I D E O L O G I E Grenzschützer des Westens

Der 11. September hat eine hysterische Fahndung nach Feinden der Freiheit in Gang gesetzt. Kritiker der Gesellschaft und Kulturkonservative geraten unter denselben Verdacht. Anmerkungen zu einer neuen deutschen Ideologie

Ein erstes Netz von Sprüngen zog der Streit über die Gentechnik, in deren Ablehnung sich zu ihrer eigenen Überraschung Christen mit Gesellschaftskritikern marxistischer Tradition trafen und gemeinsam auf den Hass liberaler Fortschrittsfreunde stießen. Den zweiten Schub brachte jene neurotische Reaktion auf den 11. September, die überall nach Feinden des Westens zu suchen begann und dabei mit scheinbarer Wahllosigkeit auf einer Anklagebank versammelte, was ehedem politisch verfeindet oder doch geistig weit voneinander entfernt schien. Denn worin sollte, nach traditionellem Verständnis jedenfalls, die Gemeinsamkeit bestehen zwischen einem Ankläger sozialer Ungerechtigkeiten und einem Menschen, der Schwierigkeiten, sagen wir: mit dem Spaß an dem Fernsehhumor des Musikantenstadls hat? Was verbindet einen praktizierenden Christen mit dem Gelehrten, der den Islam erklärt? Welche Verfehlung könnte es sein, die sich der Hüter abendländischer Tradition ebenso wie der Kämpfer für die Rechte der Dritten Welt zurechnen müsste?

Sie alle sind im vergangenen Jahr unter den Verdacht geraten, Feinde der Freiheit zu sein. Es gibt einen neuen Index in Deutschland, auf dem alles unter Verbot gestellt ist, was als Kritik am westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem aufgefasst werden und damit die Wehrhaftigkeit gegenüber dem Islam gefährden könnte, die Bibel ebenso wie intellektuelle Skepsis gegenüber der Massenkultur oder das verstehende Interesse für fremde Kulturen. Man könnte die Ungereimtheit der Liste kurzerhand einer Kriegslogik zuschreiben, die nur nach relativer Nähe und Ferne zum amerikanischen Verbündeten fragt, und dann hätte man entschlüsselt, warum Kritik an Populärkultur und sozialer Ungerechtigkeit, Verständnis für fremde Kulturen und Engagement für die Dritte Welt gleichermaßen unwillkommen sind.

Kapitalismus gleich Demokratie

Doch so schlicht versteht sich der neue Index nicht. Was in Massenmedien (Reinhard Mohr oder Hendryk Broder im Spiegel, Michael Rutschky in der Frankfurter Rundschau) ebenso wie in intellektuellen Selbstverständigungsorganen (Kurt Scheel oder Harald Martenstein im Merkur) unter Verdacht gestellt wurde, will nicht nur eine Sammlung wehrkraftzersetzender Haltungen sein, sondern behauptet einen systematischen Zusammenhang. Wo aber Disparates in ein System gezwungen wird, liegt der Ideologieverdacht nicht fern. Einen Hinweis gab neulich der Merkur-Herausgebers Kurt Scheel im Tagesspiegel, der seltsam anlasslos einen Hassausbruch auf Adornos Kritik der Unterhaltungsindustrie austobte. Denn das Stichwort, unter dem sich die Angeklagten ebenfalls sammeln lassen, heißt offenbar Kapitalismuskritik. Zu dessen Topoi gehört seit Horkheimer und Adorno die Beargwöhnung der Massenkultur; freilich nicht aus Verachtung der Massen, sondern weil der Marxist sie als Instrument der Manipulation sieht. Das aber ist augenscheinlich keine gewünschte Sichtweise mehr. Nach Meinung Scheels und seiner Mitstreiter müssen die Massen als mündig gesehen werden; denn wo kämen wir sonst hin mit der Demokratie, in der die Mehrheit entscheidet?

So ungefähr muss man wohl den moralischen Impetus dieser neuen Ideologie verstehen. Wenn Demokratie mit Kapitalismus identifiziert wird und dieser deshalb verteidigt werden muss, dann lässt sich auch die Platzierung des Christentums auf der Anklagebank verstehen, und das nicht nur wegen des christlichen Engagements für die Erniedrigten und Beleidigten dieser Welt. Es ist auch der dogmatische Kernsatz, dass der Mensch vom Brot allein nicht lebe. Was aber soll aus dem Kapitalismus werden, wenn seelische Bedürfnisse, die er nicht befriedigen kann, dermaßen dramatisiert werden? Etwas ähnlich Störendes scheint von den Hütern traditioneller Hochkultur auszugehen, die auf dem Wert alter Sprachen beharren, obwohl damit zu keiner wirtschaftlichen Leistungssteigerung beigetragen werden kann. In der abendländischen Tradition ist das gefürchtete Monster der konservativen Kulturkritik verborgen, die im Kapitalismus zwar nicht den Schöpfer sozialer Ungerechtigkeit, aber den großen Bildungszerstörer sieht, wie er von keinem Kommunismus übertroffen werden kann. Denn nichts trägt zur Demontage des Überlieferten effizienter bei als der Arbeitsmarkt, der das produktive vom unproduktiven Wissen trennt.

