P O L I T I K W I S S E N S C H A F T Der große Schwierige
Israel und Christentum, Apokalypse und Gnosis: Nach dem Ende der ideologischen Grabenkämpfe ist es höchste Zeit, den Politikwissenschaftler Eric Voegelin neu zu entdecken. Sein umfangreiches Werk wird Soziologen ärgern und Kulturwissenschaftler entzücken
Zu den anerkannten deutschen Größen der Theorie hat der 1985 in Stanford, Kalifornien gestorbene Philosoph eigentlich nie gezählt. Das kann sich jetzt ändern. Die deutsche Übersetzung seines Opus magnum Order and History - im Frühjahr sind die beiden ersten der auf zehn Bände geplanten Ausgabe Ordnung und Geschichte erschienen - sollte den Anlass bieten, sich mit Eric Voegelin aufs Neue und diesmal intensiver zu beschäftigen. Spätestens seit der Friedenspreisrede von Jürgen Habermas ist das Thema "Religion versus Moderne" oder "Religion und Politik" wieder en vogue. Dazu finden sich in Voegelins Arbeiten die interessantesten Analysen.
Vor allem der 1987 posthum erschienene Band In Search of Order (Order and History, Band V) gehört zu den erstaunlichsten Büchern am Ende des 20. Jahrhunderts. Auf gerade mal 94 Druckseiten enthält er Meditationen über unsere Sprache von den Göttern, über die geistigen Ursprünge des Westens und die Krise der Moderne. Voegelins Lektüre von Hesiod, Platon, Bonaventura, Leibniz und Hegel zählt zum Hellsichtigsten, was zum Problem menschlicher Erfahrung des "Göttlichen" zur Sprache gebracht worden ist. Die Wahrnehmungsblockade gegenüber Voegelin war ein Produkt der ideologischen Machtkämpfe der sechziger bis achtziger Jahre. Es gab aber auch Gründe, die in seiner Biografie liegen und in seiner Absage an alle philosophischen und sozialwissenschaftlichen Schulen des letzten Jahrhunderts, nicht zuletzt aber auch in seiner polemischen Begabung.
Als Voegelin 1969, nach zehn Jahren als Professor der Politischen Wissenschaft an der Münchner Universität, in Stanford, Kalifornien sein Forscherdasein fortsetzte, fand sich am Tag seiner Abreise in der Abendzeitung ein Interview: "Zwischen den sitzengebliebenen Dummköpfen der Tradition und den apokalyptischen Dummköpfen der Revolution ist es in Deutschland schwer, geistig frei zu arbeiten." Wer so sprach, konnte nicht mit Gegenliebe rechnen. Dass er ehemalige NS-Professoren, die damals noch in München lehrten, als "braunes Gesindel" bezeichnete, brachte ihm zwar Sympathien bei Studenten ein - mehr jedoch nicht. Sein Münchner Kollege Hans Maier nannte Voegelin den "großen Schwierigen zwischen den Fronten".
Eine Bemerkung in seinen Autobiographischen Reflexionen legt den Schluss nahe, dass sich Voegelin "jenseits" aller weltanschaulichen Fronten wähnte: "Ich habe Ordner mit Dokumenten, in denen ich als Kommunist, Faschist, Nationalsozialist, alter Liberaler, Neoliberaler, als Katholik, Protestant, Platoniker, als Neoaugustianer, Thomist und natürlich auch als Hegelianer bezeichnet werde ... Diese Liste ist für mich von einiger Bedeutung, insofern als die verschiedenen Charakterisierungen jeweils die bête noire der betreffenden Kritiker offenbaren ... Kritiker dieser Art können Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung werden, aber keine Gegner in einer Diskussion sein."
