K I N O Der große Katzenjammer

"Nackt", "Väter" und "Halbe Treppe" - passend zur Konjunkturschwäche versucht sich das deutsche Kino an der Lebenskrise

Doch nun, nach ein paar Jahren unbeschwerten Aufsteigerglücks, nach dem Genuss der Luxusgüter, Geborgenheitsnischen und Aktienrenditen, die da nach all den Abspännen winkten, scheint auf einmal alles anders: Passend zu Börsenkrächen und darniederliegender Konjunktur landen die Filmhelden in der Lebenskrise. Das deutsche Kino - ein besoffener Partygast, der im Endstadium des Abends, sozusagen über dem abgefressenen Buffet und beim finalen Glas Prosecco, plötzlich anfängt, über Karrieredruck, den allgemeinen Werteverfall und seine langweilige Ehe zu lamentieren. Bevölkert wird das neue Genre des Katzenjammerkinos von Menschen, die es, wie man so schön sagt, geschafft haben, ihr berufliches wie privates Etabliertsein aber wiederum zum Nährboden von Sinnkrisen und Selbstzweifeln machen. Wir bekommen es mit Zeitgenossen zu tun, die von guten Gehältern über sympathischen Partnern bis zu niedlichen Kindern alles haben, wovon sie mal geträumt haben - und genau hier liegt das Problem.

Dr. Dörries Partnerberatung

In Doris Dörries neuem Film Nackt, der auf ihrem eigenen Theaterstück beruht, tritt die neue Dekadenzdepression am deulichsten zutage. Gleich zu Beginn entzweit sich ein Paar inmitten seiner schicken Chromküche darüber, ob das mit viel Aufwand gemeinsam zubereitete B“uf Bourguignon durch den unbedachten Zusatz von Sahne ruiniert wurde. Daraus ergibt sich wiederum die Frage, ob man den zum Abendessen erwarteten Freunden eine beim Chinesen bestellte Ente vorsetzt oder ob das Ersatzgericht einen Gesichtsverlust bedeuten könnte. Immer wieder geht es in Nackt um Distinktion und Konkurrenz, um das Verbergen und Überspielen der eigenen Schwächen und die misstrauische Beobachtung der Gegenseite. Nina Hoss und Mehmet Kurtulus, Alexandra Maria Lara und Jürgen Vogel, Benno Fürmann und Heike Makatsch - drei Paare, drei Lebensmodelle zwischen ausdifferenziertem Yuppietum, Börsianermittelstand und Losern, die sich ihres Loserdaseins schämen. Bei einem gewöhnlichen Abendessen geraten sie vom beiläufigen Geplänkel in eine Nacht der Abrechnungen und kleinen Psychodramen. Es sind Personen, aus deren Mündern die besinnliche Intention der Autorin wie durch ein willenloses Medium spricht, denn Doris Dörrie scheint von Anfang an zu wissen, worin das Glück zu bestehen hat: im Eigentlichen, Wahren, Echten nämlich, dem unverstellten, offenen Blick auf den anderen. Nackt ist eine filmische Selbsterfahrungstherapie mit klarem Gruppenziel. Unaufhaltsam werden die Teilnehmer in eine Szene gedrängt, bei der man sich mit verbundenen Augen abtastet, um den Partner endlich wieder zu sehen, zu spüren, zu erkennen.

Gerade als programmatische Konsumkritik bleibt Dörries Film eine scheinheilige Angelegenheit, weil er mit der durchgestylten Welt, deren Oberflächenreize er subkutan unterwandern will und die er zu kritisieren vorgibt, letztlich doch identisch ist. Wir folgen einer Kamera, die sich an den japanischen Schiebetüren eines Luxushauses genauso aufreizt wie an der zeichenhaft zusammengestellten Seventies-Ausstattung einer Szenewohnung. Wir sehen Figuren, die mit ihren elektronischen Palm-Kalendern und Markenklamotten wie verwachsen scheinen und eine Sprache sprechen, in der sich Partypalaver mit Versatzstücken aus der Illustrierten-Partnerberatung ("Interessierst du dich noch für meine Seele?") mischt. Statt die Abgründe hinter den rhetorischen Schutzpanzern aufzuspüren, stopft Dörrie alles, was nur irgendwie nach Abgrund aussieht, mit Allerweltserkenntnissen und seichten Glücksbegriffen zu. So ist sie selbst die größte Verdrängerin ihrer gesellschaftlichen Diagnose.

Auch Dani Levys neuer Film Väter wirkt zunächst wie von einer Familienzeitschrift inspiriert. Ähnlich wie bei Dörrie geht es um Menschen, denen es objektiv an nichts fehlt, die hip herumlaufen, in Szenelokalen essen und gerade dabei sind, ihre Karrieren mit den Anforderungen der Kleinfamilie abzugleichen. Die Herausforderung und gleichzeitige Crux dieses Films besteht in einem klassischen Rollenkonflikt, den jeder von sich selbst, Bekannten oder Verwandten kennt: Vater arbeitet zu viel, und Muttern muss den ganzen Kinderstress alleine tragen. Obwohl Levy mit Maria Schrader und Sebastian Blomberg zwei Schauspieler zur Hand hat, die durchaus in der Lage sind, dem Alltäglichen ihre eigene Dramatik abzutrotzen, vertraut er nicht darauf, dass die Größe seines Themas gerade im Banalen liegt. Statt sich auf eine Arbeitswelt und ihre Durchdringung des Privaten einzulassen, übernimmt Levy den Karrierehunger seiner Hauptfigur ohne weitere Brechungen. So konstruiert er für seinen überarbeiteten Vater ein glamouröses Stararchitekten-Ambiente, mit Dialogen, die ein aufstrebendes Genie in Szene setzen, mit fordernden Chefs und Millionenaufträgen. Gegen diesen Ehemann, der, wie es aussieht, die architektonische Avantgarde des anbrechenden Jahrhunderts prägen wird, macht Schrader mit ihrem kleinkarierten Muttergenörgel und einem unsichtbar bleibenden Lehrerinnenberuf keine Schnitte.