Sind also die Architekten der neuen deutschen Ideologie in eine pervertierte Form des Kalten Krieges zurückgefallen? Rauscht durch ihre Rübe das Echo des Wahlkampfschlagers Freiheit statt Sozialismus (nur dass inzwischen der Konservatismus als Feind noch hinzugekommen ist)? Muss, aber nunmehr mit umgekehrter Front, die Grenze zwischen West und Ost wieder befestigt werden? So einfach ist es nicht. Es gibt einen gegenläufigen Zug in den Streitschriften, den man, so kurios er berührt, versuchsweise ernst nehmen sollte. Es ist ein echtes Engagement für die Konsumenten der Massenkultur, dem hier und da (vor allem aber bei Martenstein im Merkur) ein feiner Leidenszug beigemischt ist, sei es aus Identifikation oder aus schlechtem Gewissen des Intellektuellen. Die leidenschaftliche Warnung vor einem Bildungshochmut, der den kleinen Leuten das Recht auf ihr bescheidenes Vergnügen nicht bestreiten sollte, hat das Stichwort "Spaßgesellschaft", die gegen übellaunige Kulturkritik unbedingt verteidigt werden muss. Denn Spaßverderber und zersetzende Kritik sitzen ebenfalls weit vorn auf der Anklagebank.

Dem Volke dienen!

Damit kommt ein eigentümlich bolschewistischer Zug (verwandt dem Proletkult der frühen Sowjetunion) in die Ideologie, die doch sonst überall auf der Seite der Macht, des Bestehenden und des Kapitals steht. Fast scheint es, als sei in diesem intellektuellen Selbsthass etwas von der desaströsen Erfahrung enthalten, die nach 1968 von der studentischen Linken gemacht wurde, die vergeblich die Arbeiter mit Flugblättern zu agitieren versuchte. Und siehe da! Zieht man den Vorhang etwas weiter auf, entdeckt man im Umfeld der neuen Ideologie überall die Renegaten jener Zeit, von Joschka Fischers revolutionärem Chefideologen Thomas Schmid (heute FAZ) über andere Mitstreiter der Frankfurter Szene wie Cora Stephan und Reinhard Mohr bis hin zu Schriftstellern wie Peter Schneider. Es ist, als wäre der alte Dogmatismus vom Antiamerikanismus und Antikapitalismus einfach umgesprungen auf Amerikanismus und Verteidigung des Kapitals, bei erhaltener Energie zur Erzeugung von Feindbildern. Es ist aber augenscheinlich noch etwas anderes erhalten geblieben: der maoistische Imperativ "Dem Volke dienen!" Das Volk, die kleinen Leute, sagen wir ruhig: das Proletariat, gilt immer noch als Hüter geheimer Weisheit, wenn nicht gar als Avantgarde.

Intellektueller Selbsthass

Vergessen ist der Gedanke, dass die Masse zum Zwecke ihrer besseren Ausbeutung manipuliert werde; vielmehr gilt sie inzwischen als immer schon befreit und als selbstbewusster Hüter ihrer Interessen. Damit ist an die Stelle der revolutionären Pädagogik ein seltsamer Rousseauismus getreten, der im Arbeiter oder Kleinbürger den edlen Wilden sieht, an dem sich der verbildete Intellektuelle ein Beispiel zu nehmen habe. Daher die Neigung, Produkte der Massenkultur mit allem interpretatorischen Scharfsinn und analytischen Ernst auf die Ebene der Hochkultur zu heben: zum Zwecke einer - wahrscheinlich politisch korrekt gemeinten - Nobilitierung, die freilich darüber aus dem Auge verlieren muss, dass es sich um marktstrategisch und industriell, sozusagen von oben erzeugte Produkte handelt, an deren Herstellung das Volk nicht im Geringsten beteiligt ist. Das Volkstümliche der Populärkultur erschöpft sich, streng gesehen, im Konsum durch das Volk.

Das geradezu masochistische Einknicken der Intellektuellen vor der Mehrheitsentscheidung des Konsumenten (die gewissermaßen als demokratische Wahl gesehen wird) erinnert an das seinerzeitige Einknicken der Intellektuellen vor Helmut Kohl, der im Laufe seiner langen Regierungszeit selbst seinen schärfsten Kritikern den Schneid abkaufte und sie gleichsam vor der Macht des Faktischen kapitulieren ließ. Auch Kohl wurden zum Ende seiner Amtszeit geheime und höhere, freilich dem Intellektuellen unzugängliche Quellen der Weisheit zugesprochen, einem mythischen Orakel gleich oder dem Medizinmann eines Naturvolkes.