Seine Einstellung rechtfertigte er mit dem Verweis auf Platon: Der habe als Erster die philosophia als Gegenbegriff zur philodoxia, zur Meinungsverliebtheit, entwickelt. Lehren seien nichts anderes als Meinungen. Philosophie dagegen entstehe aus der kritischen Distanz zu den Meinungen und Lehren und vollziehe sich als deren reflexive Analyse. Voegelins Kritiker konnten mit dieser Haltung wenig anfangen. Viele straften Voegelin ob seiner Renitenz, sich ins Spektrum akademischer Schulen einreihen zu lassen, mit Nichtbeachtung.
Voegelin, 1901 in Köln geboren, wuchs ab dem neunten Lebensjahr in Wien auf. Sein Vater war Deutscher, seine Mutter Wienerin. Beide zählten sich zur protestantischen Gemeinde und neigten zu den "Reichsdeutschen". Man war fortschrittsgläubig und religiös eher unmusikalisch. Nach dem Ersten Weltkrieg studierte Voegelin bei Hans Kelsen und Othmar Spann, den beiden Antipoden der Wiener Universität, Jurisprudenz und Staatswissenschaften. Bei Wahlen gehörte seine Stimme den Sozialdemokraten. Außer einer frühen Lektüre von Sanskrit-Übersetzungen und religiös unkonventionellen Texten aus dem Diederichs-Verlag deutet nichts auf Voegelins spätere Neugierde für antike und moderne Gottsucher hin.
Auffällig an seinem akademischen Werdegang bleibt etwas anderes: In den Jahren 1924 bis 1927 nimmt er ein Rockefeller-Stipendium - als erster österreichischer Doktorand - wahr. Zwei Jahre USA-Aufenthalt (Columbia-Universität, Harvard- und Wisconsin-Universität) und ein Jahr Paris (Sorbonne) müssen seinen Horizont derart erweitert haben, dass er sich nie mehr im Binnenleben deutscher Universitäten zurechtfand. Sein theoretisches Interesse galt einer geistesgeschichtlich fundierten Staatslehre, was ihn als Grenzgänger zwischen den juristischen, staatwissenschaftlichen und philosophischen Fakultäten verdächtig machte. Vor allem verweigerte er die Unterwerfung unter ein Schuloberhaupt - damals die Voraussetzung für eine akademische Karriere. In Wien brachte er es 1929 zum Privatdozenten und 1936 zum außerordentlichen Professor. Robert Musil, Elias Canetti und Karl Kraus zählten zu seinen prägenden literarischen Erfahrungen; mit Robert Musil und Hermann Broch war er gut bekannt. Der Wiener Historiker Engel-Janosi schilderte ihn in seinen Memoiren als brillanten Kopf, der die Wiener Gelehrtenzirkel durch überraschende Einwürfe und stupende Lesefrüchte mehr irritierte als erfreute.
Anders aber als die meisten wissenschaftlichen Talente seiner Generation blieb Voegelin dem Nationalsozialismus gegenüber resistent. Die Regierung Dollfuß unterstützte er, weil er den Demokraten nicht mehr zutraute, den Nationalsozialismus überhaupt zu verstehen, geschweige denn zu bekämpfen und zu besiegen. Wohl war ihm dabei nicht, darum hob er später stets hervor, wie freudig er die Gelegenheit zur Emigration ergriffen habe und wie glücklich er gewesen sei, 1944 die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben zu haben.
Voegelin wurde am 12. März 1938 aus der Universität Wien entlassen; die Gestapo wollte seinen Pass einziehen. Er floh mit dem Zug in die Schweiz. "Ich bin nicht aus der Republik des Geistes ausgewandert, sondern diejenigen, die hier geblieben sind und es sich gerichtet haben." Ärgerlich reagierte er auf Mutmaßungen über die Motive seiner Emigration. In den sechziger Jahren traf er in Salzburg auf das Ehepaar Bloch. Frau Bloch fragte bei dieser Gelegenheit vorsichtig bei Frau Voegelin nach: "Wie kam es dazu, dass Sie nach Amerika emigriert sind, wo Sie doch keine Kommunisten oder Juden sind. Warum konnte er nicht in Österreich bleiben?" Fazit Voegelin: "Dass jemand anti-nationalsozialistisch eingestellt sein konnte, ohne dabei eine ideologische Gegenposition einzunehmen oder Jude zu sein, ist für die meisten Akademiker unvorstellbar."
