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Weshalb wir einen literarischen Kanon brauchen von 

Es geschieht am Abend des ersten Tages, nach der Verwandlung von Nils Holgersen in einen Däumling. Den ganzen Tag über ist Nils auf dem Rücken des weißen Gänserichs mitgeflogen, und er hat vor lauter Staunen über diesen wunderbaren Blick vom Himmel auf die Erde hinab seine Schande ganz vergessen, die Schande, dass er für seine Bosheit gegen den Kobold schwer bestraft worden ist und dass er nicht weiß, wann er sich je wieder unter den Menschen blicken lassen darf. Jetzt aber, da er sich müde und elend fühlt und da sich die Gänse draußen auf dem Eis zum Schlafen niederlegen, kommt Akka von Kebnekajse, die Leitgans, auf ihn zu und sagt, nachdem sie sich gravitätisch vorgestellt hat: "Du musst nicht glauben, dass wir unseren Schlafplatz mit jemandem teilen, der nicht sagen will, welcher Familie er entstammt."

In diesem Augenblick erwacht in Nils Holgersen der Stolz, und obwohl er sich seiner Geschichte schämt, erzählt er, wer er eigentlich ist. Er nimmt den Schmerz der Erinnerung auf sich, er nimmt die Schuld an, und das ist der Anfang seiner Rückkehr unter die Menschen und seiner Heimkehr zu den Eltern.

Selma Lagerlöfs Roman ist eine große Metapher für die Notwendigkeit des Erinnerns. Er erzählt den schwedischen Kindern von ihrer Heimat, von Natur und Landschaft, und er öffnet ihnen den Blick für die Tiefe des historischen Raums. Sie sollen wissen, woher sie kommen, und sie erfahren es aus den Märchen und Sagen, aus den Fabeln und Legenden, in denen das Leid und das Glück der Ahnen aufgehoben sind.

Friedrich Schiller zeigt in seiner berühmten Rede Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? (26. Mai 1789 in Jena), wie wir alle auf den Schultern unserer Vorfahren stehen. "Selbst in den alltäglichsten Verrichtungen des bürgerlichen Lebens können wir es nicht vermeiden, die Schuldner vergangener Jahrhunderte zu werden." Daraus leitet er nicht allein die Notwendigkeit ab, die Geschichte zu kennen, deren vorläufiges Endprodukt wir sind, sondern auch die Verpflichtung, unseren Nachkommen diese Kenntnis zu überliefern.

Ohne die Kenntnis der Herkunft gibt es keine Zukunft

Zu seinen Studenten, also zu uns, sagt Schiller: "Aus der Geschichte erst werden Sie lernen, einen Wert auf die Güter zu legen, denen Gewohnheit und unangefochtener Besitz so gern unsre Dankbarkeit rauben. Und welcher unter Ihnen könnte dieser hohen Verpflichtung eingedenk sein, ohne daß sich ein stiller Wunsch in ihm regte, an das kommende Geschlecht die Schuld zu entrichten, die er dem vergangenen nicht mehr abtragen kann? Ein edles Verlangen muss in uns entglühen, zu dem reichen Vermächtnis von Wahrheit, Sittlichkeit und Freiheit, das wir von der Vorwelt überkamen und reich vermehrt an die Folgewelt wieder abgeben müssen, auch aus unsern Mitteln einen Beitrag zu legen, und an dieser unvergänglichen Kette, die durch alle Menschengeschlechter sich windet, unser fliehendes Dasein zu befestigen."

Die wirkliche Katastrophe der gegenwärtigen, durch die Pisa-Studie neu entfachten Bildungsdebatte liegt darin, dass sich alle Energie auf die Steigerung von Leistung und Effizienz richtet, dergestalt, dass Fächer, die keinen unmittelbaren Nutzen für den Wirtschaftsstandort Deutschland zu haben scheinen, ins Hintertreffen geraten. Das gilt für Musik, Literatur, Kunst und Geschichte, und für die alten Sprachen sowieso.

Wenn aber der Begriff Bildung überhaupt einen Sinn hat, dann verknüpft er sich mit der Idee, den ganzen Menschen in all seinen Fähigkeiten auszubilden; und dazu gehört zweifellos die Fähigkeit, Schmerz ebenso zu empfinden wie Glück; die Fähigkeit, zwischen schön und hässlich, zwischen gut und böse unterscheiden zu können; schließlich die Fähigkeit, ein gutes, ein richtiges, ein verantwortliches Leben zu führen.

Das ist nicht schwer, aber es ist nicht leicht. Denn Voraussetzung dafür ist etwas wie Selbstbewusstsein, Selbstkenntnis. Sich selber kann man nur kennen, wenn man annähernd weiß, wer man ist, wo man herkommt. Ohne die Kenntnis der Herkunft gibt es keine Zukunft, und das wiederum heißt, dass es gelingen muss, "unser fliehendes Dasein an der unvergänglichen Kette der Überlieferung zu befestigen".

Das Medium dieser Überlieferung ist die Historiografie, und die umfasst nicht allein die wissenschaftlichen Werke, sondern vor allem die Mythen, die Märchen, die Dramen und die Epen. Der Schriftsteller Ludwig Harig hat einmal gesagt: Nur der erzählende Mensch ist ein Mensch. Und nur der erzählte Mensch ist ein Mensch. Die Literatur ist die Geschichte des erzählenden und des erzählten Menschen.

