Auf ein Wort

In New York wird fast jede Sprache der Welt gesprochen. In einem großen Kunstprojekt sollen sie alle dokumentiert werden. Aufzeichnungen einer Wortsucherin

Ein Sprachkunstwerk unter dem Titel word search soll am 4. Oktober in der New York Times veröffentlicht werden: eine kolossale Tabelle, in der ein Wort aus jeder Sprache aufgelistet wird, die in New York gesprochen wird - übersetzt in jede andere dieser Sprachen. Die riesige Wortskulptur beruht auf einem Konzept der deutschen Künstlerin Karin Sander. Herauskommen wird am Ende eine kolossale Tabelle aus rund 250 Wörtern mit ebenso vielen Übersetzungen.

Die Beschaffung der Wörter koordinierte von Februar bis April dieses Jahres die in New York lebende Autorin Sabine Heinlein, gemeinsam mit Franziska Lamprecht. Die ersten 100 Sprachen konnten sie noch recht problemlos auf den Straßen New Yorks einsammeln. Danach wurde die Suche mühsamer, und sie beschlossen, die UN-Botschaften afrikanischer, pazifischer und westindischer Staaten aufzusuchen. In 170 Vertretungen fragten sie Diplomaten und deren Angestellte nach alltäglichen oder besonders relevanten Ausdrücken in ihrer Muttersprache. Hier erzählt Sabine Heinlein von einem Tag der Wortsuche.

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Vor einem prachtvollen Gebäude auf der Upper East Side von Manhattan, das die Botschaft von Kamerun beherbergt, bleiben Franziska Lamprecht und ich noch etwas unentschlossen stehen.

Einfach hinein in die Mission of Cameroon to the UN? Die Fahne weht, die Tür ist offen. Wir geben uns einen Ruck und betreten das aristokratisch wirkende Foyer der Botschaft von Kamerun. Auf dem weinrotem Teppich der herrschaftlichen Eingangshalle steht ein Mann mit einer schwarzen Mülltüte in der Hand und einem breiten Grinsen im Gesicht: Hellohellohello! Auf die Frage, ob er der Rezeptionist sei, erfahren wir, dass er hier sauber mache und Mila heiße. Der Rezeptionist sei gerade nicht da. Aber eigentlich brauchen wir den auch gar nicht. Wir erklären Mila etwas schüchtern unser Anliegen: Weder wollen wir ihm einen Staubsauger verkaufen noch Geld für den Firefighter's Widows Fund sammeln. Wir möchten nichts als Wörter - Wörter auf Fulani und Fang, auf Bulu, Yaundé, Duala und Mbum.

Wir lassen uns auf das königsrote Samtsofa fallen. Mit unserer Ausrüstung in den schweren Taschen sind wir auf alles vorbereitet: Notizblock, Kamera, Aufnahmegerät, Wasserflaschen, Stadtplänen, einer Weltkarte, einem Clipboard, einem dicken Ordner mit Adressen, einem Sprachatlas, einem Englischwörterbuch und der Liste der bisher gesammelten Wörter.

In unseren Taschen suchen wir nach einem geeigneten Stift für das Kameruner Spracherlebnis. Wir haben Stifte für jeden Anlass. Sie helfen uns, mit unseren Partnern ins Gespräch zu kommen. Es gibt Stifte, die sehr seriös aussehen, und andere, die spaßig wirken. All unsere Stifte können mit Leichtigkeit Walisisch und Hebräisch schreiben

sie sind ebenso flüssig in Malaiisch, Luba und Russisch. Für Mila ziehen wir den Kuli mit Smile-Kopfkapsel aus der Tasche: Auf Knopfdruck quellen glibberige Augen heraus.

Als wir Mila nach einem Wort in seiner Muttersprache fragen, schüttelt er energisch den Kopf: In Cameroon, so many languages, so many cultures. Er gibt uns Stift und Clipboard zurück. Wir schreiben ein Wort für ihn auf, das er vielleicht kennen könnte: mfonrei? Mila zuckt mit den Schultern und sagt maybe. Darauf schreiben wir sein Wort auf, so wie es auf Englisch klingt.

Mfawrai? Er guckt erstaunt und sagt maybe. Doch er sagt kein Wort für unsere Sprachensammlung. Weder über die Schreibweise noch die mögliche Bedeutung dieses Wortes können wir uns einigen. Und so ziehen wir weiter zu einem anderen, fernen Land, dessen Botschaft gleich um die Ecke liegt: Burkina Faso.

Philippinisch in Burkina Faso

Dort sitzen mehrere Frauen in kleinen Abteilen. Vor ihnen türmen sich Aktenstapel, die Telefone klingeln. Ein Wort, nur ein Wort? Busy, busy, bekommen wir zu hören, bis ein junger Mann den Raum betritt. Er stellt sich vor als Georges, der Chauffeur des Botschafters, aber er stammt nicht etwa aus Burkina Faso, sondern von den Philippinen. Sofort überhäuft er uns mit Fragen, woher wir kommen und was wir hier wollen. Germany, ahhh, Germany, erwidert er. Do you know Hitler?, fragt er und kichert. Hitler hatte einen deutschen Schäferhund, sagt er. Auch sonst hat Georges viel zu erzählen.