Wie die gesellschaftliche Ordnung in die Geschichte kommt
Natürlich isolierte ihn - in seiner Münchner Zeit - auch seine unnachsichtige Kritik an Geistesgrößen, die trotz imponierender Begabung sich zum Nationalsozialismus bekannt hatten: Heidegger und Schmitt, Gehlen und Freyer, schließlich der ihm philosophisch gar nicht so fern stehende Joachim Ritter - alles Köpfe, die in der Bundesrepublik nach kurzer Schamfrist wieder Karriere machten. Hatte Voegelin gegen deren Einfluss auf das Geistesleben der Republik überhaupt eine Chance?
Seine Vorlesung aus dem Sommer 1964, Hitler und die Deutschen, liest sich wie die Abrechnung mit der deutschen Gesellschaft der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit ihrer politischen und geistigen Korruption. Ein weiterer Vortrag, Die Deutsche Universität und die Ordnung der deutschen Gesellschaft, gehalten anlässlich einer Ringvorlesung über Die deutsche Universität im Dritten Reich, unterzieht die Institution einer radikalen Kritik. Neben der Konstatierung einer fortdauernden Geistverlassenheit - zum Beispiel im Fall des Philosophen Martin Heidegger, des Theologen Martin Niemöller und des Historikers Percy E. Schramm - zweifelte Voegelin daran, ob der Umgang mit der "unbewältigten Vergangenheit" überhaupt etwas bewirke. Sein Einwand: "Um kritische Geschichte zu treiben, genügt es nicht, anders zu reden - man muss anders sein. Das Anders-Sein aber wird nicht durch Herumrühren in den Greueln der Vergangenheit bewirkt; vielmehr ist umgekehrt die Revolution des Geistes die Voraussetzung dafür, dass man verurteilend über die Vergangenheit sprechen kann."
Mit der "Revolution des Geistes" im Sinne Voegelins konnten damals Studenten wenig anfangen. Viele waren gerade dabei, die Renaissance des Marxismus dafür zu halten und Voegelin, der sich bei den Nationalkonservativen und Linksliberalen schon unbeliebt gemacht hatte, vergrätzte die "Neuen Linken", indem er Karl Marx als "intellektuellen Schwindler" vorführte. Das verziehen sie ihm nie. Was Voegelin jedoch mehr verbitterte als die öffentliche Unfähigkeit, seine Distanz zu ideologischen Lagern und theoretischen Schulen anzuerkennen, war der Umstand, dass er sein Institut für Politische Wissenschaft nicht als Forschungszentrum vergleichender Zivilisationsanalysen, antiker und moderner Reichsbildungen und nach Globalität strebender Oikumenen etablieren konnte.
Heute spüren wir das Fehlen solcher Forschungen, wenn wir etwa Samuel Huntingtons Buch Clash of Civilizations lesen. Die Zusammenhänge zwischen sozialen und politischen Konflikten einerseits, kulturellen und religiösen Prägungen andererseits erscheinen weder historisch adäquat erforscht noch philosophisch begriffen zu sein. Voegelins schon 1961 in der Londoner School of Economics gehaltener Vortrag World-Empire and The Unity of Mankind enthält da die weitaus plausiblere Durchdringung. Seine letzte deutsche Publikation Anamnesis (1966), eine Summe seiner bisherigen theoretischen Bemühungen, schreitet ein weites Feld ab. Sie umfasst Bewusstseins- und Sprachanalysen, seine Auseinandersetzung mit Edmund Husserl und den wissenssoziologischen Theorien seines Freundes Alfred Schütz und zudem Versuche einer Philosophie "des Menschen in Gesellschaft und Geschichte" - eine an Aristoteles erinnernde Philosophie der menschlichen Dinge, jedoch nicht auf der Basis einer "Natur" des Menschen, sondern auf der Basis der neuesten historischen und hermeneutischen Forschungen über menschliche Gesellschaften von der Vorgeschichte bis in die Gegenwart.
