Tür an Tür mit Mohammed Atta

Auf der Jagd nach den späteren Todespiloten quartierten sich israelische Spione in Florida ein - bis die Agenten enttarnt wurden von Oliver Schroem

Am 30. April vergangenen Jahres schlug die Luftwaffe der Vereinigten Staaten Alarm. Die Sicherheitsabteilung der Tinker Air Force Base in Oklahoma City warnte vor einem "Geheimdienstzirkel von israelischen Kunststudenten".

Zuvor hatten amerikanische Strafverfolgungsbehörden erfahren: Auffällig viele israelische Studenten hatten sich um Jobs bei solchen Software-Herstellern und Technologiefirmen beworben, die vorwiegend für Regierungsstellen arbeiteten. Bei den jungen Israelis, so der naheliegende Verdacht, handelte es sich womöglich um Mitglieder eines Agentenrings. Eine eigens gebildete Task Force, bestehend aus Mitarbeitern der Drug Enforcement Administration, der Einwanderungsbehörde und dem Office of Security Program, ging der Sache nach.

Anzeige

Die jungen Israelis wurden überwacht und ihre Personalien in Computerprogrammen ausgewertet. Der 61-seitige Abschlussbericht liegt der ZEIT vor. Demnach sollen 120 Israelis, untergliedert in Zellen von vier bis sechs Personen, ein straff organisiertes und effizientes Spionagenetzwerk gebildet haben. Bei einigen der vermeintlichen Studenten handelte es sich in Wahrheit um Abhör- und Funktechniker oder Terrorabwehrspezialisten.

Die Israelis wurden festgenommen, verhört und danach abgeschoben. In der Welt der Geheimdienste gehört Spionage unter Freunden zum Alltag. Allerdings waren diesmal zu viele Leute involviert, als dass die Enttarnung hätte verheimlicht werden können. Sowohl israelische Stellen als auch amerikanische Behörden bemühten sich darum, den Fall herunterzuspielen.

Erst nach den Anschlägen vom 11. September ist die mögliche Tragweite des Spionagerings klar geworden: Offensichtlich waren die Agenten nicht nur an Militär- und Industrieeinrichtungen interessiert, sondern hatten auch etliche Verdächtige beschattet, die später an den Terrorangriffen auf Amerika beteiligt waren. In einem Bericht des französischen Geheimdienstes, den die ZEIT eingesehen hat, heißt es: "Laut der FBI-Liste lebten arabische Terroristen und verdächtige Terrorzellen in Phoenix, Arizona, sowie Miami und Hollywood, Florida, von Dezember 2000 bis April 2001 in direkter Nachbarschaft zu den israelischen Spionagezellen."

Die Mossad-Agenten interessierten sich demnach auch für den Anführer der Attentäter, Mohammed Atta, und einen seiner wichtigsten Komplizen, Marwan al-Schehhi. Beide hatten in Hamburg gelebt, bevor sie sich in Hollywood im Bundesstaat Florida niederließen, um die Attentate zu planen. In der Kleinstadt operierte auch ein Team des Mossad. Der Chef, Hanan Serfati, hatte mehrere Unterkünfte gemietet. "Eine Wohnung von Serfati befand sich in der 701. Straße, Ecke 21. Avenue in Hollywood, ganz in der Nähe von der Wohnung von Atta und al-Schehhi", berichtete später der französische Geheimdienst.

Alles spricht dafür, dass die Terroristen ständig von den Israelis observiert wurden. Der Chef der israelischen Agenten quartierte sich ganz in der Nähe jenes Postamtes ein, in dem die Terroristen ihr Postfach hatten. Außerdem hatte der Mossad Attas Komplizen Chalid al-Midhar im Visier, von dem auch die CIA wusste, ihn aber gewähren ließ. Mehrmals soll der Mossad die amerikanischen Partner vor den Terroristen gewarnt haben, insbesondere vor Chalid al-Midhar. Die US-Regierung räumt später ein, vor dem 11. September solche Warnungen erhalten zu haben. Allerdings seien diese meist davon ausgegangen, dass Attentate gegen US-Einrichtungen außerhalb der Vereinigten Staaten geplant würden.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte CIA | Mohammed Atta | Phoenix | Agent | Anschlag | Attentat
    Service