S A U D I S Das Land der reinen Lehre

In Saudi-Arabien ist der Islam so radikal wie nirgendwo sonst. Ölmilliardäre und Stiftungen exportieren ihn in die ganze Welt

Wäre Jesus Brillenträger gewesen, hätte er vielleicht ausgesehen wie Abu Hamsa al-Uqaili. Der Religionsgelehrte aus der saudischen Hauptstadt Riad hat lange schwarze Haare, seinen Bart lässt er wachsen, wie die Natur es ihm gegeben hat, und durch die dicken Brillengläser lächeln freundliche braune Augen. Seinen Körper hüllt Abu Hamsa in ein körperlanges weißes Hemd, an den Füßen trägt er Sandalen. Einzig seine bescheidene Körpergröße entspricht nicht unbedingt unseren Vorstellungen vom Sohn Gottes.

Die vermeintliche Ähnlichkeit mit Jesus macht Abu Hamsa noch lange nicht zum Christen. Er bezeichnet sich selbst als "Wahhabiten erster Güte", als Muslim also, der einer strengen Form des Islam anhängt und dessen Regeln peinlich befolgt. Dass außer dem Islam keine andere Religion in Saudi-Arabien praktiziert werden darf, findet er richtig. Und Frauen das Autofahren beizubringen, hält er für eine schlechte Idee. Die mobile Unabhängigkeit würde sie nur auf dumme Gedanken bringen.

Kein Platz für andere Religionen

In religiösen Fragen lässt sich Abu Hamsa nichts vormachen. Sein Weltbild ist unerschütterlich, Gegenargumente bügelt er mit heiligen Texten nieder. Ist es nicht ungerecht, dass Muslime in Europa Moscheen bauen dürfen, ein Christ aber mit harten Strafen rechnen muss, wenn er in Saudi-Arabien offen seinen Glauben praktiziert? Abu Hamsa kontert mit einem Hadith, einem Ausspruch des Propheten. Darin heißt es, auf der Arabischen Halbinsel habe neben dem Islam keine andere Religion Platz.

"Selbst wenn ich es ändern wollte", sagt Abu Hamsa, "hätte ich kein Recht dazu. Das ist ein heiliger Text, an dem ich nicht rütteln kann."

Willkommen in Saudi-Arabien, dem Land des reinen Glaubens - und dem Land des Terrorismus? Der engste Verbündete der USA im Nahen Osten ist seit dem 11. September schwer unter Beschuss geraten. Die Amerikaner werfen dem saudischen Regime vor, einen Islam zu verbreiten, der die Menschen zum Hass gegen den Westen aufstachele. Die Attentäter von New York und Washington hätten letztlich im Geiste des Wahhabismus gehandelt, so der Tenor in den amerikanischen Medien. Schließlich stammten 15 von ihnen aus Saudi-Arabien, und auch Osama bin Laden sei ein Kind des strengen Königreichs.

Die Saudis reagieren auf die Anschuldigungen mit Unverständnis. "Das Königreich Saudi-Arabien gibt es seit 100 Jahren, die moderne Bildung seit 50 Jahren", sagt Taufiq al-Sudeiri, stellvertretender Minister für Religiöse Führung. "In dieser Zeit hat es nie Gewalt gegeben. Saudi-Arabien erzieht seine Kinder zur Friedfertigkeit. Die meisten Mitglieder der al-Qaida kommen ohnehin nicht aus Saudi-Arabien."

Aber die Geschichte des Wahhabismus ist stärker von Gewalt geprägt, als Sudeiri zugeben möchte. Die Bewegung geht auf den Reformer Mohammed Ibn Abd al-Wahhab zurück, der im 18. Jahrhundert lebte. Die Zentren der islamischen Welt hatten sich zu dieser Zeit längst nach Norden verschoben. Zu den religiösen Bräuchen auf der Halbinsel gehörte es, bei verstorbenen Heiligen um Fürsprache zu bitten. Das erregte den Unmut des frommen Mannes. Er wollte die Heimat des Islam zum ursprünglichen Glauben zurückführen. Abd al-Wahhab ließ die Gräber der Heiligen einreißen und verbot alle Praktiken, die seiner Meinung nach dem Islam widersprachen.