Auch Levys Helden bewegen sich in einem soziopsychologischen Vakuum, verkörpern ein Leiden, das letztlich wie eine Wohlstandserscheinung wirkt, weil die Verletzungen und fragilen Seelenzustände der Figuren immer wieder von aufgesetzter Dramatik übertönt werden. Einmal, als er keinen Ausweg mehr aus der Sorgerechtsfalle sieht, entführt der Vater seinen kleinen Sohn aus dem Kindergarten und unternimmt mit ihm eine Reise. So wird der Film vorübergehend zum Roadmovie, dessen verkrampfte Sehnsucht nach großen Kinobildern in die Grand-Canyon-Landschaft des deutschen Tagebaus führt, bis zu einer pittoresk vom Ausstatter in die Einsamkeit verpflanzten Telefonzelle, von der aus der Kleine endlich seine Mutter anrufen darf.

Obwohl in der eher durchläsigen digitalen Ästhetik gedreht, verharrt Väter im Affirmativen. Gesellschaftliche Zwänge, die ganze Aufstiegs- und Karriererhetorik bleiben wie bei Dörrie auf der Ebene des Schicksalhaften. Wieder scheinen es Verwandte der überwunden geglaubten Großstadtkomödien zu sein, die hier durch eine depressive Lebensetappe stapfen, ausgestattet mit den Insignien einer Leistungsgesellschaft, die ja doch irgendwie ziemlich schick ist, auch wenn sie uns das eine oder andere Problemchen verpasst.

Ostdeutsche Ernüchterung

So klischeehaft die sozialen Schlüsselreize bei Dörrie und Levy, so erwartbar anders sind sie wiederum bei Andreas Dresen. Sein Film Halbe Treppe, der etwas vordergründig die Perspektive der so genannten kleinen Leute einnimmt, erzählt die Midlife-Crisis in der grau unterlegten Ost-Variante. Ein Imbissbudenbesitzer und eine Parfumverkäuferin, ein Radiomoderator und eine Parkplatzwächterin an der deutsch-polnischen Grenze - Paare, deren Biografien in feste Bahnen gerieten, noch bevor sie irgendwie entworfen wurden, Menschen, die sich leicht ermüdet durch ihre Ehen wurschteln. Es geht ums Allzuvertrautsein und die Sehnsucht nach einer Affäre. Manchmal scheint im trüb verhangenen Himmel über Frankfurt/Oder noch die realsozialistische Enge und Tristesse durch, dann wieder weitet sich der Plattenbauhorizont im Überschwang des Frischverliebtseins.

Bei Dresen hat die Arbeitswelt ausdrücklich ihren Anteil an der Befindlichkeit der Figuren. Halbe Treppe zeigt Leute, die tagtäglich in den Frittendünsten stehen, sich die Auspuffgase der polnischen Laster um die Nase wehen lassen oder Parfums verkaufen, die sie sich selbst nie leisten würden. Gespielt werden sie von Schauspielern, die ihre eigene, aus der Improvisation entwickelte Sprache sprechen und denen man anmerkt, dass ihnen die Dinge, die da vor der Kamera verhandelt werden, nicht völlig fremd sind. In seinem Blick auf gänzlich unglamouröse Lebensverhältnisse, im Beharren auf der Vollständigkeit des selbst gewählten Ausschnitts entwickelt Dresen zumindest eine Haltung zu der Welt, von der er erzählt. Es entsteht die Ahnung eines ästhetisch-gesellschaftspolitischen Kinoprojekts, in dem die ostdeutsche Ernüchterung zum Symptom einer allgemeinen Katerstimmung wird.

Verglichen mit anderen europäischen Filmländern, kommt der depressive Ausklang der neoliberalen Dauerparty eher spät auf hiesige Leinwände. Dennoch bemühen sich Dörrie, Levy und Dresen - wenn auch mehr oder weniger erfolgreich - um ein Kino, in dem sich das Leben auch jenseits der Achse zwischen B“uf Bourguignon und China-Ente vermessen lässt. Und irgendwann, wenn alle Bauchnabelstorys erzählt sind, alle Paare sich endlich ertastet oder getrennt haben, könnte der Blick frei werden auf eine Welt, in der die Lebenswirklichkeit mehr ist als eine Hintergrundbeleuchtung. Es wäre auch ein Blick in die Schubladen der Chromküchen, Chefetagen und Architekturbüros. Das deutsche Kino wird jedenfalls keinen Realitätsschock erleiden, wenn ihm langsam aufgeht, dass die Art, wie wir arbeiten oder auch nicht arbeiten, nicht ganz zu trennen ist von unserer Art zu sein.

 
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