Neben diesen Ausgriffen in einen weit geöffneten Wissenshorizont konzentriert sich Voegelin auf eine besondere Aufgabe: Die theoretische Begründung der Politischen Wissenschaft. Das Schlusskapitel von Anamnesis mit dem Titel Was ist politische Realität? ging aus einem Vortrag vor der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft hervor (gehalten am 6. Juni 1965). Bei seinen Kollegen erntete er einmal mehr nur Ratlosigkeit. Voegelin erschien ihnen in der einschüchternden Pose eines Universalgelehrten, der Wissensdefizite und Bequemlichkeit im Denken als moralisches Fehlverhalten bewertete. Viel zu großartig, viel zu ambitioniert gab sich ihnen der einstige außerordentliche Professor mit der Wiener Diktion. Die geistige Provinz der Bundesrepublik hatte sich gerade erst zum Westen hin geöffnet. Da mutete ihnen einer denn doch zu viel an Selbstdistanzierung zu.
So weit die Geschichte eines Unangepassten, der es keinem, auch seinen Studenten nicht, leicht machte. Seine Radikalität, wohl der Hauptgrund für die damals über ihn verhängte Wahrnehmungssperre, vermochte kaum jemand nachzuvollziehen. Ganz anders erging es Voegelin, als er nach Amerika zurückkehrte und 16 Jahre in Stanford ein erfülltes Forscherleben führen konnte. Nach seinem Tod 1985 erklärte ihn der amerikanische Philosoph Robert Nisbet zu einem "wirklichen Titanen des 20. Jahrhunderts in Philosophie und Geschichte". Im Land der Superlative und Übertreibungen ist er schließlich doch eine bekannte Größe der Theorie geworden. Von seinen Collected Works liegen mittlerweile 28 Bände vor. Und der amerikanische Dichter Walker Percy (Der Kinogänger), jener Mann aus Louisiana, an deren State University Voegelin von 1942 bis 1958 lehrte, nannte Order and History sein großes intellektuelles Abenteuer.
In den neunziger Jahren - Deutschland erlebte den Wettersturz so mancher Ideologien - änderte sich plötzlich die Bereitschaft, Voegelin wahrzunehmen. Peter J. Opitz, Professor für Politische Wissenschaft in München, gelang es, den Fink Verlag zur Publikation verstreuter Schriften seines Lehrers unter dem Codewort "Periagoge"zu überreden. 1993 erschien sein Büchlein aus dem Jahr 1938 Die politischen Religionen. Der Philosoph Hermann Lübbe erklärte es, ohne Kenntnis von Order and History, gleich zum "wirkungsreichsten Buch" Voegelins. Botho Strauss notiert in Die Fehler des Kopisten (1997): "Schön, zu meinem Lehrer aus den Münchner Studententagen zurückgefunden zu haben, Eric Voegelin, der, aus der Emigration zurückgekehrt, uns mit gediegener Autorität und snobistischen Aparts irritierte: ,Schauen Sie über Deutschland hinaus und lesen Sie die NZZ. Besser informiert ist auch das Außenministerium nicht.'"
Die Erinnerung des Dramatikers offenbart einen neuen, entspannten Ton. Selbst Peter Sloterdijk, der Voegelin wegen seiner schroffen Kritik der antiken und modernen Gnosis zutiefst ablehnte, erlaubt sich in seinem Band Sphären II, aus Voegelins unbekanntestem, aber materialreichsten Band IV The Ecumenic Age zu zitieren. Einen nachhaltigen Erkenntnisgewinn will er der Lektüre Voegelins nicht absprechen. Einen neuen Umgang mit Voegelin zeigt auch der Aufsatz Politik und Existenz des Berliner Philosophen Volker Gerhardt in der Philosophischen Rundschau (2001). Gerhardt will den theoretischen Versuchen Voegelins gerecht werden, wie sie vor allem in Anamnesis nachzulesen sind. Rehabilitierung eines zu Unrecht Vergessenen?