Er verlangte von seinen Anhängern, den Vorschriften aus Koran und Sunna, den Überlieferungen des Propheten, buchstabengetreu zu folgen. Interpretationen der Heiligen Schrift lehnte er als Ketzerei ab. Mehr noch: Wer sich nicht an seine Auslegung hielt, durfte als Abtrünniger getötet werden. Als sich der Stamm der Sauds 1746 der Lehre Abd al-Wahhabs anschloss, begann der Siegeszug des Puritanismus. In einem Heiligen Krieg besiegten die Sauds die anderen Stämme Arabiens und legten den Grundstein des Königreichs.

Das sind die geistigen Fundamente Saudi- Arabiens. Der Ölreichtum hat das Land radikal verändert und das Königshaus pragmatisch werden lassen. Seit langem zählen die USA zu den engsten Verbündeten. Ihre puritanischen Wurzeln hat die saudische Gesellschaft jedoch nicht abgelegt. Der Einfluss des wahhabitischen Islam auf das öffentliche Leben ist allgegenwärtig. Kino, Theater und Musik, irgendetwas, das erheitern könnte, gibt es nicht. Das höchste der Gefühle in der Hauptstadt Riad ist ein Einkaufsbummel durch eine der gigantischen Shopping-Malls, die in den vergangenen Jahren entstanden sind. Dort können sich Frauen frei bewegen, manche wagen es sogar, den Schleier abzulegen. Ansonsten leben die Geschlechter konsequent aneinander vorbei. Von der frühen Pubertät an müssen Jungen und Mädchen getrennte Wege gehen, der einzige Kontakt zwischen den Geschlechtern findet unter Brüdern und Schwestern, Mutter und Sohn oder Mann und Frau statt.

Fünfmal am Tag wird der Shopping-Spaß unterbrochen. Dann heißt es Antreten zum Beten. Alle Läden müssen ihre Pforten schließen, und ein jeder Muslim ist angehalten, sich in die Moschee zu begeben. Für Fremde ist das gewöhnungsbedürftig, Geschäftsleute müssen ihre Planung den Regeln der Religion unterwerfen. "It's madness", sagt ein indischer Papierhändler, der vor den verschlossenen Türen eines Buchladens auf das Ende der Gebetszeit wartet. Er kommt aus Bombay und hat jahrelang im benachbarten Dubai gelebt. Dort, sagt er, sei alles viel freier.

Hochzeiten sind für gewöhnlich heitere Angelegenheiten. Nicht so in Saudi-Arabien. Eine Hochzeitsfeier in Riad erreicht den Geräusch- und Stimmungspegel einer Beerdigung, und besonders lang halten die Festivitäten nicht an. Es ist zehn Uhr abends, erst vor kurzem ist das Thermometer unter 40 Grad geklettert. Das Fest findet in einem Garten statt, der von einer burgähnlichen Mauer umgeben ist. Als Begrüßungstrunk stehen Pfefferminztee, gelber Kaffee und Wasser zur Auswahl. Während des ganzen Abends wird keine einzige Zigarette geraucht, "aus Respekt vor den Vätern", wie es heißt.

Etwa 150 Männer sitzen auf Bänken und unterhalten sich. Das ist alles. Nach etwa einer Stunde gibt es Essen. Je fünf Männer hocken um ein rundes Tablett mit Reis, Nudeln und gekochtem Lammfleisch, als Spezialität wird Hammelkopf serviert. Der Schmaus dauert eine Viertelstunde, danach kommen die Bediensteten - Pakistani und Jemeniten - und essen, was auf den Tellern der Herren übrig geblieben ist. Noch vor Mitternacht brechen die Männer auf. Die Frauen feiern im Nebentrakt noch einige Stunden weiter. Gesehen haben wir von ihnen keine. Auf dass niemand in Versuchung geraten möge.

Todesstrafe für Arme

Härter noch als die strengen moralischen Sitten ist Saudi-Arabiens Justiz. Nirgendwo wird das islamische Strafrecht so gnadenlos angewandt wie hier. Auf Drogenhandel steht die Todesstrafe, wer Alkohol trinkt, wird ausgepeitscht. Allerdings muss nicht jeder das Auge des Gesetzes fürchten. Viele der 5000 Prinzen sind bekannt für ihren ausschweifenden Lebensstil - "Je höher die Schicht, desto rauschender die Feste", sagt ein erfahrener Diplomat in Riad.

