W I E D E R A U F B A U Nach Kabul? Nur mit Schutzweste

Deutsche Soldaten leisten wertvolle Arbeit. Geriete Afghanistan über den Irak in Vergessenheit, wäre alles umsonst

Die Heckklappe der alten Transall C160 schließt sich mit einem gewaltigen "Rumms". Während der Luftwaffenpilot die Triebwerke anlässt, gibt der Lademeister den Passagieren für den einstündigen Flug von dem usbekischen Städtchen Termez in die afghanische Hauptstadt Kabul eine eindringliche Ermahnung mit auf den Weg: "Bleiben Sie angeschnallt! Wir fliegen hier unter Bedrohung."

Wenig später passiert es auch schon. Ein Zischen und Knallen wie bengalisches Feuerwerk. Die Transall zieht krass nach links unten. Zweimal oder dreimal sackt sie in Sekundenschnelle um 40 oder 60 Meter durch. Die Erklärung: Auf dem Radarschirm war zu erkennen gewesen, dass die Maschine nicht nur angepeilt worden war, sondern sich ein unbekanntes Objekt im Höchsttempo näherte, vermutlich eine Flugabwehrrakete. Der Pilot wich aus und schoss flares ab, laute, heiße, grell leuchtende Blitzlichtkartuschen - Täuschkörper, die anfliegende Raketen ablenken sollen.

Es war ein Schnellkurs über die Verhältnisse in Afghanistan. Ähnliche Vorfälle erleben die Piloten der Luftwaffe und der Heeresfliegerstaffel immer wieder. Zugleich war es die Demonstration einer Tatsache, die nicht jedem bewusst ist: Die 1200 Soldaten der Bundeswehr, die in Kabul stationiert sind, tun - ein Dreivierteljahr nach dem Sturz des Taliban-Regimes - einen gefährlichen Dienst.

Camp Warehouse, Kabul, Stabsgebäude

Brigadegeneral Manfred Schlenker ist "Kdr DtEinsKtgt ISAF". So heißt in der Kürzelsprache des Militärs der Kommandeur des deutschen Einsatzkontingents der Isaf, der International Security Assistance Force. Er befehligt 3500 Soldaten aus neun Nationen. Die Deutschen stellen davon rund ein Drittel. "Die Rahmenbedingungen sind so, dass wir weiterhin von einer Bedrohung ausgehen müssen", sagt Schlenker. "Unsere Patrouillen werden gelegentlich bedroht, ab und zu werden in einem Stadtteil Straßensperren gegen sie aufgebaut." Manche Anzeichen deuten darauf hin, dass Al-Qaida-Kämpfer und Taliban-Anhänger aus Pakistan wieder ins Land sickern; zugleich schafft die Hisb-i-Islami des Paschtunenführers Hekmatyar Unruhe. Sorgen bereitet dem General auch die vielen Flüchtlingen. Jeden Tag kommen 3000 von ihnen in die Hauptstadt. Wie soll man wissen, wer sich da alles einschleicht? "Derzeit haben wir eine Sicherheitslage, die weder ruhig noch stabil ist."

Die Schlagzeilen der jüngsten Zeit bestätigen das. 6. Juli: Ermordung des Vizepräsidenten Hadschi Abdul Qadir. 7. August: 15 Tote bei einem Gefecht im Süden Kabuls. 5. September: Mord-anschlag auf Präsident Hamid Karsai in Kandahar. Wenige Stunden zuvor hat eine Autobombe in der Hauptstadt 30 Menschen getötet und Dutzende verletzt. Karsais Behauptung "Im Allgemeinen ist unsere Sicherheitslage gut" erscheint im Lichte dieser Zwischenfälle zweifelhaft. In den Provinzen dauern Schießereien, Gefechte zwischen rivalisierenden Kriegsherrn und innere Unruhen an. Seit Ende März hat es über 160 Warnungen vor Anschlägen auf die Truppe oder die deutsche Botschaft gegeben.

Camp Warehouse, Kabul

Staub, Staub überall, feiner hellgrauer Mehlstaub. Er liegt fünf bis zehn Zentimeter hoch auf den Wegen, färbt die grünen Tarnnetze eierschalenweiß, bedeckt Fahrzeuge und Gerät, dringt durch sämtliche Ritzen, pappt feinkörnig zwischen den Zähnen.

