Mein Erster war ein Delta. Nachtblau, zwei Türen, 120 Pferdestärken. Zu diesem meinen ersten Lancia-Modell war ich durch eine großzügige Leihgabe meines Vaters gekommen. Am Tag vor der geplanten Abfahrt zu einem mehrmonatigen Italienaufenthalt wurde der bereitstehende R4 in unschuldiger Parkposition am Straßenrand von einem BMW-Fahrer schrottreif demoliert. Die Rettung war der Delta. Ein edles, für die damaligen studentischen Verhältnisse ganz und gar unpassendes, wenn auch durch seine sportliche Note reizvolles Fahrgerät. Bevor es losging nach Italien, bekam der Delta noch einen Satz neue Bremsen, und der Vertragshändler gab einen wichtigen Anti-Diebstahl-Tipp: Legen Sie immer eine aktuelle italienische Sportzeitung unter die Windschutzscheibe, dann gehen Sie, trotz deutschem Kennzeichen, als Italiener durch. Ach, herrlich, dieser Satz, alle Klischees drin, dachte ich damals. Denke ich jedenfalls heute, wenn ich mich daran erinnere. Der Delta hatte eine Handbremse, und wenn man rückwärts einparkte, machte es plopp, manchmal auch knirsch, es ruckelte ein bisschen, und man wusste, jetzt hatte man den zur Verfügung stehenden Platz optimal ausgenutzt. Hatte man sich verfahren, fuhr man - meist nach heftigen Debatten mit der geneigten Mitfahrerin - an den Straßenrand, blickte in die Karte und setzte, günstigenfalls, die Fahrt in der richtigen Richtung fort. Die Kommunikation zwischen Fahrer und Fahrzeug beschränkte sich aufs Kuppeln, Schalten, Bremsen, Gasgeben. Alles andere geriet darüber leicht in Vergessenheit. So konnte es zwischen den langen, in regelmäßigen Abständen sich aneinander reihenden Tunneln auf dem Weg nach Italien und zurück passieren, dass man stundenlang mit Aufblendlicht fuhr, ohne es zu merken.

Womit wir beim Lancia Thesis angekommen sind. Der Thesis hat keine Handbremse, jedenfalls keine, die man lösen muss, bevor man losfährt. Sie löst sich nämlich von selbst, sobald man das Gaspedal bedient. Wenn man mit dem Thesis rückwärts einparkt, piepst es erst in Abständen, dann - je näher man sich dem Mitparker nähert - in einem Dauerton

legt man dann den Vorwärtsgang ein, piepst es - in geringfügig anderer Tonlage - weiter. Kein gefühlsechtes Rempeln mehr, was aber eigentlich bei diesem Gefährt auch nichts ausmacht, ist doch der mögliche Kontakt zwischen jenen Teilen, die man früher Stoßstangen nannte, ohnehin unmöglich. Sie gibt es nämlich nicht mehr, zumindest nicht beim Thesis. Integriert seien sie, ins Fahrgestell, heißt es zur Begründung. Auch das Tunnellichtproblem kennt der Thesis nicht: Wenn man in einen Tunnel oder auch nur in eine Unterführung fährt, schaltet sich das Licht automatisch an - und auch wieder aus, wenn man die Düsternis verlässt.

Ob und wie rasch das geschieht, lässt sich den individuellen Bedürfnissen anpassen. Man könnte also rein theoretisch auch am helllichten Tag ununterbrochen mit Aufblendlicht durch die Gegend fahren. Und schließlich ist beim Thesis ein Irrtum in der Straßenwahl ebenso wenig vorgesehen wie entsprechende Debatten mit geneigten Mitfahrerinnen. Nein, gemeint ist nicht eines dieser stimmengestützten Allerweltsstraßenleitsysteme (Jetzt bitte rechts abbiegen!), die gibt es auch, sondern die zusätzliche telefonische Hotline zum individuellen Stauberater, per Freisprechanlage selbstverständlich. Muss man noch anführen, dass der mit edelstem Leder bespannte Sitz sich im Moment der Zündung mitsamt dem Fahrer, an dessen Beinlänge orientiert, sanft nach vorne schiebt? Und dass er diese Position erst mit dem Öffnen der Fahrertür wieder aufgibt, auf dass ein bequemes Entsteigen möglich werde? Nein, das muss man nicht, denn den luxuriösen Thesis auf den Luxus im Thesis zu reduzieren wäre in etwa so, als würde man die Sportzeitung an der Windschutzscheibe tatsächlich nur als Diebstahlsicherung begreifen.