Wie immer aber, wenn der einfache Mann erhoben werden soll (oder sich selbst erhebt), gibt es auch jemanden, der erniedigt werden muss, und das sind im Falle der neuen Ideologie nicht nur die Intellektuellen, die es aus eigenem Antrieb tun, oder die altbürgerlichen Eliten, die man gratis schmähen kann, sondern die Angehörigen nichtwestlicher Kulturen. Ein feiner kolonialistischer Zug durchweht das Editorial des besagten Merkur-Heftes, das den Titel Lachen trägt, aber im Untertitel die bezeichnende Einschränkung vornimmt Über westliche Zivilisation. Denn es geht nicht um das Lachen als anthropologische Konstante, sondern um das überlegene Lachen des Westens, das die Kraft der Respektverweigerung und Selbstdistanzierung hat. Man fragt sich, woher die Herausgeber (Kurt Scheel und Karl Heinz Bohrer) die Gewissheit nehmen, dass die Selbstironie in arabischen Ländern etwa keine Heimstatt hat; als Indiz nehmen sie das Fehlen der berühmten Spaßgesellschaft, als hätte diese unsere Kultur nicht vor allem durch Schadenfreude bereichert.

Zur Ehrenrettung der meisten Beiträger des Heftes muss freilich gesagt werden, dass sie die Zumutung einer solchen Privilegierung des Westens energisch zurückweisen. "Damit haben wir uns in Distanz gesetzt", schreibt zum Beispiel Hans Ulrich Gumbrecht, "gegenüber jener süffigen Selbstbeschreibungstradition, die Lachen und Humor so gerne und bedenkenlos mit ,Humanismus' und ,Humanität' - mit zugleich westlich und universal gemeinten Selbstbeschreibungen - gleichsetzt." In seinem Essay über den amerikanischen Humor unterscheidet Gumbrecht zwischen "Hereinlachen" (nämlich des Fremden in die Gesellschaft) und "Herauslachen" (aus der Gesellschaft). Es kann kein Zweifel bestehen, dass der Merkur den Versuch unternehmen wollte, die nichtwestlichen Kulturen aus der Weltgesellschaft herauszulachen (allerdings weniger mit Humor denn mit Hohn).

Dieser Versuch und sein Scheitern machen das Heft zu einem Brevier der neuen Ideologie, an dem sich ihre Absichten und die denkbaren Einwände exemplarisch ablesen lassen. Ihr affirmativer und gesinnungskontrollierender Grundzug, der peinlich sozialistisch berührt ("Sag mir, wo du stehst/welchen Weg du gehst"), ist aber nicht nur biografisch (aus den Erfahrungen der 68er) und historisch (aus dem 11. September) motiviert. Es gibt auch eine demokratietheoretische Komponente, die nicht leicht von der Hand zu weisen ist.

Das ist der Umstand, dass unsere pluralistische Gesellschaft Fundamentalisten nicht mehr erträgt. Damit sind keine gewalttätigen Fanatiker gemeint, sondern allein schon alle, die aus Gründen des Glaubens oder der politischen Überzeugung an Wahrheiten oder Werten festhalten, die nicht demokratisch verhandelbar sind oder gar Gegenstand einer Mehrheitsentscheidung sein können. Dazu gehören nicht nur religiöse Offenbarungen, sondern auch kulturelle Traditionen. Auch über den Rang Goethes, Bachs oder Fischer von Erlachs kann es keine Parlamentsentscheidung geben. Das (und nicht nur das Ressentiment der kleinbürgerlich Zukurzgekommenen) ist möglicherweise der tiefere Grund für den Arroganz-, wenn nicht sogar Totalitarismusverdacht, unter den die liberale Gesellschaft den Bildungsbesitz gestellt hat. Ganz augenscheinlich gibt es eine Tendenz, jene intellektuellen Bezirke, in denen Mehrheitsmeinungen nichts wiegen, planmäßig auszugrenzen und zu denunzieren.

Dazu zählt auch die grundsätzliche Gesellschaftskritik (also eine nicht bloß politikberatende, sondern von der Außenperspektive formulierte), die schon in ihrer Schrumpfform als Kulturkritik auf heftigste Abwehr stößt. Alles, was Unzufriedenheit artikuliert, gilt offenbar seit dem 11. September für gefährlich, insofern es nach radikalen Lösungen rufen könnte. Man könnte das als Ausweis einer wünschenswert wehrhaften Demokratie sehen, wenn es nicht inzwischen von einem Argwohn beflügelt wird, der das unzuträglich Radikale schon in mikroskopischen Mengen aufspürt und der Demokratiefeindlichkeit überführen möchte. Ein solch hysterisches Zensurverlangen lähmt aber nicht nur die Dialektik von Kritik und Selbstkritik, aus der die viel gerühmte westliche Fähigkeit zum Wandel lebt.

Vielmehr bedeutet die Ideologisierung des Westens einen Widerspruch in sich. Man muss kein eifersüchtiger Hüter intellektuellen Besitzes sein, um über die Tendenz zu erschrecken. Denn zu den Dingen, die keiner Empirie und keiner Mehrheitsentscheidung zugänglich sind, sondern philosophischer Überlegung (schlimmer noch: im Letzten einer fundamental theologischen Überzeugung) entspringen, gehört auch die Annahme der menschlichen Gleichheit, auf der doch die ganze Demokratie beruht, die hier gegen Fundamentalisten verteidigt werden soll.

 
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