Nein, Volker Gerhardt konzentriert sich auf Aktualisierung und Rekonstruktion von Gedanken, die uns heute zugänglicher sind als in den sechziger Jahren. Die beiden Bände der deutschen Übersetzung von Order and History erscheinen in einer Zeit, in der die Probleme gesellschaftlicher Ordnung fundamentaler, die Versuche, sie durchzuarbeiten, jedoch eher konfuser werden. Voegelins Opus magnum verdient darum nachhaltige Aufmerksamkeit. Der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann schreibt in seiner Einführung zu Voegelins Die kosmologischen Reiche des alten Orients - Mesopotamien und Ägypten: "Die von Voegelin angestoßenen Fragen sind von den Fachwissenschaften nicht aufgegriffen worden und ein Gespräch über seine Theorie ist nicht in Gang gekommen. Dabei kann sein Versuch einer Korrelation von politischer Ordnung, kultureller Semantik und Gesellschaftsstruktur als ein bahnbrechender Schritt in der Richtung einer kulturwissenschaftlichen Analyse gelten, wie sie jetzt gerade in Deutschland gefordert wird."
Ob Voegelins Ordnung und Geschichte dieser Erwartung entsprechen wird, kann nur eine sorgfältige Lektüre ergeben. Darum einige Hinweise auf die Konstruktion des Werks und seine philosophischen Motive. Am Anfang steht Voegelins bekannte Forschungshypothese: "Die Ordnung der Geschichte enthüllt sich in der Geschichte der Ordnung." Auf Englisch lautet sie: "The order of history emerges from history of order." Diesen hegelianisch anmutenden Satz kann man auch etwas nüchterner übertragen: Die Ordnung der Geschichte ergibt sich aus der Geschichte der Ordnung. Nur, was ist damit gemeint? Eine Geschichtsphilosophie, wie wir sie seit dem 18. Jahrhundert kennen? Doch schon die Veröffentlichungsgeschichte von Order and History weist in eine andere Richtung.
1956 erschien der erste Band, Israel and Revelation. Er behandelte die Reiche des alten Orients - Mesopotamien, Ägygten und Persien - und den Bruch mit dem kosmologischen Mythos durch die Autoren der Bibel, die ein neues Verständnis menschlicher Existenz formulieren. Der zweite Band The World of the Polis befasste sich mit dem hellenistischen Mythos und dem Versuch, ihn zu überwinden - Hesiod, die Vorsokratiker, die Tragödie, dann die Geschichtsschreibung. Der dritte Band Plato and Aristotle (1957) beschreibt die athenische Philosophie als endgültigen Bruch mit der archaischen Erfahrung und der alten Sprache des Mythos.
Damit stieß Voegelin auf ein fundamentales Problem. War bislang mit Ordnung vor allem die soziale und politische Organisation sowie deren Legitimation durch die Göttergeschichten des Mythos gemeint, so trat jetzt eine neue Form des Bewusstseins auf. Offenbarung und Philosophie machten etwas bewusst, wovon der Mythos nur indirekt erzählte - nämlich die historische Form, die Geschichtlichkeit der Ordnung menschlicher Existenz in der Gesellschaft. Diese Entdeckung stellte Voegelins Hypothese infrage. Ohne die Offenbarung, ohne die Philosophie gäbe es kein Problem mit der Ordnung der Geschichte, denn die Geschichte der Menschheit ließe sich als Sukzession von Grundtypen menschlicher Existenz in Gesellschaft erzählen, gemäß den sie bestimmenden Erfahrungen und den dafür gebrauchten Sprachen. Die Evolution würde das Modell für die Ordnung der Geschichte abgeben. Warum aber schafft die Offenbarung ein Problem? Nun, sie bringt das Kriterium der Wahrheit, der wahren Existenz ins Spiel, dem gegenüber kosmologische Reiche und Mythen in den Status der Unwahrheit oder Lüge rücken. Die Autoren der Offenbarung treten mit artikuliertem Epochebewusstsein auf und scheiden ihre Gegenwart in ein Vorher und ein Nachher. Dieser Bruch lässt ein evolutionäres Konzept der Geschichte absurd erscheinen. Auch die Philosophie, vor allem Platon, stellt die Ordnung der Geschichte infrage, insofern sie alle Gesellschaftsformen nach dem Kriterium der "Wahrheitssuche" beurteilt. Das Problem der Wahrheit menschlicher Existenz ließ sich nicht mithilfe der Interpretation mythologischer Selbstbeschreibung lösen. Voegelin musste sich auf die Erfahrung, auf die Sprache von Offenbarung und Philosophie einlassen. Nur deren Exegese konnte die Problematik von Ordnung und Geschichte vorantreiben.
