Sie wirkten wie zwei Chefankläger. Als George Bush und Tony Blair am vergangenen Wochenende in Camp David vor die Fernsehkameras traten, war der Fall Saddam für sie klar. "Ich weiß nicht, welche Beweise wir noch brauchen", meinte der US-Präsident mit Fingerzeig auf einen "neuen Bericht" der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO). Den, sekundierte ihm der britische Premier, müsse man doch nur lesen, um zu erfahren, "was in einer früheren Nuklearwaffenfabrik vor sich geht". Hier irren die Staatsmänner.

Denn einen neuen Bericht der IAEO, noch dazu einen, der auf ein neues Atomprogramm im Irak hindeuten könnte, gibt es nicht. Der aufgerufene Zeuge, der Leiter des Irak-Teams bei der Wiener IAEO, Jacques Baute, stellte klar: "Wir haben nichts, was uns erlaubt, eine Schlussfolgerung zu ziehen." So haben Blair und Bush bisher nur eins bewiesen: wie frei sie die tatsächlichen Erkenntnisse über Saddams nukleares Potenzial zu interpretieren verstehen.

Die IAEO-Inspekteure verließen den Irak am 16. Dezember 1998. Bis dahin waren sie zu 1625 unangemeldeten Besichtigungen ausgerückt und hatten dabei 90 kleinere und größere Waffenschmieden entdeckt. In Tuwaitha, Tarmiya und Al-Furat fanden sie verschiedene Anlagen zur Urananreicherung und Plutoniumseparation. Neben 22 Kilogramm hochangereichtertem Uran (HEU), das unschädlich gemacht wurde, fanden sie auch 5,5 Gramm Plutonium. Für eine Bombe sind mindestens 9 Kilo erforderlich. Hussein hatte außerdem 1,8 Tonnen schwach angereichertes Uran sowie mehrere Tonnen natürliches und abgereichertes Uran gehortet. Diese - waffenuntauglichen - Funde lagern bis heute unter jährlicher IAEO-Kontrolle im Irak. Nach ihrem nuklearen Hausputz gingen die Atomaufsichtler davon aus, dass der Irak weder in der Lage war, Atomwaffen noch waffenfähiges Spaltmaterial in ausreichenden Mengen zu produzieren. Als die IAEO allerdings am 7. April 1999 ihre Bilanz an den UN-Sicherheitsrat übergab, lieferte sie einen wichtigen Lesehinweis mit: "Eine Aussage der IAEO, dass es keine Anzeichen für verbotenes Material gibt, bedeutet nicht, dass es nicht existiert." Zwar regelt eine 496 Seiten lange Liste minutiös, welche chemischen Produkte und Maschinenteile in den Irak exportiert werden dürfen, aber auch bei der Wiener Behörde will man nicht ausschließen, dass Saddam Schleichpfade gefunden haben könnte.

Pünktlich zum Treffen in Camp David löste nun das Londoner International Institute for Strategic Studies (IISS) Alarmstufe Gelb aus: Der Irak sei in der Lage, innerhalb weniger Monate eine Nuklearwaffe zu bauen, vorausgesetzt, er käme in den Besitz von waffenfähigem Uran oder Plutonium. Das klingt zunächst nach einer brauchbaren Zeugenaussage. In Wahrheit ist es eine sicherheitspolitische Plattheit. Schon 1977 informierten Fachleute den US-Kongress, dass zum Bau einer einfachen Atombombe nicht mehr als ein paar Kilogramm HEU, einige hunderttausend Dollar und wenige Monate Zeit gehörten.

Und nach dem Kalten Krieg ist der Markt ergiebig wie nie zuvor. Allein in Russland sollen nach Schätzungen über 1000 Tonnen HEU lagern - oft schlampig bewacht.

5 bis 10 Kilogramm reichen aus, um eine atomare Rucksackbombe zu fertigen.

Für eine Uranbombe mit der Hiroshima-Sprengkraft (vergleichbar mit 12 500 Tonnen TNT) müssten Terroristen 50 bis 100 Kilo HEU abzweigen. Wie lange Saddam Hussein dafür bräuchte, weiß niemand.