B E R G S P O R T Hoch gestapelt
Es ist der härteste Marathon Europas - und der schönste der Welt. Im Angesicht von Eiger, Mönch und Jungfrau windet sich eine Endlosschlange dem Schweizer Himmel entgegen. Erlebnisse eines Mitläufers
ZEIT-Grafik
Weite ist nicht in Sicht. Bloß Felsmassive, bedrohlich hoch, kratzen am Himmel. Warum stehen so viele Berge hier rum? Mein Vater hat mir die Frage einst beantwortet: Die Schweizer hätten so viel Land geklaut, bis sie nicht mehr wussten, wohin damit. Also haben sie gestapelt.
Vor mir erhebt sich Diebesgut von der Größe Niedersachsens. Der Stapel heißt Jungfrau. Er ist 4158,2 Meter hoch, großartig gebaut, von gleißender Sonne bestrahlt. Mit Eiger und Mönch bildet die Jungfrau das berühmteste Dreigestirn der Alpen. Löst man den Blick von den Riesen oben, fällt er dreieinhalbtausend Meter nach unten in den Trog des Lauterbrunnentals. Senkrecht stürzen sich Bäche von den Klippen ins Tal. So viel wilde Schönheit an einem Ort! Die Erde ist nicht gerecht.
Man könnte das Tal und die Füße der Berge leise atmend erwandern, der Ruhe entsprechend, dabei Albrecht von Hallers Alpengedicht aufsagen und in aufrechtem Gang - der natürlichen Fortbewegungsweise des sapiens gewordenen Hominiden - den Blick schweifen lassen.
Doch als Hochkulturwesen ist der moderne Mensch einen Schritt weiter. Er schnürt sich gepolstertes Schuhwerk an die Füße, drückt Kopf und Oberkörper nach vorn und rennt los. Sogar die einstige Heldendistanz, deren erster Bezwinger tot zusammenbrach, ist heute eine breitensportliche Disziplin. Marathonläufe durch New York, den Grand Canyon und Berlin treiben nur noch selten jemand ins Grab oder ins Sauerstoffzelt. Sogar den Weg zum tiefsten Punkt der Erde, am Toten Meer, weisen die Fähnchen eines Ultramarathons. Warum also nicht auch das Jungfraumassiv hechelnd erspüren, als Held über 42,195 Kilometer?
Der Start liegt im Tal, im Zentrum von Interlaken, 565 Meter über dem Meer. Altbundesrat Adolf Ogi schießt als Starter um 8.45 Uhr die 2978 Läufer auf die Piste. Vom blaugrünen Brienzersee geht es talaufwärts Richtung Lauterbrunnen. Jedes durchquerte Dorf - Bönigen, Wilderswil, Gsteigwiler, Zweilütschinen - feiert mit Blaskapellen, brüllenden Anheizern und Fähnchen die Läufer und sich selbst. Jubel schwemmt einen vorwärts. Und nach halber Strecke verrät der Blick auf die Uhr: 5 Minuten pro Kilometer. Ordentlicher Schnitt.
Keine Blase am Zeh, das Knie ruhig, die Archillessehne beschwerdefrei, die Lunge zufrieden. Außer lächerlichen Magenkrämpfen spricht nichts dagegen, dass ich in wenigen Stunden 1887 Höhenmeter überwunden haben werde. Allfälliges Leiden wird nachmittags, am Fuß der Eigernordwand, sicherlich mit einer Massage zu lindern sein. Abends werde ich mir ein Diplom mit meinem Namen auf den Rechner laden. Einzig psychologisierende Mitmenschen drohen den Genuss zu schmälern. Sie denken: Läuft ein Mann um die 40 Marathon, hat er ein Problem. Unbefleckt von innerer Krise oder Komplex, behaupten intelligente Nichtläufer, mache sich keiner an eine solche Herausforderung.
Im Rahmen des härtesten Marathons Europas werde ich nach 800 Höhenmetern (Kilometer 30) mein Hotel in Wengen passieren. Judith Engi vom Bellevue hat beim Frühstück gesagt: »Schon mancher Gast legte sich vor den letzten 12 Kilometern eine Viertelstunde aufs Bett.« Diese Möglichkeit ziehe ich in Betracht.
