsche Kindheit, die in Beyers Gedichten sporadisch auftaucht. Aber sie ist beileibe nicht das Wesentliche, sie wird erst im Kontrast erkennbar. Denn im Zentrum steht die Erfahrung des ostdeutschen Alltags, die Erfahrung, Nachbarn zu haben, die von der DDR und mittelbar von den Konzepten der Sowjetunion geprägt wurden. Diese Lyrik hat mit den Alltagsgedichten der westdeutschen siebziger Jahre, dem nachdrücklichen Befragen und Hervorkehren der eigenen Subjektivität nicht viel zu tun.

Marcel Beyer ist vor ein paar Jahren von Köln nach Dresden gezogen, und so wurde aus Erdkunde endgültig Geografie. Der Autor nimmt die Dinge, wie zuletzt seine Romane Flughunde und Spione bezeugten, nicht nur einfach unmittelbar, sondern gleichzeitig auch in ihrer Konzeptualität wahr, das theoretische Wissen und die soeben gemachte Erfahrung gehen fast unmerklich ineinander über. Das "Authentische" ist spätestens in der Generation Beyers (er ist 1965 geboren) fragwürdig geworden, man weiß über vieles bereits Bescheid, bevor man es erlebt.

Der Popdiskurs und der Poststrukturalismus sind auch für Beyer von Anfang an der Orientierungsrahmen gewesen, sein erster Roman Das Menschenfleisch von 1991 ist eine virtuos arrangierte Zitatcollage aus Theorie, Pop und Erzählstrategien. Es ist aufschlussreich zu verfolgen, wie sich in Beyers Texten langsam das Theoretische auflöst und etwas zunächst Diffuses immer mehr Raum gewinnt, etwas, das sich nur aus dem Schreiben ergeben kann. Auf dem Umweg über die in ihren atmosphärischen Umrissen noch zu erahnende Zeitgeschichte, die Welt der Väter und Großväter, entsteht ein Bewusstsein für die eigene Position. Die Nazizeit, die jüngste deutsche Geschichte ist für Beyer eine ästhetisch aufgeladene Projektionsfläche.

Im Lyrikband Erdkunde sind nun Vergangenheit und Gegenwart gegenseitig so durchdrungen, dass die Kategorien von Zeit und Raum ins Flirren geraten. Das Buch beginnt mit einer behutsamen Annäherung an den Dresdner Alltag. Das Fremde wird in wechselnden Formen umkreist. Durch die Konfrontation mit einem völlig anderen Erfahrungs- und Assoziationsbereich scheint Geschichte frei zu werden, die Gedichte setzen sich aus mehreren archäologischen Zeitablagerungen zusammen, von "Bitumen" bis zu "Knochen". Das "Kühlboxversagen" des Nachbarn beim "Picknick" stellt eine Verbindung her zwischen den Kindheitserinnerungen des Lyrikers und den Freizeitanmutungen des heutigen Ostdeutschlands. Und mit diesen Erinnerungen sind auch Erinnerungen an den Osten verbunden: "Mitte / der achtziger Jahre solche / Zeilen wie: Ich kenne / Das Ufer der Wolga, dabei // bist du aus deinem Schlafdorf / kaum herausgekommen."

Die Steigerung von Dresden

Der Osten weitet sich, er wird als Raum von Lektüre, Traum und Fantasie erkennbar, und diesen Osten mit dem nunmehr real gewordenen im eigenen Lebensalltag zusammenzubringen ist die Anstrengung dieser Gedichte. Die Steigerung von Dresden ist Kaliningrad - ein Ort, dem eine gesonderte Exkursion gilt und in dem die verschiedenen Sphären zusammenfallen: Osten, Ostpreußenfolklore, Sowjetmacht, der Zweite Weltkrieg der deutschen Väter.