Gert Scobel

Der 43-Jährige moderiert die Sendungen "Kulturzeit" auf 3sat, "Bücher Bücher" im hessen fernsehen und das ARD-"Morgenmagazin"

Die Begeisterung für Literaturkritik hängt bei mir eng mit jener für die Philosophie zusammen. Philosophie lebt ja vom Dialog - mit Menschen und mit Texten. Insofern ist Literaturkritik für mich nichts anderes als lautes Denken mit oder vor Publikum. Man muss nicht Germanistik studiert haben, um ein guter Literaturkritiker zu sein. Als Theologe und Philosoph bin ich im Umgang mit Texten geübt und empfinde deshalb keine Defizite gegenüber anderen Kritikern, die sich vielleicht ein Leben lang nur mit Literatur befasst haben. Natürlich braucht jeder Kritiker einen gewissen literaturwissenschaftlichen Hintergrund. Wenn jemand noch nie Goethe oder Musil gelesen hat - wie soll er dann Entwicklungen einordnen können? Ich muss wissen, in welcher Tradition bestimmte Werke stehen, die ich heute beurteilen soll. Und man sollte über Methoden der Kritik nachgedacht haben. Eine der wichtigsten lautet für mich ganz schlicht: Gründlich lesen! Und das tue ich überall, wo ich es kann: zu Hause, im Büro, im Hotel und, wenn ich alleine bin, auch beim Essen. Außerdem lese ich hörend im Auto - mithilfe von Hörbüchern. Ich habe dieses Jahr circa 50 Bücher gelesen. Aber das ist nur ein Bruchteil des Berges der 90 000 Neuerscheinungen des vergangenen Jahres.

Gerade in literarischen Fernsehsendungen ist es wichtig, eine Art Mischkalkulation von Bestsellern, Krimis und anspruchsvoller Literatur zu finden. Nur wenn man es schafft, die Leute überhaupt für Literatur und das Lesen zu begeistern, gelingt es vielleicht, sie für speziellere, "schwere" Sachen zu gewinnen. Ein Film über den Briefwechsel zwischen Paul Celan und seiner Frau lässt sich nur zwischen populären Themen bringen, sonst schalten die Leute weg.

Im Fernsehen muss es gelingen, Bücher in Filmbeiträge umzusetzen. Das macht Literaturkritik zur Herausforderung. Wie stelle ich Literatur filmisch dar, ohne den Autor zum zehnten Mal aus dem Fenster schauen oder durch die Wiesen gehen zu lassen? Gute Filme sind zeitaufwändig und daher teuer. In vielen Filmen steckt zu viel bloße Beschreibung, ein klares Urteil fehlt. Ich muss aber auch nach einer Literaturkritik im Fernsehen nicht nur wissen, worum es in dem Buch geht, sondern auch, warum ich es lesen soll. Eine gute Literaturanalyse zu liefern und trotzdem eine Vielzahl von Menschen zu unterhalten muss sich im Fernsehen nicht ausschließen. Dennoch wird Literaturkritik im Fernsehen von den Kritikern der großen Feuilletons nicht besonders ernst genommen: Sie sei zu oberflächlich, liefere nur Tipps. Wer so denkt, überschätzt vielleicht sich selbst und die Macht gedruckter Kritik.

Überhaupt finde ich, dass der Aspekt der "Macht der Literaturkritik", der Macht über Auflagen und Verkaufszahlen, keine Rolle spielen sollte - für mich jedenfalls spielt sie keine. Ich kann bei keinem Buch vorhersehen, welche Wirkung eine Besprechung haben wird. Über das Buch Das Lächeln der Medusa verlor ich nur wenige Sätze in einer Kulturzeit-Sendung, das hat genügt, um eine Verkaufslawine auszulösen. Verrisse bekommt man im Fernsehen so gut wie nie durch. Dafür ist die Sendezeit zu kostbar. Ein Verriss lohnt sich nur, wenn hohe Erwartungen an ein Buch gestellt wurden.

Burkhard Spinnen

bekam als Schriftsteller zahlreiche Literaturpreise. Als Kritiker saß der 45-Jährige in der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises 2002

Literaturkritiker, ist das überhaupt ein Beruf? Ich denke, es ist eher ein bestimmter Existenzzustand von Leuten, die sich mit Literatur befassen. Es gibt zwar Autoren, die nicht über Literatur reden wollen, und es gibt Kritiker, die keinen Schreibimpetus verspüren. Aber die allermeisten von denen, die sich mit Literatur beschäftigen, lassen sich nur schwer einer einzigen "Berufsgruppe" zuordnen. Ich selbst wollte immer "Schriftsteller" werden. Mit 19 habe ich begonnen, Germanistik zu studieren, weil ich glaubte, das läge dem eigenen Schreiben am nächsten. So bekam ich unter der Hand eine ausgiebige Vorbildung im Literaturkritischen. Was aber nicht meint: geprüftes Fachwissen, denn das gibt es in diesem Metier nicht, insbesondere nicht bei der Beurteilung von zeitgenössischen Texten. Literatur lässt sich nicht prüfen wie die Tragfähigkeit einer Brückenkonstruktion. Es gibt allerdings das Ideal eines intelligenten, nachvollziehbaren und gut begründeten Geschmacksurteils. Siehe Kant! Literaturkritik funktioniert nicht ad hoc, sie ist Teil eines langwierigen Prozesses, aus dem sich der Kanon formt: also die bewegliche Summe dessen, was wir lesen sollen.

Es ist daher unmöglich, Literaturkritik als erlernbares Handwerk zu verstehen. Ich kann mir keinen Kurs vorstellen, in dem ich Studenten sage: Ich zeige euch jetzt eine fertige Eins-a-Literaturkritik - und die macht ihr dann mal nach. Kritiken sind ohne die Subjektivität und die Originalität des Kritikers nicht denkbar. Das beginnt schon damit, ob er mit dem Bleistift in der Hand liest, ob er gleich nach der Lektüre schreibt oder das Buch zwei Tage liegen lässt. Verlangen kann ich allerdings von Kritikerin und Kritiker, dass sie das Äußerste an detektivischem und interpretatorischem Spürsinn einsetzen. Bitte sorgfältig lesen! Früher hat man auch darum gebeten, Literaturkritik nicht in einer Sondersprache zu verfassen. Aber ich glaube, dass der Typus des sehr intellektuellen Kritikers, der nur für wenige Eingeweihte schreibt, im Aussterben begriffen ist. Jüngere Kritiker setzen (an bestimmten älteren geschult!) mehr auf Performance.