"Andra moi enepe mousa ...", so beginnt die Odyssee, eine der ältesten und folgenreichsten Mythen der Menschheit. "Erzähle mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, der so weit geirrt, nach des heiligen Troja Zerstörung."

"Ik gihorta dat seggen ...", "Man hat mir erzählt ..." - so beginnt das Hildebrandslied, das erste Dokument der deutschen Literatur.

"Uns ist in alten maeren wunders vil geseit / von heleden lobebaeren, von grozer arebeit." Das ist der Anfang des Nibelungenliedes: "In alten Geschichten wird uns Wunderbares erzählt, von rühmenswerten Helden und von großer Mühsal."

"In einem bei Jena gelegenen Dorfe erzählte mir der Gastwirt ..." - so beginnt Kleist seine Anekdote aus dem letzten preußischen Krieg.

Man könnte Dutzende solcher Anfänge vorführen, die alle nur das eine zeigen und beweisen: dass die Literatur sich fortpflanzt von Bericht zu Bericht, dass jeder Erzähler sich auf einen anderen Erzähler beruft und selber ein Glied wird in der unvergänglichen Kette der Überlieferung. Denn der Erzähler verkörpert, was Vladimir Nabokovs Roman im Titel trägt: Erinnerung, sprich.

Ist die Kette der Überlieferung, die Schiller meint, wirklich unvergänglich? Das ist eine Hoffnung, aber keine Gewissheit. "Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." Das ist der Anfang von Kafkas Roman Der Prozess, und dieser Anfang ist zugleich der Anfang totalitärer Systeme, die den Menschen seiner Erinnerung berauben und zum Objekt der Verfügung machen. Bei Kafka gibt es keinen Erzähler mehr, der sich auf einen anderen Erzähler beruft, es gibt nur den anonymen Vorgang, der sich im schalltoten Raum abspielt.

Der schalltote Raum: Es scheint, als seien wir längst darin eingeschlossen. Viele Traditionslinien sind unterbrochen, der europäische Bildungskanon existiert, wie Manfed Fuhrmann in seinen jüngsten Büchern gezeigt hat - Latein und Europa (2001), Bildung (2002) -, nur noch in Restbeständen. Die Ökonomisierung der Gesellschaft hat auch die Schulen ergriffen. Sie beugen sich nolens volens dem Druck, führen die Schüler ins Internet, bieten Berufskunde und Wirtschaftslehre an und unterrichten grundlegende Fächer wie Geschichte und Erdkunde auf Englisch. Dagegen wäre wenig zu sagen, wenn nicht bei all diesem Anpassungseifer die Kenntnis der deutschen Sprache und Literatur ins Hintertreffen geriete.

Vor fünf Jahren führte die ZEIT eine Kanondebatte und fragte Autoren, Politiker und Intellektuelle nach den Werken, die ein Abiturient gelesen haben sollte. Sofort erhob sich der Vorwurf des Kulturkonservatismus. Eine der Kulturkonservativen war damals die Schriftstellerin Ruth Klüger, die in der ZEIT schrieb: "Wer den literarischen Kanon der eigenen Muttersprache nicht kennt, hat sein (oder ihr) rechtmäßiges Erbe auf den Müll geworfen." Und der Germanist Peter von Matt sagte damals: "Der Kanon ist ein Faktum, das nicht abhängig ist von denen, die ihn anerkennen. Auch die Komplexitätsdifferenz zwischen Berlin und Hinterzarten existiert nicht unter der Bedingung, dass der Bürgermeister von Hinterzarten ihr zustimmt."

Es hat Gründe gegeben, weshalb der Kanon seinerzeit abgeschafft wurde. Er galt als autoritäres Überbleibsel der alten Paukerschule. Der Literaturwissenschaftler Klaus Laermann setzte in seiner Antwort auf die Umfrage das Pro und Kontra gegeneinander, kam aber zu dem Fazit:

"Die Wendung gegen die angeblich pontifikale Literatur und die Abkehr von dem parareligiösen Kult der kanonisierten Werke führten zu einer Profanisierung der Werke, die nun ihrerseits nicht mehr sein sollten als Texte. Die Folge war jene gegenwärtig zu beklagende literarische Verwahrlosung durch einen allgegenwärtigen Textualismus, der in seinem Haß aufs Kanonische alles gelten läßt. Die vielerorts zu beobachtende diffuse Orientierungslosigkeit privilegiert nicht mehr eine Bildungsschicht, sondern deprivilegiert alle. Heute gilt es, den Betrug an einer ganzen Generation rückgängig zu machen."

Betrug an einer ganzen Generation: Es darf nicht sein, dass er an den folgenden Generationen aufs Neue verübt wird. Jeder von uns sollte die Chance haben, den Reichtum des Überlieferten kennen zu lernen, und jeder sollte in der Lage sein, der großen alten Akka von Kebnekajse antworten zu können, wenn sie sagt: "Du musst nicht glauben, dass wir unseren Schlafplatz mit jemandem teilen, der nicht sagen will, welcher Familie er entstammt."

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