Anders als alle anderen

In einer kleinen Wohnung in New York lebt die 96-jährige Pianistin Grete Sultan. Sie war mit Toscanini, Adorno und John Cage befreundet. Sie flohvor den Nazis nach Amerika. Jetzt wird die unscheinbare Jahrhundertkünstlerin endlich wiederentdeckt

Bibel und Telefonbuch. Mehr gibt es 1941 nicht in dem kleinen New Yorker Hotel, und die Bibel kann Grete Sultan in ihrer Lage nicht wirklich helfen: Sie spricht kein Englisch. Sie hat nur wenig Geld. Sie ist fünf Monate mit dem Schiff von Lissabon aus unterwegs gewesen. Also das Telefonbuch. Sie liest es wie im Fieber, denn Grete Sultan, die in letzter Minute vor den Nazis nach Amerika fliehen kann, braucht einen Bekannten, weil man sie sonst wieder nach Deutschland zurückschicken wird. Nach Auschwitz. Sie ist 36 Jahre alt und der Buchstabe E ihre Rettung: E wie Eisner, Bruno, ein befreundeter Pianist aus dem Jüdischen Kulturbund. Er vermittelt Grete Sultan an ihren ehemaligen Berliner Klavierlehrer, den Deutschamerikaner Richard Buhlig. Sie hat ein halbes Jahr nicht geübt. Ob sie etwas spielen könne? Grete Sultan ist glücklich. Und spielt. Beethovens letzte Klaviersonate, Opus 111.

In ihrem Elternhaus hängen keine Gainsboroughs. Aber es wird Chopin gespielt.

Der Vater ist Fabrikant und kennt mehr als Wildenbruchs Haubenlerche

in seiner Villa am Berliner Nikolassee verkehren Wilhelm Furtwängler und Richard Strauss, Max Slevogt und Max Liebermann. Grete Sultans Mutter verfasst eigene Theaterstücke für ihren Nachwuchs. Walter Benjamin hat von einer ähnlichen Berliner Kindheit Anfang des 20. Jahrhunderts geschrieben: "... es ist eben diese Luft, in der die Bilder und Allegorien stehen, die über meinem Denken herrschen wie die Karyatiden auf der Loggienhöhe über die Höfe des Berliner Westens." Grete Sultan jedoch lebt von Anfang an im Reich der Töne, also in einer unendlichen Welt. Sie spricht nicht gern, sie verstellt sich nicht gern auf einer Bühne. Aber sie behält, was sie einmal gehört hat, wenn es Musik ist. Üben muss sie kaum, und das ist keine fromme Legende.

"Bemerkenswerte Reife, Musikalität und Logik" werden der 19-Jährigen im Examen von Leonid Kreutzer attestiert, das ist 1925, und Adorno schreibt später über sie: "Von Solisten notiere ich die hochbegabte Grete Sultan, eine merkwürdig expressive, rebellische Pianistin, die in jedem Betracht vom herkömmlichen Klavierspiel sich unterscheidet." Adorno, erzählt Grete Sultan viel später in einem ihrer raren Interviews, bei denen sie stets darauf besteht, ihr Gegenüber müsse nicht alles wissen, Adorno also sei ein wenig verliebt in sie gewesen, allein ... Grete Sultan wird nie heiraten. Sie wird auch keine Kinder bekommen. Ihre Fürsorge gilt allein der Musik: zuvörderst Bach und Beethoven. Eine Liszt-Spielerin hingegen ist sie nie gewesen, und vor Mozart hat sie noch bis ins hohe Alter hinein (Grete Sultan ist heute 96 Jahre alt) ein wenig Angst: Gleichwohl spielt sie mit Edwin Fischer auf einer Tournee durch Ostpreußen aus Mozarts Werken für zwei Klaviere.

Asketischer kann man Bachs Goldberg-Variationen nicht spielen

Überhaupt sind es die damals größten Hausnummern der Szene, die Grete Sultan bald wie selbstverständlich kennt. Der Cellist Enrico Mainardi gehört zu ihren Partnern, Claudio Arrau ist mit ihr befreundet, Toscanini, der zur frühzeitigen Flucht vor den Nazis rät, schätzt sie sehr. Mag sein auch deshalb, weil Grete Sultan ästhetisch sehr eigenwillige Wege geht, schließlich ist ihr neben dem Repertoire, das sie sich mit einer fast provozierenden Schnelligkeit aneignet, vor allen Dingen die Moderne wichtig.

Über Schönbergs Opus 11 kommt sie zu Henry Cowell, einem amerikanischen Autodidakten, der mit Clustern experimentiert und den Flügel im wahrsten Sinne des Wortes als string piano öffnet: Erlaubt ist, was schließlich zerfällt, Cowell nennt es indeterminacy, elastische Form. Melodie und Rhythmus sind nur noch ein Wort.

