Die Psychoanalyse hat sich aus einer Art Spukgeschichte entwickelt, dem Glauben an "tierischen Magnetismus". Der deutsche Arzt Franz Anton Mesmer provozierte bei seinen Patienten durch Berühren "magnetische Krisen". Sein Schüler, der Marquis de Puységur, kam zu dem Schluss, dass es sich beim "tierischen Magnetismus" nicht um ein Fluidum handelte, wie Mesmer dachte, sondern dass dessen heilende Wirkung allein auf den psychischen "Rapport" zwischen Magnetiseur und Magnetisiertem zurückzuführen wäre. Wenn er seine Patienten "mesmerisierte", versetzte er sie in einen "luziden Schlaf", womit er am Vorabend der Französischen Revolution nichts anderes als die Hypnose entdeckt hatte. Als der elsässische Internist Hyppolite Bernheim im 19. Jahrhundert herausfand, dass eine Heilung durch "Suggestion" auch ohne Hypnose möglich war, entwickelte er eine Technik für Patienten im Wachzustand und nannte sie "Psychotherapeutik". Obwohl Freud die manipulative Therapie Bernheims zugunsten der "gleichschwebenden Aufmerksamkeit" verwarf, hatte die Psychoanalyse das Problem der Suggestion damit noch lange nicht abgeschüttelt.

Das Begehren des Analytikers

Wie diesseits und jenseits des Rheins mit den "mesmerischen Schlacken" der Psychoanalyse heutzutage umgegangen wird, ließ sich beobachten, als zum 100. Jahrestag der "Traumdeutung" die "Generalstände der Psychoanalyse" in das Amphitheater der Pariser Sorbonne gerufen wurden. Jacques Derridas "Grußadresse", die souverän mit dem revolutionären Pathos der ganzen Inszenierung spielt, ist kürzlich in deutscher Übersetzung erschienen. Wo das "Alibi", die letzte theoretische Rückversicherung für eine Revolutionierung der Verhältnisse, fehlt, so scheint Derrida den Psychoanalytikern ermunternd zuzurufen, da kann der Patient nur zu seinem Glück verführt werden - und denkt dabei ebenso an das leidende Subjekt in der Analyse wie an die Krise der Psychoanalyse als Institution.

Die Institution in Gestalt der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) gedachte wenig später in Frankfurt ihrer Gründung vor fünfzig Jahren. Der Tagungsband Die Gegenwart der Psychoanalyse - Psychoanalyse der Gegenwart vermittelt einen Eindruck, wie die Stimmung in Deutschland vom langen Schatten der Vergangenheit nach wie vor getrübt bleibt. Während in Frankreich seit den dreißiger Jahren die Grundlagen für eine lebendige psychoanalytische Kultur unter anderem von Jacques Lacan gelegt wurden, saß die deutsche Psychoanalyse nach dem "Dritten Reich" auf dem Scherbenhaufen der Gleichschaltungspolitik. Was in Nazideutschland als Psychoanalyse überleben konnte, war international diskreditiert. Eine der Reaktionen auf die historische Zäsur ist, dass man von der Psychoanalyse als "Heil-Kunst" hierzulande wenig wissen will. Stattdessen wird im Windschatten einer empirisch ausgerichteten angelsächsischen Psychoanalyse nach Wegen zur wissenschaftlichen Normalisierung gesucht.

Nichts aber ist aus Sicht der französischen Historikerin und Psychoanalytikerin Elisabeth Roudinesco für die Psychoanalyse schädlicher als der Versuch, sie naturwissenschaftlichen Standards zu unterwerfen. Ein solcher "szientifischer Reduktionismus", so Roudinesco in ihrer Streitschrift Wozu Psychoanalyse?, löse den einmaligen Verbund von psychiatrischem, psychotherapeutischem und philosophischem Wissen auf, der die intellektuelle Substanz der Freudschen Lehre bilde. Eine rein empirische Erforschung der Seele verfehle die "existenzielle Grunderfahrung" des Menschen und breche mit jener psychotherapeutischen Tradition, die sich der "Macht der Suggestion", das heißt der Dynamik des Arzt-Patienten-Verhältnisses, bediene.

Zur Ursache dieser alarmierenden Entwicklung erklärt Roudinesco die Sexualitätsfeindlichkeit der amerikanischen Gesellschaft. Zustimmend zitiert sie den alten Freud, der nach einer Vortragsreise in den USA befand, "die Amerikaner und die Psychoanalyse, das passt so wenig zusammen, wie wenn ein Rabe ein weißes Hemd anzieht". Dass so viele europäische Psychoanalytiker ins amerikanische Exil gingen, musste die Psychoanalyse aus ihrer Sicht mit einer Art Gehirnwäsche bezahlen: Unter dem Einfluss des amerikanischen Puritanismus sei aus der Theorie von der unbewussten Sexualität eine "Theologie zur Entfaltung der Persönlichkeit" geworden.