Der Schwerkraft entgegen
Aber jetzt stellt runner's high sich ein. Der sagenumwobene körpereigene Drogentrip. Erschöpfen Muskeln, geben sie Milchsäure ins Blut ab. Dann sendet die Hirnanhangdrüse als Betäubungsmittel Glückshormone aus. Doch das endorphinerweichte Hirn sollte sich hüten, in Euphorie zu verfallen. Der Athlet läuft Gefahr, am Berg zu scheitern. Bislang kurvte ich mit der Läuferschlange durchs alpine Erdgeschoss. Der Staubbachfall zur Rechten aber ist Omen dafür, was noch fehlt: Höhe.
Goethe machte sich hier, beeindruckt vom 300 Meter tief fallenden Wasserstrahl, ans Verseschmieden. Wo der Dichter dem Gesang der Geister über dem Wasser lauschte, geht es rüber zur anderen Talseite und von da der Schwerkraft entgegen. Denn über der Wand liegt Kilometer 30, Wengen. 500 Meter höher. »Schluss mit lustig«, sagt einer im Feld. Auch die Verpfleger scheinen nicht zu spaßen. Sie legen einem den Genuss von Sportvital Endurance Formula nahe, einem Elektrolytgetränk, das wie gelöster Kaugummi schmeckt, in meinem Körper aber mithilfe von Natrium, Kalium, Magnesium, L-Carnitin diverse Defizite beseitigen soll. Ein Energiekonzentrat füttert mich mit verschiedenkettigen Kohlenhydraten. Zusätzlich zuzele ich Ultra Energy Mix in Gelform. Da sind noch Fettsäuren drin.
Es war gut, sich für den Aufstieg zu rüsten. Der Pfad wird zur brutalen Rampe. Sie ist so steil, dass die Restenergie in den Beinen umgehend verdampft. Ein Tor, wer hier rennend Kraft verpufft. Alle Läufer gehen, einer hinter dem andern, im Gänsemarsch gebückt bergan. Einige treten zur Seite, stoppen, stützen sich mit den Armen auf die Knie. Einer geifert ins Gebüsch.
Dank eines amerikanischen Rankings darf sich der Laufwettbewerb am Fuß von Eiger, Mönch und Jungfrau mit einem weiteren Superlativ schmücken: schönste Marathonstrecke der Welt. Als Folge davon schnellte die Zahl derer, die sich hier quälen wollen, in die Höhe. Doch die Pfade sind streckenweise so schmal, dass der Schnelle den Schlappen kaum überholen kann. Die Organisatoren mussten die Zahl der Starter auf 3500 limitieren. Einzig dieses Jahr, bei der zehnten Austragung, sind, verteilt auf zwei Tage, über 6000 dabei. Aus 50 Nationen.
Einen Moment überlege ich, ob Erschöpfung droht. Bislang gehörte ich stets zur Kategorie Spaßläufer. Bedarf es heute eines Sieges über mich selbst? Bin auch ich einer, der die Grenzen von mens und corpus erkunden will? Der lieber tausend Tode stirbt, als einmal zu scheitern? Der Gedanke wird ernst bei Kilometer 29. Ein Krampf im linken Unterschenkel blockiert die Beinmechanik - trotz wochenlangem Magnesiumkonsum. War's das? Schreibe ich eine Geschichte vom Scheitern?
Ich stretche - und hole mir damit einen zweiten Krampf im Oberschenkel. Einen dritten irgendwo hinter dem Knie. Einen vierten in der anderen Wade. Es gäbe die Möglichkeit einer Massage. Aber schon ertappe ich mich beim Rechnen. Nicht nur der Weg, wie von Konfuzius empfohlen, scheint mein Ziel zu sein. Fünf Stunden habe ich mir vorgenommen. Keine Zeit für die fachgerechte Behandlung durch einen Physiotherapeuten. Ich schüttle die Beine, dehne weiter. Es klappt. Die Muskeln machen wieder mit. Der Marathon bleibt ein Spaß. Fünf Stunden sind wieder drin.
