Am angespannten deutsch-amerikanischen Verhältnis liegt es diesmal nicht, dass das renommierteste Forschungslabor der USA seinen bekanntesten deutschen Mitarbeiter fristlos gefeuert hat. Nein, die Bell Labs haben Jan Hendrik Schön aus anderem Grund entlassen: Der 32-jährige Jungstar der Nanophysik hat Messdaten gefälscht, Veröffentlichungen manipuliert und die Physik verbogen. Der Vorwurf stand schon länger im Raum (ZEIT Nr. 25/02), nun bestätigt ihn ein fünfköpfiges Expertenkomitee, das den Fall im Auftrag der Bell Labs untersucht hat. Der Bericht, den das Forschungslabor vergangene Woche veröffentlichte, schockiert die wissenschaftliche Gemeinde. An einen Fälschungsfall dieser Größenordnung kann sich in der Physik niemand erinnern. Das unter Physikern gern verbreitete Selbstbild von der reinen und wahren Königsdisziplin ist zerstört. Dabei galt Jan Hendrik Schön noch Anfang des Jahres als Wunderkind der Festkörperphysik. Er wurde mit Forschungspreisen überhäuft und glänzte durch eine beispiellose Serie von Veröffentlichungen, etwa über Laser und Transistoren aus Kunststoff. Zuletzt publizierte er mit Kollegen im Durchschnitt alle acht Tage einen Artikel, darunter 17 Beiträge in den Zeitschriften Nature und Science. Kurz bevor der Fälschungsverdacht bekannt wurde, bot ihm die Max-Planck-Gesellschaft den Posten eines Institutsdirektors an. Nun allerdings ist klar: Jan Hendrik Schön verdankt seinen Erfolg auch seinem Talent als geschickter Simulator. So hat er Kurven, die mit einem Mathematikprogramm erstellt wurden, als experimentelle Daten ausgegeben und Werte einer einzigen Messung für ganz unterschiedliche Experimente recycelt. Schön selbst hält die Anschuldigungen für einen großen Irrtum - doch widerlegen konnte er sie nicht: Seine Originaldateien sind gelöscht, weil der veraltete Computer angeblich zu wenig Speicherplatz hatte. Laborbücher gibt es nicht, Schön notierte auf Zetteln. Und seine mehr als hundert "magischen Kristallproben", mit denen er die erstaunlichen Ergebnisse erzielte, hat er beim Messen leider zerstört oder schlicht in den Müll geworfen. Und was wussten Schöns Koautoren? Die wichtigsten Veröffentlichungen hat er mit dem renommierten Physiker Bertram Batlogg publiziert, der heute an der Eidgenössischen-Technischen Hochschule in Zürich lehrt. Ihn sprechen die fünf Physik-Weisen frei - ebenso wie alle anderen Koautoren. Der Vorwurf des Fehlverhaltens ihnen gegenüber sei "völlig ausgeräumt". Dennoch gibt es diplomatisch verpackte Kritik an Batlogg: "Ein vorgesetzter Wissenschaftler, der die wissenschaftlichen Details der Arbeit aufmerksam verfolgt (...) und prüfend hinterfragt, kann seinen Kollegen besser bei der Verteidigung der Arbeit unterstützen." Und wie sieht es mit der Verantwortung der Koautoren für die manipulierten Artikel aus? Hier lavieren die Bell-Gutachter. Einerseits stellen sie fest: "Durch ihre Koautorenschaft bürgen sie [die Koautoren] stillschweigend für die Richtigkeit der Arbeit." Doch dies sei andererseits "keine Frage wissenschaftlichen Fehlverhaltens, sondern der beruflichen Verantwortung." Ob die Koautoren nun Verantwortung tragen oder nicht, hält die Kommission "für eine extrem schwierig zu beantwortende Frage, die die scientific community nicht ausreichend beachtet hat". In Deutschland ist diese "schwierig zu beantwortende Frage" inzwischen geklärt. Hierzulande gilt der Grundsatz: Mitgefangen, mitgehangen. Alle Koautoren, deren Namen eine Veröffentlichung zieren, seien für den Inhalt gemeinsam verantwortlich, heißt es in den Verhaltensregeln der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Dass entsprechend klare Regeln in den USA bislang fehlen, liegt auch an dem ungeschriebenen Ehrenkodex, der schon jedem Kind eingebläut wird. Von der Highschool bis zur Uni ist Abschreiben verpönt. Lehrer und Professoren verlassen während der Klausuren oft sogar den Raum. Wer versucht zu schummeln, wird von den Kommilitonen geächtet. Ist es vielleicht kein Zufall, dass hinter dem Forschungsbetrug an den Bell Labs kein Amerikaner steckt? Auch ein anderer Fälschungsfall, der vor kurzem die amerikanische Physikgemeinde erschütterte, geht auf einen Ausländer zurück: Dabei musste der Russe Victor Ninov zugeben, dass er an einem Teilchenbeschleuniger in Berkeley Daten manipuliert hat, um die Entdeckung des Elements 118 für sich zu reklamieren. Hinter Ninovs Namen stehen 14 Koautoren. Der Fall Schön bringt nun das Fass zum Überlaufen. "Das ist ein Schock für uns", sagt die designierte Präsidentin der Amerikanischen Physikalischen Gesellschaft (APS), Myriam Sarachik. Man werde ihn als "Weckruf" verstehen und den alten Verhaltenskodex der APS von 1991 überarbeiten. Dabei wolle man auch zur Verantwortung der Koautoren Stellung nehmen - und sich zuvor die deutschen Regeln gründlich ansehen. Doch nicht nur die APS sollte ihre Regeln überarbeiten. Auch das Gutachterverfahren der Fachzeitschriften hat offensichtlich versagt. Und zu guter Letzt erhebt sich die Frage, warum die Max-Planck-Gesellschaft ausgerechnet einen Wissenschaftler zum Instituts-Direktor küren wollte, dessen Ergebnisse zwar brillant erschienen, aber bislang nicht reproduziert werden konnten. Einen Trost wenigstens gibt es: Die deutschamerikanischen Beziehungen werden unter dem Fall Schön wohl nicht leiden. "Physik ist international", sagt Myriam Sarachik. Betrug leider auch.