B I L D U N G Gläserne Schule
Nach der Pisa-Pleite gelten sie als Wundermittel: Bildungsstandards. Doch jeder versteht darunter etwas anderes
Der Bundeskanzler will sie, seine Fachministerin ebenso. Die Kultusminister begrüßen sie einhellig, und Schulexperten fordern sie schon lange: Bildungsstandards. Egal, wer das Klagelied von der deutschen Schulmisere anstimmt, der Refrain, wie alles besser werden soll, lautet stets: Standards, Standards, Standards. Nach den für Deutschland verheerenden Pisa-Ergebnissen liegt nun alle Hoffnung auf der Einführung einheitlicher Anforderungen, was deutsche Schüler der verschiedenen Schulstufen können und was sie wissen müssen.
Doch wer gehofft hatte, dass jetzt eine auf Konsens zielende Debatte beginnt, erwacht inmitten des vertrauten Hickhacks auf dem Hühnerhof der verwahrlosten deutschen Bildungslandschaft. Die große Koalition zum Thema Standards hält nur eine allgemeine Überzeugung zusammen: Es reicht nicht, den Schulen detaillierte Vorschriften zu machen, was und wie sie zu unterrichten haben, ohne jemals zu fragen, was sie tatsächlich bewirken.
Bis heute sind deutsche Schulen eine Black Box: Lehrer wissen nicht, ob sie gute Arbeit verrichten. Politiker haben keine Ahnung, ob ihre Vorgaben zu den gewünschten Ergebnissen führen. Eltern müssen blind darauf vertrauen, dass ihre Kinder das lernen, was sie später brauchen. Erst internationale Schultests wie zuletzt Pisa zwingen dem deutschen Schulwesen eine Erfolgskontrolle auf. Nun soll, was im Großen die Misere dokumentierte, im Kleinen regelmäßig wiederholt werden: Wie in fast allen anderen Ländern der Welt sollen Qualitätstests auch in Deutschland an den Tag bringen, ob die Schulen den an sie gestellten Ansprüchen genügen. Konsequent durchgesetzt, so hoffen Bildungsforscher, werden solche Standards die Schulkultur hierzulande verändern und die Leistungen verbessern.
Hier endet die Einigkeit. Danach beginnt die Verwirrung. Denn wer die Standards erlassen soll und wie sie überhaupt auszusehen haben, darüber gehen die Ansichten weit auseinander. "Es gibt so viele Definitionen von Standards wie Menschen, die darüber reden", schimpft Schulexperte Olaf Köller von der Universität Erlangen-Nürnberg.
Wie Standards überprüft werden sollen, ist ebenfalls unklar. Wertet die Schule die Ergebnisse aus, macht es das Ministerium, oder werden, wie in anderen Ländern Evaluationsagenturen gegründet? Baut jedes Bundesland seinen eigenen Apparat auf, oder einigt man sich auf eine nationale Evaluationseinrichtung? Wie unterscheidet man Abschlussprüfungen, etwa das Zentralabitur, das inzwischen fast alle Länder wollen, von jährlichen Vergleichsarbeiten und diese wiederum von modernen Kompetenztests in der Art von Pisa? Schließlich: Wird den deutschen Schulen auf einen Schlag nicht ein bisschen viel zugemutet, geraten sie von der bisherigen Rechenschaftslosigkeit in den Dauertest? Das Zaubermittel "Standards" droht seine heilende Wirkung zu verlieren, bevor es richtig verabreicht wurde - durch unqualifizierte Schnellschüsse und den altbekannten Streit zwischen Bund und Ländern.
Im Mai hatten die Kultusminister auf der Wartburg beschlossen, "gemeinsame Standards für die Schulbildung" zu erarbeiten: Bis Herbst 2003 soll die neue Latte für Gymnasium und Realschule justiert sein. Im Frühjahr 2004 folgt die Definition für Hauptschulen und im Herbst die für Grundschulen. Auf ihrer Herbstkonferenz Ende dieser Woche will die Kultusministerkonferenz (KMK) den Terminplan konkretisieren.
Einigen Bundesländern scheint das zu lange zu dauern. So preschte jetzt das Saarland mit Standards für das Fach Französisch vor. Ein 52 Seiten dicker Katalog von Anforderungen für die mittleren Abschlüsse, lauter Aufgaben, wie sie schon immer in Lehrplänen und Klassenarbeiten formuliert wurden, offerierte das Land stolz als "nationale Standards". Die Dreistigkeit führt selbst bei der KMK zu Kopfschütteln. Doch auch andere Entwürfe aus den Kultusministerien ähneln verdächtig dem, was bisher Lernziel, Curriculum oder Lehrplan hieß.
"Wer jetzt einfach die bestehenden Lehrpläne umschreibt, hat die Aufgabe nicht begriffen", kritisiert Bildungsministerin Edelgard Bulmahn. "Wir brauchen keine Neuauflage gescheiterter Konzepte." Bulmahn, die sich seit der Pisa-Pleite als Bundesschulministerin zu profilieren versucht, ergreift selbst die Initiative und will bis Anfang des kommenden Jahres seriöse Grundlagen für Standards vorlegen. "Erst dann können sie auch für einzelne Fächer entwickelt werden."