Ähnliche Polemiken gegen die amerikanische Psychoanalyse kennt man aus der Lacan-Schule zur Genüge. Die Geschichte, die Roudinesco unter dem marktschreierischen Titel Freud starb in Amerika von der Austreibung des Sexuellen aus dem amerikanischen Unbewussten erzählt, ist nicht nur vom Ressentiment gespeist, sondern kommt auch, mehr als fünfzig Jahre nach Lacans ersten Angriffen auf die Ich-Psychologie, etwas altbacken daher. Nimmt man ihr den kulturkämpferischen Wind aus den Segeln, so bleibt eine Einsicht, die Lacan als "Begehren des Analytikers" formulierte: Unter der Voraussetzung unbewusster Fantasien dürfe man nicht mehr glauben, der Analytiker könne einen festen Halt außerhalb des therapeutischen Prozesses finden - sei es bei psychoanalytischen Lehrsätzen oder durch die Erfahrung der eigenen Lehranalyse.

Wurde Lacan 1963 noch aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) ausgeschlossen, fand der Suggestionsgedanke dort in dem Maße Resonanz, wie auch die amerikanische Ich-Psychologie auf das Problem der "Gegenübertragung" stieß. In seiner Einführung zu dem Band über Die Gegenwart der Psychoanalyse macht der Präsident der DPV, Werner Bohleber, nun auf einen deutschen Pionier der Übertragungsforschung aufmerksam. Die Symboltheorie Alfred Lorenzers habe in den sechziger Jahren vieles vorweggenommen, was zwanzig Jahre später unter dem Schlagwort "Konstruktivismus" aus Amerika reimportiert worden sei. Der zentrale Begriff seiner Übertragungskonzeption, das "szenische Verstehen", war Teil einer sprach- und handlungstheoretischen Reformulierung der Psychoanalyse, an der Lorenzer mit Jürgen Habermas arbeitete. Sie sollte der Kritischen Theorie ein psychologisches Fundament geben, wurde aber bald von Lorenzer als zu idealistisch angesehen. Auf der Suche nach einer marxistischen Begründung der Triebtheorie griff Lorenzer auf die physiologischen Frühschriften Freuds zurück.

Die jetzt unter dem Titel Die Sprache, der Sinn, das Unbewußte erschienenen Vorlesungen, die Lorenzer 1987 in Costa Rica gehalten hat, dürfen als Dokument des gescheiterten Versuchs gelesen werden, die Psychoanalyse auf einen gleichzeitig sozialtheoretischen und naturwissenschaftlichen Nenner zu bringen. In unheimlicher Verzahnung von Sozialität und Biologie lässt er "Triebwünsche" aus der Erinnerung an bestimmte befriedigende "Erlebnisszenen" im Mutterleib entstehen. So sprachlos wie das "intrauterine Zusammenspiel" zwischen Mutter und Fötus seien dann auch die unbewussten Triebwünsche.

Wille zur Souveränität

Während Lorenzer in seinen späteren Schriften also vor allem an einer physiologischen Grundlegung der Metapsychologie gelegen war, scheint heute Derrida das Erbe der Kritischen Theorie antreten zu wollen. In jener Pariser Rede über die Seelenstände der Psychoanalyse wendet er sich an eine Marginalie des Freudschen Werks, um den politischen Gehalt der Psychoanalyse zu dechiffrieren.

Nach guter französischer Sitte erklärt er sie nicht in erster Linie für die Utopie gerechter Wünsche zuständig, sondern zumal für die sadistische Lust an der Grausamkeit. Im Umkreis dieses Wortes werde Freuds Argumentation "am stärksten politisch und in ihrer Logik am strengsten psychoanalytisch". Exemplarisch hierfür sei der mit Einstein 1932 geführte Briefwechsel über die Ursachen des Krieges.

Das Projekt, in dessen Namen er sich mit Freuds pessimistischem Pazifismus verbündet, heißt bei Derrida Dekonstruktion der Souveränität. Was Individuum und Staat gemein haben, kündige sich in dem Begriff an, den Freud hier synomym für "Todestrieb" verwendet: Über die unkontrollierte Aggression hinaus gebe sich der so genannte Bemächtigungstrieb (pulsion de maîtrise souveraine) immer auch als Wille zur Souveränität zu erkennen. Derrida erinnert nun an die überragende Bedeutung psychoanalytischen Denkens für die Ethik und befördert die Psychoanalyse zu einer politischen Avantgarde: Denn erst jenseits einer Logik von "Lustprinzip und Todestrieb" bestehe die Chance, unsere Weltordnung zu befrieden.

Jacques Derrida: Seelenstände der Psychoanalyse
Suhrkamp, Frankfurt 2002; 102 S., 14,90 €

Elisabeth Roudinesco: Wozu Psychoanalyse?
Klett-Cotta, Stuttgart 2002; 198 S., 19,- €

Werner Bohleber/Sibylle Drews (Hrsg.): Die Gegenwart der Psychoanalyse - die Psychoanalyse der Gegenwart
Klett-Cotta, Stuttgart 2002; 611 S., 25,- €

Alfred Lorenzer: Die Sprache, der Sinn, das Unbewußte
Psychoanalytisches Grundverständnis der Neurowissenschaften; hrsg. von U. Prokop; Klett-Cotta, Stuttgart 2002; 229 S., 25,- €