Schließlich beginnt er, sämtliche philippinische Sprachen aufzuzählen: Tagalog, Visayan, Ilocano, Bikol, Pampamgan, Pangasinan, Igorot, Maranao ...

und Englisch. Er springt dabei durch den Raum, als mache ihn schon der Klang der Namen seiner Heimatsprachen glücklich. Dann stiftet Georges ein schönes Wort auf Pampamgan: buri. Das heißt auf Deutsch wollen.

Georges will uns nun jemanden vorstellen. In dunkelblauem Mantel und mit einer Pelzkappe auf dem Kopf begrüßt uns Sango, der Koch des Botschafters.

Von Georges erfahren wir, dass Sango in Burkina Faso ein Millionär, ach was, ein Milliardär ist. Dass man in Burkina Faso Elefanten, aber keine Hunde isst. Dass die Männer in Burkina Faso alle einen Harem haben.

Georges, der Chauffeur, weiß offenbar alles über Burkina Faso. Er ist überdies ein Weltmeister des Vergleichs. Die Philippinen und Burkina Faso seien sehr, sehr unterschiedlich, erklärt er uns. Hier Hunde, dort Elefanten, hier eine Frau, dort eine ganze Menge Frauen. Sango steht schüchtern daneben, nickt mal oder schüttelt den Kopf. Doch was wissen wir schon über die Philippinen oder von Burkina Faso. Gelesen haben wir, dass in Burkina Faso genau wie in Kamerun Französisch die Amtssprache ist und dass die am weitesten verbreitete ursprüngliche Sprache Mossi oder auch Moré genannt wird. Neben Mossi sprechen die Burkina Fasoesen Dyula, Fulani, Gurma und Senufo. Eine kleine Minderheit spricht auch Tuareg.

Woher stammen die Narben in deinem Gesicht?, fragt Georges den Koch, erzähl es den Mädchen, erzähl es, bitte! Für Georges ist jede Geschichte aus Burkina Faso ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Sango erklärt uns freundlich, bei den Narben auf seinen Wangen handle es sich um eine Form von Identifikation, sie funktionierten wie ein Personalausweis. Kurz nach der Geburt wurde früher das Gesicht eines Kindes mit einem symmetrischen Narbenmuster gezeichnet - ein Brauch, der schon seit Jahrzehnten nicht mehr ausgeübt wird. Diese rituelle Narbenzeichnung wurde verstanden in all den vielen Sprachen, die in Burkina Faso gesprochen werden. Sango schreibt das Wort Narben für uns in der Sprache Bissa auf: passe.

Finsternis in Liberia

In der nächsten Mission ist es dunkel. Stockdunkel. 820 Second Avenue: Wir wandern durch lange, enge Gänge, vorbei an den Vertretungen von Korea, Madagaskar, Trinidad, Togo, Nicaragua, Peru und Syrien. Schließlich klingeln und klopfen wir an der Tür der Liberianischen UN-Botschaft. Niemand öffnet.

Die Tür links daneben steht einen Spalt breit offen. Kühn spähen wir hinein.

Wir sagen ein leises: Hello? Aus dem Reich der Dunkelheit taucht eine recht wirsche Person auf, die uns deutlich macht, dass wir hier alles andere als erwünscht sind. Hier ist niemand! Angesichts ihrer Entschlossenheit scheint es aussichtslos, sie zu fragen, ob sie nicht vielleicht, eventuell, möglicherweise, maybe mit einem Wort helfen könnte auf Kpelle, Bassa, Kru, Grebo, Gola, Loma oder Kissi. Die Reaktion der Dame ist eindeutig. Mission closed!

Wir fragen eine Dame mit Schnurrbart an der Sicherheitskontrolle im Foyer des Hochhauses, ob sie uns sagen könne, was mit der Liberianischen Botschaft los sei. Verschwörerisch erzählt uns die Wachfrau, dass die Liberianische Botschaft seit Monaten keinen Strom mehr bezahlt habe und deshalb geschlossen sei.

Nach der gescheiterten Liberia-Mission begeben wir uns nach Swasiland. In dessen Botschaft werden wir von einem Diplomaten über die genaue Prozedur informiert: Der zweite Botschafter verspricht uns, den ersten Botschafter um Erlaubnis für ein Wort auf Swasi zu bitten. Jener erste Botschafter würde sich dann mit dem Minister von Swasiland in Verbindung setzen, der Minister schließlich den König um Erlaubnis zur Wortstiftung bitten. Sollte der König unsere Anfrage genehmigen, könnten wir wiederkommen und unser Wort abholen.

Von Swasiland vertröstet, begeben wir uns zur Slowakischen Botschaft. Dort fragen wir einen gut aussehenden Herrn in grauem Anzug nach einem Begriff mit symbolischer Bedeutung für die Slowakische Republik. Schweigen erfüllt den Raum.

Wir fragen nach einem persönlichen Lieblingswort. Er hat keins. Auf den Fotos im Wartesaal wird die Slowakei von dichtem Nebel verschluckt. Und schließlich erfahren wir: Nebel heißt auf Slowakisch hmla.

Für heute genug. Die Bilanz eines Suchtages: drei Kontinente, fünf Länder, zehn Sprachen. Auch Wortsucherinnen machen mal Feierabend - beziehungsweise ohirakinisuru, rusttija na het werk, az ünnep elöesteje, paydos, fyraben oder auch fyraften.

Nähere Informationen zu word search unter: www.moment-art.de

 
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