T H A I L A N D Frisch frittierte Kakerlaken
Mit Joy auf den Markt, zum Dorfchef in die Bambushütte, auf Shanes Floß den Mae Kok hinunter: So herrlich alltäglich kann eine Reise durch den Norden Thailands sein
Die heiligen Glocken bimmeln außerplanmäßig. Auf der Terrasse schubsen übermütige Schülergruppen die schweren, eimergroßen Klangkörper immer wieder an. Mögen Schilder auch mehrsprachig bitten, das zu unterlassen - die Klöppel schlagen mit voller Wucht. Und nicht nur sie. Große Trommeln, Gongs, alles schwingt. Selbst Erwachsene, die ihre Schuhe abgestellt und sich ehrfürchtig vor den Statuen verneigt haben, können es nicht lassen. Das Gold der Pagodendächer blendet die Digitalkameras, fliegende Händler wimmeln durch die Menschenmassen. Gerade noch hat der Guide erläutert, mit welchem Ernst sich Buddhisten jeden Tag den eigenen Tod vor Augen führen, da strebt die nächste Busladung, beseelt vom Spieltrieb, zu den Glocken.
Wat Doi Suthep wirkt heute wie ein Rummelplatz. Bereits vor 700 Jahren war das heiligste Kloster Nordthailands ein weltlicher Ort, zugleich Hotel, Schule, Krankenhaus und Gericht. Verglichen mit der Geschäftigkeit unten im Tal, wo sich Chiang Mai mit einer halben Million Einwohner ausbreitet, ist das Wat jedoch noch immer eine Stätte himmlischen Friedens. Eine stete Brise verweht schon nach wenigen Metern die musikalische Energie der Besucher. Und in 1100 Meter Höhe wird das Auge von einer weiten, obszön grünen Landschaft überwältigt. Ob der König vor 700 Jahren von hier aus oben weiße Mäuse gesehen hat?
Die Wahrscheinlichkeit, über 16 Kilometer Entfernung vom Berg Suthep aus weiße Mäuse zu sehen, ist ziemlich gering. Die Legende will, dass unten am Fluss Ping eine Familie weißer Mäuse auf zwei weiße Rehe traf. Wahrscheinlich hat das kein Mensch gesehen. Aber der Treffpunkt der beiden Spezies soll der Ort sein, an dem sich heute Chiang Mai befindet. Im Jahr 1296 ließ König Mengrai Pho Khun Mengrai Maharat die »Rose des Nordens« von 90 000 Zwangsarbeitern mit einem Wall umziehen, der sie gegen Hunnen und Birmesen schützen sollte. Das Königreich Lanna erlebte immerhin zweieinhalb Jahrhunderte Frieden. Heute kommen keine feindlichen Heerscharen mehr. Heute kommen jährlich drei Millionen Touristen.
Die Mauer steht noch. Eine solide Betondecke erlaubt es sogar, darauf herumzuspazieren, während Taxis, Tuk-Tuks, Lkw und Myriaden von Mopeds sich mehrspurig vorbeiwälzen. Längst ist die Stadt über das rechteckige Zentrum hinausgewachsen. Hochhäuser, Gewerbegebiete, Burger Kings - auf den ersten Blick ist Chiang Mai heute kaum von anderen asiatischen Großstädten zu unterscheiden.
Vom Brausen der Stadt ist nicht mehr viel zu hören, als wir im Hof von Joy's House sitzen und die drückende feuchtwarme Hitze des Tages langsam in einen milden, zikadenumzirpten Abend übergeht. Joys Eltern kamen in den vierziger Jahren mit ein paar Elefanten aus Birma und ließen sich mitten im Wald nieder. Heute liegt Joy's House in einem Vorort von Chiang Mai - und vielleicht bald innerhalb eines geplanten Autobahnrings. Joy ist 36 Jahre alt und heißt eigentlich Neen Voravittayakun. Nach Art der Thais hat sie ihren vielsilbigen Namen durch einen Spitznamen ersetzt. Aber den Familiengeist hält sie hoch.
Wer in Joy's House kommt, lernt Großmutter Yai kennen, die später das Essen kocht. Den knitterigen Eed, der einen vielleicht massieren wird. Oder Mau, Joys Nichte, die in Bangkok Wirtschaft studiert. Oder Gai, den schlaksigen Jungen, der sich so gern schminkt. Der thailändische Familienbegriff bezieht sich nicht allein auf Blutsverwandtschaft. Deshalb muss man in Joy's House nicht gleich einheiraten. Wer hier wohnt, hat keinen Zimmerschlüssel, dafür aber Anteil am Leben der Familie und ihrer Freunde. Man hockt am runden Tisch, tunkt den Klebreis in die Soße, erzählt sich Geschichten - und ist mittendrin im thailändischen Alltag. Man geht mit Joy auf den Markt und würgt vielleicht eine frittierte Seidenraupe oder Kakerlake herunter. Sie schmecken fast wie Krabben. Aber Lychee, Rambutan oder Mangostan, diese süßen pflaumenähnlichen Früchte, kommen einem europäischen Gaumen schon eher entgegen. Man kann sich mit Gai ins Nachtleben stürzen. Oder man besucht ein Schulprojekt für HIV-Waisen, das Joy unterstützt, und blickt dort in Dutzende von kleinen Gesichtern, einige der Kinder werden ihr zehntes Lebensjahr nicht erleben.