Der Import von Alkohol, ein lukratives Geschäft, soll in der Hand der Königsfamilie liegen. Öffentlich enthauptet werden die Prinzen dafür nicht. Die Todesstrafe ist vorbehalten für Arme und Minderheiten wie Gastarbeiter aus Pakistan und Bangladesch. In dieser Hinsicht befindet sich Saudi-Arabien in schlechter Gesellschaft. Es ist neben dem Iran, Jemen, Nigeria und Pakistan der einzige Staat, in dem Minderjährige hingerichtet werden.

Noch etwas verbindet die sonst so ungleichen Partner: Amerikaner wie Saudis wachsen mit der Gewissheit auf, im besten aller Systeme zu leben. Und beide Länder legen einen missionarischen Eifer an den Tag, den Rest der Welt von ihrer Lebensweise zu überzeugen. Während die Amerikaner den Kapitalismus angelsächsischer Prägung in den letzten Winkel der Erde tragen, investieren die Saudis Millionenbeträge, um andere Muslime mit dem "wahren Islam" zu erleuchten. Über Organisationen wie die Islamische Weltliga finanziert die saudische Regierung weltweit Schulen und Moscheen, an denen der wahhabitische Islam gelehrt wird. Darüber hinaus unterstützen eine Vielzahl staatlicher wie privater Wohlfahrtsstiftungen notleidende Muslime. "Es ist unser Ziel, Muslimen an jedem Ort zu helfen", sagt der stellvertretende Minister für Religiöse Führung Taufiq al-Sudeiri. "Egal, ob sie mit unserer Meinung übereinstimmen oder nicht."

Doch gerade die Wohlfahrtsstiftungen sind seit dem 11. September in die Schusslinie geraten. Einige sollen Osama bin Laden unterstützt haben. Ob das womöglich mit Wissen des saudischen Herrscherhauses geschah, weiß man nicht.

Gibt es überhaupt Verbindungen zwischen Terrorismus und religiösem Puritanismus? "Der Wahhabismus an sich ist friedlich", sagt der Politologe Awwadh al-Badhi, der sich als säkularisiert bezeichnet. "Das Problem war der Dschihad in Afghanistan. Man hat den Mudschaheddin eine Spielwiese gegeben, und sie haben eine eigene, radikale Version des Islam entwickelt."

Korruption unter den Gelehrten

Diese radikale Version hat sich verselbstständigt und genießt in Saudi-Arabien Sympathien. Dem gegenüber steht der traditionelle, pragmatische Wahhabismus des Königshauses. Ein typischer Vertreter dieser Strömung ist Abu Hamsa, der Religionsgelehrte aus Riad. Zwar würde er sich dem Dschihad in Palästina anschließen, sagt er - wenn er dazu aufgefordert würde. Ansonsten ist er staatstreu und folgt der Politik des Regimes. Selbst die Stationierung amerikanischer Truppen auf saudischem Boden während des Golfkriegs rechtfertigt er als notwendige Maßnahme, um sich vor dem Feind zu schützen.

Mittlerweile hasst er jedoch die Amerikaner, vor allem wegen ihrer Unterstützung für Israel. "Als Muslim stehe ich Christen und Juden näher als anderen Religionen", sagt Abu Hamsa. "Wenn ein Buddhist mir Fleisch anbieten würde, müsste ich es ablehnen. Von Christen und Juden zubereitetes Fleisch darf ich essen. Trotzdem hasse ich die USA und nicht China. Letztlich hat es politische Gründe."

Längst nicht alle Saudis verteidigen den Wahhabismus. Viele verachten die Religionsgelehrten wegen ihrer Selbstherrlichkeit. Im Dezember 2001 veröffentlichte der Poet al-Hallid ein Gedicht, in dem er den Richtern, allesamt Religionsgelehrte, schwere Korruption vorwarf - ein Tabubruch, den er mit einer Woche Gefängnis bezahlte. Für die Menschen aber war "das wie Musik in den Ohren", sagt Dschamal Chaschoggi, Redakteur bei der Tageszeitung Arab News in Dschidda. "Die Religionsgelehrten halten sich für unfehlbar. Aber das islamische Erbe ist vielfältig, es besteht nicht nur aus Koran und Sunna. Es gibt niemand, der die Wahrheit für sich gepachtet hat."

Früher war Chaschoggi ein Anhänger des Dschihad in Afghanistan. Er kannte Osama bin Laden persönlich. Mittlerweile verabscheut er ihn. "Sein Terrorismus hat uns schweren Schaden zugefügt", so Chaschoggi. "Das ist nicht der Islam, den wir wollen."

 
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  • Schlagworte Religion | Islam | Terrorismus | Islamismus
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