Wengen lärmt. Bellevue-Wirt Andreas Engi schwingt die Berner Fahne. Seine Frau jubelt mir zu: »Isch super!« Die wiedererlangte Lockerheit hält mich davon ab, im Hotelbett zu rasten. Als Läufer ist mir der 30. Kilometer vertraut. Ist er vorbei, naht das Ziel.
Aber nicht hier. Nie brachten diese Bergler Durchschnittliches zuwege. Sie gründeten ein Skirennen - und kreierten mit der Lauberhornstrecke die härteste, längste Weltcup-Abfahrt. Schon 1912 sprengten sie sich durch den Eiger und bauten am Jungfraujoch, auf 3454 Metern, den noch heute höchstgelegenen Bahnhof Europas. Da gibt's auch zum Marathonfinale keine halbe Sache. Ich wähnte mich fast am Ziel. Doch zufällig erspähe ich die Höhenangabe eines Wanderwegs (erst 1800). Schnell überschlage ich die Daten. 400 Höhenmeter auf den nächsten zwei Kilometern!
Hunderte von Läufern quälen sich in Zeitlupe, die Köpfe geneigt vor den Viertausendern, in einer Endlosschlange Richtung Weltall. Zuoberst die Moräne, die einst den Rand des Eigergletschers markierte. Der Blick geht hinüber zur Kante, über die sich das Eis in Jahrhunderten zurückgezogen hat. Es hängt bedrohlich über der Wand. Darunter glänzt wie Glas geschliffener Fels im Sonnenlicht.
Wasser- und Massageposten nun alle paar hundert Meter. Ärzte hüpfen hin und her, erkundigen sich nach dem Befinden, helfen dem, der in die Knie geht, auf die Beine. Hubschrauber stehen bereit. Als ich auf den Moränengrat einbiege und den Dudelsack des Schotten zu hören glaube, der am höchsten Punkt der Strecke steht, erfüllt ein höllisches Krachen das Tal. Mehrere Tonnen Eis des Eigergletschers sind abgebrochen, donnern in die Tiefe. Das Krachen hallt nach. Eisbrösel rieseln dem Brocken hinterher. Dann kehrt wieder Stille ein. Nur die hohen Töne des Dudelsacks kommen mit jedem Schritt näher.
Nach 4 Stunden, 59 Minuten, 26,8 Sekunden überquere ich auf der kleinen Scheidegg, am Fuß der Eigernordwand, die Matte für die Zeitmessung. Dem Gefühl, das sich einstellt, würde keine Silbe gerecht. Das ist ein Sieg, gegen niemand. Ein Mädchen hängt mir die Medaille um den Hals. Ein Helfer klippt den Kontrollchip von meinem Schuh. Ich habe Anrecht auf ein Finisher-T-Shirt, wähle Größe L.
Dann lerne ich Jo Kox kennen. Der Luxemburger sitzt im Bergrestaurant, hält sich fest an einem Glas Bier und sagt: »Heute fünf null fünf, morgen sechs null sechs.« Seine grüne Startnummer verrät mir: Er wird morgen noch einmal laufen. Das Ganze von vorn. Er mache, sagt Kox, jedes Jahr »etwas Verrücktes«. Außerdem habe er sich zweimal angemeldet, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, endlich zu verstehen, warum dieser Marathon der schönste der Welt sein soll. Das Wetter sei stets entsetzlich gewesen. Wegen Nebel und Schnee habe er die Jungfrau kein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Bis heute. Trotzdem noch einmal. Dann nimmt er schnell einen Schluck. Bevor das Bier in der Sonne warm wird.
Information
Termin: Nächstes Jahr findet der Jungfrau-Marathon am 6. September statt. Anmeldung voraussichtlich ab November unter der Internet-Adresse www.jungfrau-marathon.ch
Strecke: Von Interlaken über Wengen bis zur Kleinen Scheidegg sind 1887 Höhenmeter zu bewältigen. Übernachtungsmöglichkeiten für Teilnehmer unter anderem in Wengen, Mürren, Lauterbrunnen und Interlaken
Gebühr: Je nach Anmeldungstermin zwischen 70 und 100 Euro
Auskunft: Jungfrau-Marathon, Postfach, CH-3800 Interlaken, Tel. 0041-33/828 37 46, E-Mail: info@jungfrau-marathon.ch
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