Der Thesis ist zweifellos ein Bekenntnis, ein doppeltes gleich: eines, das der Fahrer ablegt, der die Karosse steuert, und eines der Marke Lancia selbst. Denn der Thesis ist auch ein Wagnis, mit dem Thesis begibt sich Lancia aus dem Windschatten der ausgewiesenen Edelmarken, versucht in der Phaeton- und S-Klasse-Liga mitzuspielen. Seine bullige Statur entspricht durchaus dem Fahrgefühl. Der Fünfzylinder-Turbodiesel 2.4 JTD, den der Hersteller als kraftvollen Sparer preist, unterstreicht dieses Gefühl: Ohne Hast setzt er sich und seine 150 Pferdestärken in Bewegung. Reizt man das Sechsganggetriebe aufs Äußerste, springt dabei eine Höchstgeschwindigkeit von 206 Stundenkilometern heraus. Es bedufte eines eher zufälligen Blickes meiner Frau auf das erfreulich klassisch gehaltene Armaturenbrett, bis ihr klar wurde, dass wir mit 200 über die Autobahn glitten. Und sie dies mit dem Verweis auf die unmittelbar bevorstehende Geburt unseres zweiten Kindes als überflüssig geißelte. Kein Ruckeln und kein Windesrauschen, nicht einmal die erhöhte Drehzahl vor dem Schalten verrieten die Temposteigerung oder störten die in Endlosschleife dudelnde Kindermusik.

Im Stadtverkehr hingegen hat man im Thesis eigentlich immer das Gefühl, sich etwas ungelenk, aber eben doch majestätisch fortzubewegen. Jeder der insgesamt 489 Zentimeter Länge ist spürbar. Nervöses Fahrspuren-Hopping verbietet sich. Nicht etwa, weil die Beschleunigung nicht ausreichte, um eben mal einen Sportwagen in die Grenzen zu weisen, sondern weil der Thesis und sein Fahrer als Stoiker wissen, dass bei der nächsten roten Ampel doch wieder alle beisammen sind. Und obwohl nun, wie gesagt, nahezu alle Möglichkeiten der Kommunikation durch Knopfdruck (und einige sogar durch Stimmenkommandos) abrufbar sind, scheint jede Hektik aus dem Innenraum verbannt. Selbst kleine Kinder, die gerade sehr stolz dem Mittagsschlaf für immer abgeschworen haben, gönnen sich (und ihren Eltern) im Thesis-Fond ein Nickerchen.

Wäre der Thesis selbst als Mensch auf die Welt gekommen, dann wäre er ein distinguierter, wohlhabender, das ganze Jahr über gut, aber nicht auffällig gut gebräunter Gentleman aus noblem italienischem Geschlecht. Großzügig, aber eben nicht großspurig, gute Manieren (angeboren, nicht antrainiert), rahmengenähte Schuhe, die er trägt, bis sie auseinander fallen, lässiger Schick eben und - was den Charakter betrifft - Typ: Beschützer. Ich tue alles für dich, ruft der Thesis seinem Fahrer (oder seiner Fahrerin selbstverständlich) vom Moment der ersten Begegnung an entgegen, du musst dich um nichts kümmern, bei mir bist du sicher! Insofern ist der Thesis gewiss ein eher männliches (und damit irgendwie auch ein sehr italienisches) Automobil. Eine moderne Frau würde ihm vielleicht antworten: Beschützt werden? Wer will das schon? Sie würde damit beim Thesis einen durchaus heiklen und sensiblen Punkt treffen. Will man wirklich alles fuß-, hand- und mundgerecht serviert bekommen? Perfektion kann auch nerven. Besteht nicht die Gefahr, dass die moderne Frau (und der moderne Mann natürlich) dann doch lieber mit dem alten Delta, dem nicht perfekten Sportmodell das Weite sucht, statt es sich in der Luxuslimousine bei - auch im Fond! - individuell steuerbarer Temperatur bequem zu machen? Ja, diese Gefahr besteht durchaus.

Insofern ist das Einzige, was dem Thesis fehlt, ein Augenzwinkern, ein kleiner Kratzer am Lack, ein Moment der Perplexion, der Unberechenbarkeit.

Doch der Thesis wäre nicht er selbst, hätte er sich nicht auf ebendieses Problem bereits bestens vorbereitet. Er weiß, man sucht in ihm nicht die Affäre, sondern den Partner fürs Leben. Das zu leugnen, wäre er nie in Versuchung, ja es wäre ihm abgrundtief peinlich. Und so würde der Thesis, angesprochen von der modernen Frau, ganz vorsichtig einen Gang herunterschalten. Bei sich würde er im Stillen denken: Früher, da war das noch einfacher mit den Frauen. Sagen würde er mit klarer, fester Stimme: Verehrteste, ich kann nicht anders.

PS Nächste Woche am Start: ZEIT-Autorin Annette Lessmöllmann im VW Golf TDI 1.9l