ZEIT-Grafik

Die Münchner fahren in die Berge wie andere Menschen zum Dienst. Es handelt sich dabei eher um eine Manie als um Sport. Ausflugsberge wie die Neureuth, eine Kuppe über dem Tegernsee, hat der liebe Gott ohnehin nicht für elegische Heldenepen geschaffen, sondern zur Gaudi. Der Weg hinauf ist ein vertikaler Bummel, mehr Schreiten als Steigen. Oben auf der Alm eine Hütte mit ausladender Terrasse: tief unten der grün schillernde See, von blauen Bergen eingefasst, dazu der vom Föhn auf Hochglanz polierte Himmel. Viel Aussicht für wenig Schweiß. Biodynamische Jungmütter tragen ihren Nachwuchs in der Kunststoffkraxe, athletische Schnösel verschanzen sich hinterm Inkognito ihrer Sonnenbrillen. Dazwischen Radler in Reizwäsche: die Landplage der Mountainbiker. Hier ist Verwandtschaft aus Amerika mit von der Partie, dort die thailändische Ehefrau. Vom Talgrund her schallen die Sonntagsglocken. Und die Weißbierpokale leuchten im Sonnenschein wie goldene Monstranzen.

Mount Washington, New Hampshire, 1917 Meter

»Darf ich vorstellen: das schlimmste Wetter der Welt!« Phil Coles, die Wachablösung für die meteorologische Station, steuert seinen ketchuproten Chevi durch die Wolken, die wie kalte Wickel um den Berg liegen. »Über New Hampshire geben sich drei kontinentale Windströme ein Stelldichein. Doch plötzlich versperrt ihnen der Mount Washington den Weg! Das ist, wie wenn du einen Gartenschlauch voll aufdrehst und dann den Daumen draufhältst.« Hier wurde die höchste Windgeschwindigkeit aller Zeiten gemessen: 372 Kilometer in der Stunde. »Heute sind es vielleicht 100«, meint Phil prüfend, während der Wagen wankt wie ein Flugsimulator. »Ein Kollege hat sich in die Antarktis versetzen lassen. Zur Erholung.« Seit 1869 wuchtet sich eine Zahnradbahn über abenteuerliche Holzviadukte zum Gipfel, eine schnaubende, ruckelnde, den ganzen Hang durch ihren braunen Rauch verpestende Legende. Vor 100 Jahren erhob sich dort oben eine ganze »Stadt über den Wolken«, mitsamt Luxushotel, Ballsaal und eigener Zeitung. 1908 zerstörte ein Brand die meisten Gebäude. Auch der weiße Koloss im Tal stammt noch aus jenem goldenen Zeitalter, und er hat überdauert: das Hotel von Bretton Woods. 1944 beherbergte es jene Weltkonferenz, auf der die Finanzordnung der Nachkriegszeit begründet wurde. Seither, so scheint es beim abendlichen Tanzvergnügen, ließ die Zeit diesen Ort auf sich beruhen. Dezent schrammelt die Big Band zum Licht elektrischer Kerzen: Lazy Sunday. Dann ertönt ein Tusch, das Ehepaar Macintosh begeht seinen 65. Hochzeitstag. Sie hatten schon ihre Flitterwochen in Bretton Woods verlebt.