Auf den Gipfeln der Winzerkunst

WOLFRAM SIEBECK kann sich nicht wirklich für Berge begeistern. Wenn er sich also auf den Weg nach Südtirol macht, dann aus Pflichtbewusstsein - und wegen des Weins. Dessen Erzeuger sind verschwiegen. Und manche haben graugrüne Augen

Wie nähert sich der Flachlandindianer den hochalpinen Gipfeln? Antwort: Zögernd. Das gebietet die Vernunft. Obwohl die Vernunft mir beim zweiten Anlauf riet, besser ganz zu Hause zu bleiben. Aber da hatte ich schon die Bremsen meines Lamas gelöst.

Lamas, sagt Reinhold Messner, sind die idealen Transportmittel fürs Hochgebirge. Reinhold Messner, der Mann mit dem schönen Lockenkopf, ist mit dem Yeti auf Du und Du und wohnt in Südtirol.

Wer ins Hochgebirge fährt, braucht zünftige Klamotten. Zünftig wird über einer Höhe von 1000 Metern alles genannt, was unelegant aussieht, unbequem ist und gegen Regen schützt. Vermutlich fällt auch der Filzhut Luis Trenkers unter den Begriff zünftig, weil er unseren Ufa-Tiroler vor Regen geschützt haben wird, damals, als die Berge noch in Schwarzweiß gefilmt wurden. Zum Beispiel von Leni Riefenstahl.

Damit habe ich bereits alle Leute genannt, die den Berghüttenmythos bevölkern wie die Nibelungen Etzels Halle. Nein, die Nibelungen waren kein Bergvolk.

Sie gehörten zu den erwähnten Flachlandindianern. Es waren Hannibal und seine Elefanten, die auf dem Weg nach Cannae durch Tirol zogen. Sie müssen auf die Tiroler gewirkt haben wie die Vierzigtonner, die heute das Eisacktal hinunterdonnern und unsere Nordseekrabben in die Toskana bringen, wo sie gepult werden, bevor sie wieder zurück über den Brenner reisen.

Aber Achtung! Das Hotel Elefant in Brixen haben sie nicht nach den Brummis des afrikanischen Fürsten benannt. Das Elefant heißt so, weil 1760 Jahre nach Hannibal ein österreichischer Großherzog dort einen Elefanten in Logis gab (1550), damit dieser für den Marsch über die Alpen mit Schlutzkrapfen und Knödeln fit gemacht werde. Jedenfalls war das Hotel in Brixen jahrzehntelang die beliebteste Etappe für deutsche Italienreisende, Goethe eingeschlossen.

Im dortigen Klosterstift kauften wir seinerzeit die ersten trockenen Silvaner unseres Lebens.

Südtirol, wovon Bozen die Hauptstadt ist, gehört zu Italien. Das hat den Vorteil, dass sie hier die Urtiroler Küche durch italienische Accessoires entschärft und die regionalen Weine dem deutschen Geschmack angepasst haben.

Nehmen wir den erwähnten Silvaner aus Brixen. Er ist der nördlichste der Südtiroler Weine und nimmt unter den europäischen Reben die Stellung ein, die der Wirsing in der feinen Küche innehat: Nicht schlecht, und manchmal richtig lecker, aber wenn die feinen Flaschen gezählt werden, ist er nicht dabei. Ich bedauere das sehr. Denn der Silvaner wäre für viele Gelegenheiten der ideale Wein. Typisch ist seine vegetabile Note, das heißt, er schmeckt etwas gemüsig. Wie Erbsen oder unreife Feigen. Er ist trocken, ohne sauer zu sein.

Leider hat man ihn nie zur Hand, wenn man ihn braucht. Denn er ist rar. Im Kloster Neustift in Vahrn bei Brixen wird die bessere Version mit Grauburgunder veschnitten und ist letztlich auch nur Massenware.

Natürlich gibt es auch andere ehrenwerte Produzenten. Aber man kann nicht immer Silvaner trinken, und Südtirol verfügt noch über andere Rebsorten, die getrunken werden wollen.

Da ist zum Beispiel der Chardonnay. Zweifellos ein Modewein, aber wenn er nicht plump und eindimensional ausfällt, kann Chardonnay ganz wunderbar sein.