Auf dem Gelände eines früheren Bauhofs ist nur noch das alte Verwaltungsgebäude halbwegs intakt. Manche Büros dort gleichen Holzverschlägen. Die Soldaten wohnen in Zelten und schlafen auf Feldbetten. Rund um die Zelte sind Sandsackwälle und schottergefüllte Barrieren als Splitterschutz aufgetürmt. Den ganzen Tag brummen die Generatoren, die ein bisschen laue Kühle spenden.

Aber die Soldaten haben sich in den Verhältnissen eingerichtet. Zwischen den Zelten sind komfortable Nischen entstanden. Unverdrossen wienern die Soldaten täglich ihre Stiefel blank. Das erste Kontingent hatte sich wochenlang in Schüsseln kalten Wassers waschen müssen. Mittlerweile stehen da Batterien von Sanitärcontainern, mit ordentlichen Toiletten und Heißwasserduschen. Eine Barackensiedlung wird vor Einbruch des Winters fertig werden. Es gibt eine Bar, eine Marketenderei, ein Kraftsportzentrum, eine Laufstrecke von zwei Kilometern, im Kino zweimal täglich eine Filmvorführung, eine Truppenbücherei. Radio Andernach sendet 24 Stunden am Tag. Das Einsatzlazarett bietet den Qualitätsstandard eines guten deutschen Kreiskrankenhauses. Jede Woche werden Stadtrundfahrten angeboten, mit 18 Kilo schwerer Schutzweste allerdings, in regelmäßigen Abständen auch Fahrten nach Taschkent und andere "Betreuungsfahrten". Das Telefongespräch nach Hause kostet 30 Cent pro Minute.

Und so klagt die Truppe auch nicht, trotz der langen Tour von sechs Monaten, unterbrochen höchstens von einem kurzen Heimaturlaub. Die Stimmung ist gut, der Zusammenhalt fantastisch. Das Gefühl des Belagertseins mag dazu beitragen.

Kabul, Stadtrundfahrt

Kabul sieht aus wie Hamburg oder Berlin im Sommer 1945. Überall Ruinen, leere Fensterhöhlen, eingestürzte Betondecken, zerschossene Fassaden. Das Villen- und Ministerienviertel ist wieder halbwegs repariert, doch der Rest wirkt trostlos. 23 Jahre Krieg haben Spuren hinterlassen, die so schnell nicht verschwinden werden, wobei die meisten Schäden nicht den Sowjets zuzuschreiben sind, sondern dem brutalen Bruderkrieg der Afghanen nach dem Abzug der Russen.

Die Straßen: voller Schlaglöcher. Der Daral-Aman-Palast, das einstige Königsschloss: in Trümmern. Die Märkte: elende Stände. Die Läden: winzige Mauernischen; der pompöse Supermarkt-Palast steht leer. Der Zentralomnibusbahnhof: letzte Ruhestätte von Dutzenden ausgebrannter Busse; ein öffentliches Transportsystem existiert nicht mehr. In ihren langen, hemdähnlichen Gewändern wandern die bärtigen Männer lange Wege. Die Frauen - zwei Drittel tragen weiterhin die Burka - balancieren Kannen, Schüsseln, Körbe auf dem Kopf. Wenn Kabul jemals modern war, licht und locker und lebendig und lebenswert, so erinnert nicht mehr viel daran.

Kabul, Deutsche Welthungerhilfe

Die Deutsche Welthungerhilfe arbeitet seit Jahren in mehreren afghanischen Provinzen. Helfer verteilen Lebensmittel, bohren Brunnen, bewässern Felder, verschaffen Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf. Das Taliban-Regime machte den Deutschen vielerlei Schwierigkeiten. Eine Zeit lang konnten sie noch arbeiten, aber im April vorigen Jahres mussten sie ins pakistanische Peschawar evakuiert werden. Erst um die Jahreswende kehrten sie zurück. Heute arbeitet ein knappes Dutzend Deutscher mit rund 370 einheimischen Helfern wieder an zehn Projekten mit einem Finanzvolumen von knapp 10 Millionen Euro.

Die Arbeit ist nicht ungefährlich. In Masar wurde das Büro ausgeraubt. Die Helfer haben gelernt, mit der Unsicherheit zu leben. Einige von ihnen haben schon in Afrika gearbeitet und dort persönliche Gewalt erlebt. Hier ist es anders: Nicht Raub und Totschlag drohen, sondern ideologisch begründete, nicht minder unheimliche Gewalt.

