Leben bei Rotlicht

Heute schaut niemand mehr hin, wenn Bands auch in kommerziellen Musikvideos Lack und Leder tragen und mit ernster Miene dem Geschäft des Partnerauspeitschens nachgehen. In den frühen Achtzigern allerdings, als Sadomaso noch nicht bei Hertie angelangt war, machten die beiden nordenglischen Kunststudenten Marc Almond und Dave Ball sich unter dem Namen Soft Cell mit einem einzigen Song unsterblich: Tainted Love, der Neuinterpretation eines alten Soultitels, einer Warnung vor den Gefahren blutiger Romantik, düster klappernd und süßlich zugleich.

Vor 18 Jahren haben sich die beiden getrennt und jetzt mit Cruelty without Beauty (Cooking Vinyl/Vertrieb: Indigo) wieder ein neues Album herausgebracht. Mit demselben exaltierten Pathos wie früher singt Almond über Selbstmordfantasien und Schlaflosigkeit, über die broken people und fallen heroes der Nacht. Seine hysterische Stimme, das billige Computergedaddel, die Anleihen beim Glamour und Glitter der Diskokultur - das alles erinnert an die alten, treibenden Lieder aus dem Peep-Show-Milieu, als Almond vor lauter Langeweile eine Viertelmillion Pfund für Ecstasy ausgegeben haben soll. Bloß ist die Pose dahinter erkennbarer denn je und das Pathos leicht ranzig. Wenn auch noch die Liebe bis zur Selbstaufgabe in einer 2002er Edeltrash-Version dahergeklappert kommt, meint man zu wissen, warum Almond sich in den Jahren seiner Solokarriere den Ruf eingehandelt hat, auch nur ein tuntiger Schnulzensänger zu sein.

Anzeige

Aber haben wir nicht durch die Achtziger gelernt, dass Pop erst in seiner Künstlichkeit wahrhaft authentisch ist? Dass Kitsch Kunst sein kann, weil er die Ordnung des guten Geschmacks durcheinander bringt? Und waren Soft Cell nicht gerade deshalb immer mehr als Teenie-Idole, weil ihre Lieder die Erzählungen der Nacht zugleich forcierten und kommentierten? Immer schon gab Marc Almond die Diva, nie aber ironischer als auf diesem Spätwerk. "I'll parody myself, just don't leave me on the shelf" kokettiert er, gestützt von schwülstigen Bläsern, mit seiner Darstellungssucht, und als wäre es nicht heldenhaft genug, in Bars und Klubs alt werden zu wollen, gewinnt er dem Leben bei Rotlicht sogar die ein oder andere Pointe ab. Einer seiner schönsten Songs beginnt mit der Frage, was zu tun sei, wenn man nichts in seinem Leben gelernt habe außer auszugehen. Nach gescheiterten Meditationsversuchen, Ausnüchterungen und Kristalltherapien bleibt ein Hilferuf: nach einem Drink, einer Line, einem Joint. Das ist heute mehr denn je theatralisch, aber echt, existenzialistisch, aber witzig.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle DIE ZEIT, 41/2002
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Kitsch | Ecstasy | Musik | Vertrieb | Romantik | Album | Anleihe | Pop
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service