Das hinderte die rot-grüne Regierung jedoch nicht, gleich am ersten Tag der Koalitionsgespräche vor die Kameras zu treten und "die Überprüfung verbindlicher Bildungsstandards für die Schulen" zu verkünden. Standards, die es nach Angaben der Bildungsministerin noch gar nicht geben kann.
Die Reaktion der Länderbildungsfürsten ließ nicht auf sich warten. Als "Trittbrettfahrer ohne eigene Zuständigkeiten" spiele sich der Bund auf, erregt sich die bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier. "Ich verstehe dies als bewusste Konfrontation des Bundes, um vom Versagen in seinem eigenen Zuständigkeitsbereich abzulenken."
Unter der Federführung des Frankfurter Pädagogikprofessors Eckhard Klieme wird derzeit die erste Skizze für deutsche Standards in Anlehnung an die internationale Debatte erarbeitet - im Auftrag der Bundesregierung. Bei allergrößter Anstrengung, glaubt Klieme, wird es vier bis fünf Jahre dauern, bis Standards auf dem Pisa-Niveau für die deutschen Schulen entwickelt seien. Fest steht für den Schulforscher: "Die Tests sollen kein eng gefasstes Schulwissen enthalten und überprüfen."
Aber genau solche Standards werden nun in Ministerien aus den Lehrplänen recycelt und aus den Aufgabensammlungen in Schulbüchern kompiliert. Mogelpackungen, die am Ende nur das Büffeln fördern für die Prüfung, um den Stoff anschließend wieder zu vergessen. "Standards müssen die Schüler ermuntern, das Lernen als eigene Sache anzusehen", sagt Klieme. "Sie dürfen nicht als die große Keule geschwungen werden, um Schüler und Lehrer bloßzustellen."
Statt stur Lehrstoff abzufragen, setzen die Schulforscher auf ein neues Konzept: Kompetenzen. Wenn Angelsachsen oder Skandinavier davon sprechen, blicken sie nicht hoch zum Olymp des Wissens, sondern auf den Alltag. Sie fragen, was Schüler für den Beruf, zum Studieren und für das normale Leben brauchen. Solche Fragen spielen in der Unterrichtsplanung hierzulande bislang kaum eine Rolle. Das sei das Hauptproblem unserer Schulen, analysiert Olaf Köller. "Der Schulstoff wird als mehr oder weniger kontextfreies, reines Wissen vermittelt. Deutsche Lehrer wissen oft nicht so genau, wozu sie einen bestimmten Stoff unterrichten."
Halb gare Tests könnten dazu führen, dass Kinder und Jugendliche noch strenger nach guten und schlechten Leistungen sortiert werden. Dabei sollen nicht die Schüler im Vergleich ihre Qualität beweisen, sondern die Schulen. Amerikanische Erfahrung legen nahe: Je direkter die Tests auf die Leistung der Schüler zielen, desto weniger fördert eine solche Testkultur deren Können. Oder umgekehrt: Je stärker Standards die Qualität des Unterrichts und die Arbeit der Lehrer in den Blick nehmen, desto besser werden dabei die Schülerleistungen.
Mit derartigen Standards könnte "Deutschland Anschluss an den Reformprozess gewinnen, der in den Schulen fast aller Industrieländer läuft", glaubt Eckhard Klieme. Dabei könnten die deutschen Lehranstalten jene Autonomie erhalten, die Schulen in den Pisa-Siegerländern Finnland oder Kanada längst haben. Dort überlassen ihnen die Behörden, welchen Weg sie gehen, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Im Gegenzug wurden diese Ziele als Standards klar formuliert und Verfahren zu deren Überprüfung ausgefeilt. "Autonomie und Rechenschaftspflicht" heißt der Slogan in Kanada.
In Finnland wurde vor fünf Jahren die klassische Schulinspektion komplett abgeschafft. Aber jedes Jahr wird eine Zufallsstichprobe von Schulen getestet. Viele Schulen, die nicht ausgelost werden, machen freiwillig mit und zahlen sogar dafür. Nicht dicke Lehrpläne - wie in Deutschland üblich -, sondern knapp und verständlich gefasste Texte geben die Bildungsziele vor. Das ganze Schulsystem auf weniger als 100 Seiten.
Schweden hat seine Bildungsbürokratie bereits Ende der achtziger Jahre geschlachtet und stattdessen die nationale Evaluationsbehörde Skolverket neben die Schulen gestellt. Im kommenden Jahr wird Skolverket geteilt: Die eine Agentur wird die Schulen evaluieren, die andere wird Ziele formulieren und den Schulen helfen, diese zu erreichen.
Solche Unterstützung für Schulen in Schwierigkeiten gehört in anderen Ländern zum Ensemble der Evaluation. Wenn in Kanada Schulen schlecht abschneiden, machen ihnen die regionalen School Boards Angebote zur Weiterbildung. Lehrer, die schlecht beurteilt werden, müssen sich fortbilden, sonst verlieren sie ihr Zertifikat. In Holland, wo Schultests eine lange Tradition haben, gibt es 40 Unterstützungsagenturen, um Problemschulen auf die Beine zu helfen.
Denn eines steht bei allem Hickhack fest: Durchs Testen allein wird keine Schule besser.
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