Die Helfer machen sich nichts vor. Demokratie im Lande binnen 18 Monaten? Ach was! Etwas Hilfe zur Selbsthilfe, mehr ist nicht möglich. Aber den Helfern ist klar: Ohne politische Stabilität wird Afghanistan nicht auf die Beine kommen. Sie wünschen sich, dass die internationale Schutzmacht nicht bloß Kabul unter ihre Fittiche nimmt, sondern im ganzen Land Posten bezieht - ein Wunsch, den das deutsche Militär wie die deutsche Diplomatie abwehrend zur Kenntnis nimmt.

Camp Warehouse, Stabsgebäude

Politische Stabilisierung der Übergangsregierung Karsai - dies ist der Hauptauftrag der Isaf. Außerdem soll die internationale Truppe den Wiederaufbau unterstützen und humanitäre Hilfe leisten. Konkret heißt das: 700 000 alte Kämpfer müssen demobilisiert und eine afghanische Armee aufgebaut werden, wobei man aufpassen muss, dass sie nicht den Provinzfürsten in die Hände fällt. Die Polizei, die von Deutschen ausgebildet wird, muss man schlagkräftig machen, um die Kriminalität einzudämmen. Und die Binnenflüchtlinge - 300 000 bis 800 000 allein in Kabul - müssen integriert, dazu Millionen Flüchtlinge aus dem Iran und aus Pakistan heimgeführt werden.

Die deutschen Isaf-Soldaten schicken Patrouillen - zu Fuß oder gepanzert - durch die 2000 Quadratkilometer ihres 40 mal 75 Kilometer messenden Verantwortungsbereichs im Nordosten der Stadt. "Wave and smile" ist die Parole: Winkt und lächelt! Sie schützen Polizeiwachen. Sie beseitigen Minen. Sie unterstützen Nichtregierungs- organisationen. Sie haben in der Stadt Info-Boxen aufgestellt. Rund um die Uhr betreiben sie in den beiden Hauptlandessprachen Dari und Paschtu den populären Sender Radio Sadahie Azadi, Stimme der Freiheit, mit viel afghanischer und indischer Musik, mit internationalen Hits und wiederholten Erklärungen ihrer Anwesenheit: Nicht als Eroberer seien die Soldaten aus 19 Ländern gekommen, sondern als Helfer.

Und sie helfen viel. 70 zivilmilitärische Kooperationsobjekte sind abgeschlossen, 45 im Gang, 75 weitere werden vorbereitet. Diese Projekte unterstützen zum Beispiel Kindergärten und Schulen mit Möbeln und Lernmitteln. Als die Ratsversammlung Loya Jirga tagte, hielten Bundeswehrsoldaten 24 Stunden am Tag auf den Hügeln rund um das riesige Oktoberfestzelt aus Deutschland Wache. Die Truppe arbeitet auch mit dem Institut für Germanistik an der Universität zusammen. Bei der Bevölkerung genießt sie Vertrauen. Außerdem gibt die multinationale Brigade vielen Afghanen Arbeit. Immer wieder kommt es vor dem Tor von Camp Warehouse zu Schlägereien zwischen den Arbeitssuchenden - die sechs Dollar pro Tag sind für die Tagelöhner oft die einzige Einkommensquelle.

All dies wäre für die Katz, sollte die internationale Staatengemeinschaft Afghanistan hängen lassen. 1,8 Milliarden Dollar waren für den Wiederaufbau versprochen. Bisher sind erst 90 Millionen eingegangen - mit der Folge, dass die Übergangsregierung Karsai ihre Beamten, Richter und Polizisten nicht bezahlen kann. Wie soll nation building gelingen, fragt sich General Schlenker, wenn der politisch, ethnisch und geografisch zerklüftete Staat seinen Dienern den Sold schuldig bleibt?

Camp Kabul, International Airport

Während sich unsere Maschine wieder auf die Zugspitz-Höhe des Hindukusch schraubt, geht mir die Frage eines Soldaten an Staatssekretär Biederbick nicht aus dem Kopf: "Gibt es ein politisches Abbruchkriterium für den Afghanistan-Einsatz?" Was sonst nicht seine Art ist, der Staatssekretär weicht einer Antwort aus. Zunächst sieht es ja eher danach aus, dass Deutschland seine Isaf-Rolle verstärken wird: als lead nation, wenn die Türken Anfang nächsten Jahres die Führung der Isaf abgeben. Dann werden wir an die 1300 Soldaten nach Afghanistan entsenden, mehr militärische Verantwortung übernehmen müssen. Aber dann darf die Bundesregierung, darf die Staatengemeinschaft die Soldaten politisch auch nicht hängen lassen. Geriete Afghanistan über den Irak in Vergessenheit, wäre alles, was unsere Militärs dort bisher geleistet haben, vergebens gewesen.

 
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