Und es ist, durch die Geschichte bedingt, zu einer Kunststadt geworden. Die Kaliningrad-Gedichte bringen die widerstreitenden Motive auf engstem Raum zusammen. Es ist ein anderer Lack hier, eine andere Beize, ein anderes Plastik

"Holz", die große Kategorie der alten Russlandvorstellungen und Wolga-Sehnsüchte, stellt sich vor allem dar als "Kunstfaserfrage". Wörter wie "krimsektfarben" stehen für eine bisher unbekannte Art von Gefühl. Und "unter dem Lenindenkmal" sitzen "drei Jungs in Plastikjacken", da gehen die Geschichte der Väter, die militärisch gen Osten zogen, und die Kindheitsgeschichte in Westdeutschland, wo "Brausepulver" existierte, unversehens in eine akute Jetztzeit über: "wenn sie sprechen, siehst du // keine Zähne. Wer redet hier von Nasenscheidewänden, / die Pattextüten gehen ans Gebiß." Auch die Sucht, die Lebensgier hat hier andere Formen.

Unter der Hand verschwimmen die Vorstellungen des westdeutschen Behütetseins.

Der westdeutsche Tierfilm heißt ein Zyklus gegen Ende des Bandes, in dem Heinz Sielmanns bedächtige Fernsehkamera und die Panzertruppen vor Stalingrad eine assoziative Verbindung eingehen: "im Grunde sind wir alle auf der Krim gewesen", heißt es einmal. Der Osten ist zur Realität geworden und damit zu einem Kapitel, das noch längst nicht abgeschlossen ist. Dies ist das Bemerkenswerte dieser Gedichte: Die Geschichte, etwas vermeintlich Stillgelegtes, ist wieder in Bewegung geraten. Und paradoxerweise ist der Katalysator dafür eine Lebenswelt, in der an der Oberfläche alles Geschichtliche getilgt worden ist. Es sind nur noch Abfallprodukte da, blasse Schemen des Gegenwärtigen. Das, was man früher "lyrisches Ich" genannt hat, erkennt sich hier wieder. Das Gedicht Narva, taghell ist ein Programmgedicht: "Die Sprachen sind mir fremd, als würde / ich Pantoffeln tragen: aber ich // bin da. Kunstfaser, Pelzbesatz und / Einlegsohlen: alle Dinge sind mir nah."

Beyer ist bei den Dingen selbst angelangt, und er hat dafür eine Sprache gefunden, die sich zunächst bedeckt hält, die sich vorsichtig herantastet, aber unwillkürlich ins Offene gerät. Die Rolle, die in der deutschen Lyrik lange die Natur eingenommen hat, wird jetzt langsam durch die Geschichte ersetzt: Marcel Beyers Band ist ein wichtiger Wegweiser dafür.

Marcel Beyer: Erdkunde

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