Wann hat man zuletzt so großartige Studien gelesen?
Die beiden letzten Bände Ecumenic Age (1974) und In Search of Order unternehmen immer wieder neue Anläufe, die Erfahrung und, wie er es nennt, Symbolisierung der Wahrheitsansprüche seit den Propheten einerseits und Platon andererseits zu rekonstruieren und darüber hinaus die Analyse nachfolgender, abweichender Interpretationen der menschlichen Existenz bis in die Gegenwart fortzuführen. Aus einer Geschichtsphilosophie wurde eine Philosophie der Geschichte, eine Analyse aller Versuche, die Wahrheit des Menschen zu behaupten.
Voegelin hat uns kein System hinterlassen. Sein Werk Ordnung und Geschichte endet nicht in einer abschließenden Theorie des Menschen, sondern bleibt für die Zukunft so offen, wie es in die Tiefe der Vergangenheit ausgreift. Die an den Philosophien der Aufklärung orientierten Schulen unterläuft er, weil er den Fortschritt der historischen Wissenschaften in der Entdeckung menschlicher Zivilisationen ernst nimmt und seine theoretischen Versuche am Material der Forschung, so sein Credo, ausrichtet. Dieser Prozess darf nicht durch ideosynkratische Ideen gestört werden. So klingt seine Methode denkbar einfach: Es geht um "die Rückkehr von den Symbolen, die ihren Sinn verloren haben, zu den Erfahrungen, die Sinn konstituieren". Dabei muss die "massive Anhäufung von sekundären und tertiären Symbolen" beiseite geräumt werden, die das große Hindernis für die Rückkehr darstellen.
Letzten Antworten, ewigen Werten, absoluten Wahrheiten und der Utopie, die Realität in einen letztbegründeten Zusammenhang von Propositionen zu bringen, gilt dabei seine ganze Skepsis. Dagegen setzt er die Realität der Erfahrung, die Menschen wie Platon in ihrer Wahrheitssuche durchlebt und in ihren Texten niedergeschrieben haben. Seine Philosophie der Geschichte betonte stets die Geschichtlichkeit jeder Wahrheitssuche. Voegelin hat zwar nie über die "hermeneutische Erfahrung" theoretisiert, doch hat er an der Möglichkeit nicht gezweifelt, andere Menschen in ihrer Wahrheitssuche zu verstehen. Ordnung und Geschichte blieb unvollendet. Dennoch: Die Lektüre dieses Werkes gehört zu den großen intellektuellen Abenteuern. Wo hat man so herausfordernde Analysen über Israel und Christentum, Apokalypse und Gnostizismus, über Imperien und die Folgen der wissenschaftlichen und sozialen Revolutionen des Westens gelesen?
Eine Auswahl der philosophischen Spätschriften Eric Voegelins liegt im Klett-Cotta Verlag Stuttgart vor. Die zehnbändige Ausgabe "Ordnung und Geschichte" erscheint im Fink Verlag München
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