Und in Südtirol werden einige besonders feine Exemplare dieser Sorte produziert. Sie fallen hier nicht so elegant aus wie im Burgund, sind aber auch nicht klobig wie oft in Übersee und nicht so buttrig wie in Sizilien.

Hier ist es vor allem Alois Lageder, der auf seinem Weingut, wo High Tech, ökologische Bauweise und künstlerische Installationen eine erstaunliche Verbindung eingegangen sind, unter der Bezeichnung Löwengang ganz außergewöhnlich feine Weine produziert, nicht nur Chardonnays, sondern auch Sauvignon blanc und Cabernet.

Ein Wein aus 70 Prozent Chardonnay und 30 Prozent Geheimnis

Elena Walchs Weingut in Tramin gehört zu den ältesten Südtirols. Fast eine Million Flaschen werden hier jährlich abgefüllt, und zwar alle Rebsorten, die in Tirol gedeihen, viele vergären in neuen Barriques. Wunderbarerweise ist der Holzton aber nie aufdringlich, er bringt lediglich etwas mehr Fülle und Eleganz in den Wein. So beim vorzüglichen Pinot blanc und Rotweinen wie Merlot, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc. Die Winzerin mit den graugrünen Augen ließ uns einen neunjährigen Cabernet Sauvignon probieren, und ich habe in diesem schönen Land kaum einen besseren Rotwein getrunken.

Die Spezialität des Weinguts aber ist eine Cuvée aus 70 Prozent Chardonnay und einem Restanteil, den Frau Walch aber nicht nennt, weil es Vorurteile hervorrufen könnte. Wahrscheinlich spielt ihr Gewürztraminer darin eine Rolle. Die Cuvée heißt Beyond the Clouds, was sicher für den Export in die USA förderlich ist. Jedenfalls ist der Wein ungewöhnlich fruchtig.

Zu den Duftbomben Südtirols gehören die weißen Sauvignons. Dass diese Weine nicht nur an der oberen Loire edle Flaschen hervorbringen, beweisen Peter Dipoli und das Weingut Schreckbichl. Was es unter dem Namen Lafoa auf den Markt bringt, ist sensationell und gemahnt an südafrikanische oder neuseeländische Sauvignons. Viele von Italiens wichtigen Weingütern werden von Frauen geführt. Von attraktiven Frauen, muss man hinzufügen. Zu ihnen gehört Elisabetta Foradori. Ihr altes Weingut liegt nicht mehr in Tirol, aber kurz hinter der Grenze im Trentino. Seit langem trainiert sie eine alte Rebsorte, den Teroldego, zu einem roten Hochleistungswein. Mit den Jahrgängen 1998, 1999 und 2000 ist es ihr gelungen, die Weinwelt auf sich aufmerksam zu machen. Was sie unter dem Namen Granato auf den Markt bringt, ist genau das: eine rote Granate von außergewöhnlichem Charakter.

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass die Weine Südtirols nicht zum Aktionspreis zu haben sind. 12 bis 30 Euro pro Flasche sind fällig, wenn es etwas Besonderes sein soll.

STIFTSKELLEREI NEUSTIFT

Stiftstraße 1, I-39040 Vahrn, Tel. 0039-0472/ 83 61 89, www.kloster-neustift.it/kellerei

WEINGUT ELENA WALCH

Andreas-Hofer-Straße 1, I-39040 Tramin, Tel. 0039-0471/86 01 72, www.elenawalch.com

WEINGUT ALOIS LAGEDER

Ansitz Löwengang, I-39040 Magreid,

Tel. 0039-0471/80 95 00, www.lageder.com

WEINGUT PETER DIPOLI

Pfattnerstraße 12, I-39055 Leifers, Tel. 0039-0471/95 42 27

KELLEREI SCHRECKBICHL

Weinstraße 8, I-39050 Girlan, Tel. 0039-0471/66 42 46, www.colterenzio.com

AZIENDA AGRICOLA FORADORI

Via D. Chiesa, I-38017 Mezzolombardo, Tel. 0039-0461/60 10 46

Nächste Woche: Wolfram Siebeck bleibt in Südtirol und testet Wirtshäuser, Pizzerien - und ein wirklich bemerkenswertes Restaurant

Anzeige
Schreiben Sie den ersten Kommentar!
    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
    • Von Wolfram Siebeck
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 42/2002
    • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service