S C H Ü L E R B I B L I O T H E K (1) Kann Lust so schmerzlich sein ...
von Bettina von Arnim
Zwei Frauen schreiben einander Briefe. Freundinnen diese beiden, die sich im Jahre 1801 in Frankfurt gefunden haben, Bettina von Arnim, gerade 16 Jahre alt, und Karoline von Günderode, schon 21. Bettina ist eine Waise, die im weltoffenen Hause ihrer Großmutter lebt, der berühmten Schriftstellerin Sophie von LaRoche. Karoline ist eine Tochter aus verarmtem Adel, die, zurückgezogen aus dem Leben, bevor dieses überhaupt beginnen konnte, in einem Stift untergebracht ist, sagen wir, in einem Internat für Erwachsene. Die beiden treffen einander und empfinden etwas, das mit Freundschaft vielleicht zu harmlos beschrieben ist. Eine Seelennähe verspüren sie, ein Verlangen, sich auszutauschen, miteinander zu wachsen, sie machen sich auf eine gemeinsame Suche nach dem, was das Leben sein könnte und in diesem Leben sie: auf schreibende Weise. Eine neue und zwanglose, eine brennende Art der Innigkeit. Romantische Geselligkeit, genau so.
Es gibt, "in diesem schönen Briefleben", Berichte über Besuche und Ausflüge, Aufzeichnungen von Träumen und Hoffnungen, Protokolle von Fantasien und Befürchtungen, ganz Alltägliches und, aus diesem Alltäglichen wachsend, Beobachtungen, Vermutungen, schonungslose Forderungen an die eigene Natur oder gesellschaftliche Zustände. Sie schreiben und schreiben. Es sind Wogen aus Sätzen, die atemlos über die Seiten branden, Blätterfluten, die durch Frankfurt befördert werden mithilfe von Boten, so schnell, wie wir es erst 200 Jahre später wieder in Zeiten der E-Mail kennen lernen. Zwei, die ihr Innerstes häuten, die geheimsten Sehnsüchte und bangen Gefühle freilegen, dunkle Drohungen, zwei Frauen, die - darf man das einmal sagen? - für uns die Seele erfunden haben. "Kann Lust so schmerzlich sein ...", schreibt die Günderode in einem Gedicht, dass sie der Freundin schickt, die ihrerseits, mit jedem Brief, um die andere zu werben scheint. Bettina wirft sich geradezu auf die Günderode. "Ich denke mirs so schön, alles mit dir zu überlegen", schreibt sie und bittet: "Lebe mit mir, ich habe jeden Tag an Dich zu fordern", und versichert: "Ich werde Dich begleiten, überall hin, kein Weg ist mir zu düster." Sie, die selbst unter Freunden als exzentrisch, zu anstrengend, übersteigert gilt, die Einsame, gibt vielleicht zu viel: "Ich habe keine Vorrechte, ich hab nichts, als den geheimen Wert, von Dir nicht verlassen zu sein, sondern angesehen mit Deinen Geistesaugen ..."
Die Freundschaft zerbricht. Es ist die Günderode, die sich gegen Bettina wendet, "Ich bin ein Kind von müd gewordner Liebesanstrengung", schreibt diese ihr im letzten Brief 1806, und einige Monate darauf tötet sich Karoline am Ufer des Rheins, indem sie sich ein Messer in die Brust stößt. Bettina, die zu spät am Ort eintrifft, um diesen Tod zu verhindern, schreibt: "Da lag der herrliche Rhein mit seinem smaragdnen Schmuck der Inseln, da sah ich die Ströme von allen Seiten dem Rhein zufliessen ..." Und im letzten Absatz des angefügten "Berichts über den Selbstmord der Günderode" steht: "... da fragte ich mich, ob mich die Zeit über diesen Verlust beschwichtigen werde ..." Sie wird, 35 Jahre später, die vielen Briefe, die in den Jahren 1804 bis 1806 hin- und hergeflogen sind, unter dem Titel Die Günderode herausgeben.
Man kann das Buch aufschlagen, wo man will, auf jeder Seite trifft man auf Sätze, die bedacht und unterstrichen, herausgenommen und gewendet werden wollen - Lektüre für alle, die jung oder alt genug sind, sich in ihrem Denken und Wünschen ernsthaft zu befragen. Was wie Plauderei daherkommt, verwegen formlos wirkt, aus dem Unbewussten schöpft, sich auch des reichen Repertoires der Antike wie der zeitgenössischen, nicht selten befreundeten Philosophen bedienend, will nicht weniger als Gestaltung von Zukunft. Hier suchen zwei ineinander das, was alle Konventionen überflügelt: Geist und Mut. Es geht um Menschwerdung, darunter interessiert nichts, nicht diese beiden, die gegen ihr Schicksal anrennen: "Der Mensch soll immer die größte Handlung tun und nie eine andere ..." Während langer Jahre, in denen die Günderode dann schon tot ist, zieht Bettina, verheiratet mit Achim von Arnim, sieben Kinder groß, wartet Jahrzehnte, bis sie wieder schreiben kann, nimmt dann den Faden wieder auf, mischt sich ein, nervt die Vertrauten, bedrängt den König mit Bittbriefen für politisch Verfolgte - und erinnert sich immer an die Freundin: "Was haben wir gelacht, Günderode."
Bettina von Arnim: Die Günderode
Herausgegeben von Elisabeth Bronfen; btb Taschenbuch, Albrecht
Knaus Verlag, München 1998; 505 S., 11,- Euro
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- Serie schuelerbibliothek
- Quelle (c) DIE ZEIT 42/2002
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