Friedrich Christian Delius

Vermissen werde ich eine relative politische Weitsicht, die derzeit noch, ansatzweise, waltet und die dem Opportunisten aus Wolfratshausen nicht gegeben ist. Also werde ich den Halbfrieden der Schröder-Jahre vermissen (denn Stoiber wird vor Bush in die Knie gehen und den Irak-Krieg mitmachen), also auch den gespannten so genannten inneren Frieden vermissen und einige Bequemlichkeiten wie die vergleichsweise günstigen Benzin- und Ölpreise. Ich werde die Herkulesarbeit der Umweltpolitik vermissen, nicht erst dann, wenn noch mehr Katastrophen auf uns herabregnen werden. Relativ saubere Lebensmittel werde ich vermissen oder teurer bezahlen müssen (weil der designierte Landwirtschaftsminister die spärlichen Fortschritte der letzten Jahre zurücknehmen will). Wahrscheinlich werde ich sogar den so genannten Aufschwung vermissen, den Kohl und seine FDP-Minister bekanntlich auch nicht geschafft haben. Schließlich werde ich die Buchpreisbindung vermissen, also auch die mir liebsten Buchhandlungen, also auch viele Euros auf meinem Konto.

Vermissen werde ich gewiss die denkfaulen modischen Sprüche wie "Alle gleich", "Alles egal", "Die Politik", die im Gejammer untergehen werden, man hätte das alles ja nicht vorher gewusst. Natürlich auch den Witz, den wir uns heute, in durchaus misslichen Regierungsverhältnissen, leisten können mit der Frage, was wir im Fall des misslichsten Falles vermissen werden.

Friedrich Christian Delius, geb. 1943, lebt in Berlin. Zuletzt erschien "Der Königsmacher"

John von Düffel

Was ich unter einem Kanzler Stoiber am meisten vermissen werde? Ganz klar: die Gerd-Show. Denn entgegen allen Erwartungen haben nicht die vielen Kohl-Jahre, sondern Schröders launige Berliner Republik diese Sternstunde des Radiokabaretts hervorgebracht. Besonders hörenswert sind die Folgen Ein Kanzler und ein halber, in denen sich "Eddy" Stoiber empört bis hysterisch an Schröders jovialem Phlegma die Zähne ausbeißt. Vom kabarettistischen Standpunkt aus müsste man dafür sorgen, dass uns diese ungleiche Paarung erhalten bleibt: der eifrige und sich ereifernde Kandidat gegen den kritikresistenten und stets zuletzt lachenden Kanzler, Stoiber-Stammeln gegen Schröder-Bonhomie. Eine bessere Rollenverteilung ist kaum vorstellbar. Wie kein Zweiter hat sich "Gerd" in den vier Jahren seiner Amtszeit vom Kanzlerdarsteller zum Politprotagonisten hochgespielt. Seine Rolle ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen, durchwirkt von einem manchmal süffisanten, aber im Grunde gut aufgelegten Naturell. "Eddy" dagegen wird wohl noch eine Weile mit der Hektik, Nervosität und dem Überdruck des Klassenbesten und Kanzlerstrebers durch die Medienlandschaft laufen. Wenn die deutsche Wählerschaft am 22. September ihren ersten und besten Staatsschauspieler entlässt, schreibt auch die Gerd-Show ihre letzte Folge. Und nie wieder wird es im Abspann mit Wochenschautönender Stimme heißen: "Was für ein herrlicher Kanzler! Er kann es!"

John von Düffel, geb. 1966, lebt in Hamburg. Zuletzt erschien "Ego"