Auf gewisse Weise knüpft Grete Sultan an diese ihr lieb und vertraut gewordenen Erfahrungen wieder an, als sie in Amerika in jeder Hinsicht vor dem Nichts steht. Ihre Familie ist nahezu ausgelöscht, nicht aber ihr persönliches musikalisches Gedächtnis und das Empfinden, es sei Neues formal nicht anders zu behandeln als klassische Literatur: Musik ist Musik. Sie will gehört werden und mit Respekt behandelt sein. Unerschrocken ignoriert Grete Sultan, die in den Staaten bald bescheidene Anstellungen als Lehrerin findet, aber auch wieder landesweit konzertiert, die warnenden Hinweistafeln mit der Aufschrift: "Hic sunt leones!" Gerade dort will Grete Sultan hin. An der Ostküste trifft sie - Wunder gibt es immer wieder - den Komponisten John Cage.

Die Neuentdeckung der Pianistin Grete Sultan für den CD-Markt ermöglicht auch eine Neubegegnung mit Cages frühen Stücken, darunter Music of Changes und, noch interessanter, The Perilious Night, geschrieben 1944. Ein Werk, das wie ein Tigersprung in die Zukunft wirkt. Grete Sultan, die sich schnell und für ein Leben lang mit John Cage und später auch mit dessen Partner Merce Cunningham anfreundet, spielt das Stück für präpariertes Klavier mit einer staunen machenden Professionalität. Die Interpretation hält sich genau an die Notation, sie will nichts für sich reklamieren, aber alles für das Stück erreichen. Einerseits funktioniert Grete Sultans Verständnis über ihre rasche Auffassungsgabe und stupende Technik. Andererseits ist Grete Sultan zwar immer mittendrin im Stück, verschwindet jedoch selber hinter ihm: Ich ist ein anderer, könnte über vielen Interpretationen zeitgenössischer Musik von Grete Sultan stehen (die Seelenverwandtschaft mit Claudio Arrau ist kein Zufall).

Fast alle vorliegenden Aufnahmen stammen aus den späten sechziger und frühen siebziger Jahren. Es sind Klassiker der Moderne darunter wie Teile der Debussy-Etüden, Schönbergs Opus 23, Aaron Coplands Klaviersonate, eine wunderhübsch verrätselte Kleinigkeit des Berliner Komponisten Stefan Wolpe, der anlässlich seines 100. Geburtstages gerade wieder im Konzertbetrieb zu Ehren kommt, aber auch mittelgroße und längere Werke von Alan Hovhaness (Yenovk) und Tui St. George Tucker (geboren 1924). Wie unterschiedlich die Kompositionsansätze auch sein mögen - Yenovk entpuppt sich als minimalistischer Tanz durch die Weltmusik inklusive hingebungsvoller Gamelan-Studien, Tuckers Tantum Ergo als gewitzte Bach-Meditation haarscharf herum um die Kantate 106 - Grete Sultan gibt dem Komponisten jeweils, was des Komponisten ist. Unter dem Schlussstrich könnte immer stehen: So müsste es wohl sein. Proofed. G. S.

Eine objektive Pianistin also? Ja und nein. Denn Grete Sultan setzt durchaus ihre Akzente, wenn sie in einer technisch makellosen Interpretation Beethovens Diabelli-Variationen als dreiteilige Sonate anlegt, ohne die Proportionen der einzelnen Teile mehr als diskret zu verschieben. In Bachs Goldberg-Variationen hingegen versenkt sie sich wie in ein heiliges Buch, allerdings mit gänzlich nüchternem Haupt: Asketischer, aber auch durchtrainierter kann man den Text nicht spielen (hier live aufgenommen in einem Rutsch und ohne Schnitt, leider auf einem etwas klirrenden Bösendorfer).

Amerika ist Grete Sultans Heimat geworden, nach Deutschland kam sie selten zurück, wenn, empfand sie sich als Besucherin in einem fremden Land. Als leiser Triumph geriet ihr die Uraufführung von John Cages Etudes Australes Anfang der neunziger Jahre in Zürich (als Mitschnitt bei Wergo erschienen).

Spät hat die Bundesrepublik sich an Grete Sultan erinnert, seit kurzem ist sie Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. Manchmal hört man ihre Stimme jetzt im Radio. Es gibt Hörspiele und Collagen (eine, von Jean-Claude Kuner für den WDR, ist ausgezeichnet). Man kann Grete Sultan im Gespräch, meistens im Selbstgespräch vernehmen, und sie redet dann über ihr Leben und doch nicht über ihr Leben, weil man so ein Leben eben selber schlecht erzählen kann. Und sie redet über Musik und doch nicht über Musik im Detail und findet einen Ausweg. "Ich kann es mit Musik sagen, aber nicht in Worten ausdrücken", meint Grete Sultan. Der Satz könnte für einige Klavierkünstlerleben gelten. Für ihres jedoch steht er ganz und gar.

Grete Sultan: The Legacy, Vol. 1/2

(Labor Records LAB 7037/7038)

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    • Von Mirko Weber
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 42/2002
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