Erfahrungen, die man nicht macht, wenn man den üblichen Weg wählt und sich zu einem der über 200 Trekkingveranstalter begibt, die in Chiang Mai um das Geld der Traveller konkurrieren. Unberührte Bergwelt! Goldenes Dreieck! Primitive Stämme! Abenteuer! Das versprechen sie, wohl wissend, dass Nordthailand für die meisten Reisenden nur eine Kulturstation vor den Stränden im Süden ist.
Der Norden, das ehemalige Königreich Lanna, war bis Anfang des 20. Jahrhunderts fast abgeschnitten vom Reich Siam. Nur Elefantenpfade führten von Bangkok nach Chiang Mai. Reisende mussten wochenlang durch den Dschungel. 1921 wurde eine Eisenbahnstrecke fertig gestellt. Doch blieb Chiang Mai bis in die späten sechziger Jahre ein verschlafenes Städtchen, mit Teakholzhäusern und gepflegten Vorgärten. Heute steht vor dem eine Flugstunde von Bangkok entfernten Airport ein riesiges Schild. Es heißt alle Besucher willkommen - mit Ausnahme von Drogenhändlern. Diese Formulierung zeigt, mit welcher Sanftmut die Menschen des Nordens sich ausdrücken: Bei Drogenhändlern zögern Richter hier nicht mit der Todesstrafe, wenn die Angeklagten den Prozess überhaupt erleben.
Wesentlichen Anteil am Opiumanbau, der im Vergleich zu den tonnenweise gehandelten Amphetaminen aus den birmesischen Dschungellabors inzwischen fast marginal erscheint, haben die so genannten Hill Tribes. Es sind ehemalige Laoten, Birmesen, Chinesen und Tibeter, seit Jahrhunderten von Kriegen und Diktaturen hin und her getrieben, die irgendwo in den Bergen leben, verteilt auf über 3000 Dörfer. Sie haben weder Pässe noch Bürgerrechte. Aber für viele der Karen, Akha, Lisu, Lahu, Hmong oder Yao, wie sie auch bezeichnet werden, ist das Stück Erde, auf dem sie wohnen, zum Freiluftmuseum geworden. In bunten Trachten posieren sie fürs Foto der Trekking-Touristen.
Am Dorf Palai, eine gute Autostunde nördlich von Chiang Mai, ist diese Entwicklung bislang vorbeigegangen. Die 150 Karen, die schon von Joys Vater Lesen und Schreiben lernten, leben noch ohne Strom. Kaew, der Dorfchef, ist 60 Jahre alt und zugleich Hebamme und Priester. Auf seinen dürren Schultern sind noch die Tätowierungen zu sehen, die ihn früher gegen die bösen Geister des Dschungels beschützen sollten. Vor zehn Jahren wandte sich das Dorf dem Christentum zu, nachdem sich ein amerikanischer Tourist hierher verlaufen und umgerechnet 50 Euro für den Bau einer Kirche gespendet hatte. Die Kirche ist, wie alle anderen Behausungen, eine zugige Bambushütte. Schwer vorstellbar, wie es sich hier im Winter bei null Grad aushalten lässt. In Kaews Hütte hängt ein bisschen Hausrat an den Wänden, der Hausherr reicht einen bitteren Tee, den wir nicht ablehnen dürfen. Kaew selbst mag auch gern Coca-Cola, wie die vielen Kisten mit leeren Flaschen und seine Zähne zeigen. Die Karen erinnern sich noch genau an den Vietnamkrieg, als sie sich auf die Seite der Amerikaner schlugen und aus Kambodscha, Laos und Birma vertrieben wurden. Das Dorf Palai existiert erst seit 35 Jahren.
Mag die schier endlose Folge stiller grüner Berge unter den zarten Schäfchenwolken auch so wirken, als müsste sich gleich irgendwo eine Himmelspforte öffnen und eine anmutige Gottheit ihre segnende Hand erheben - in diesem Landstrich gehören Krieg und Vertreibung zu fast jeder Biografie. Da wirkt es beruhigend, auf einen Mann wie Shane Kevin Beary zu treffen. Shane ist irischer Abstammung, in Südafrika geboren, ein Baum von einem Kerl. Sieben Jahre diente er in Rhodesien in der britischen Elite-Einheit SAS; ein Job, bei dem man Häuser selten durch die Tür betritt. Weitere acht Jahre arbeitete er als Ölplattformtaucher in der Nordsee. Heute trägt Shane ein buddhistisches Amulett und betreibt das Mae Kok River Village Resort in Ban Thaton, 180 Kilometer nordöstlich von Chiang Mai. Auf den Hügeln gegenüber lagern schon birmesische Soldaten. An den Straßen, die hierher führen, stehen nicht nur Schilder, die vor Malariamücken warnen, sondern auch schweres Gerät der thailändischen Armee. Die Grenze zwischen den beiden verfeindeten Ländern ist zwei Kilometer entfernt. Bis Mitte der achtziger Jahre galt die Gegend als gesetzlos.
Der »Schwarze Drache« erschießt den Dieb. Und nippt dann am Schnaps
Eine versprengte chinesische Armee Chiang Kai-sheks hatte sich Ende der Vierziger in den Bergen niedergelassen und - wie die Bergstämme - nach eigenen Regeln gelebt. Noch heute geht die Legende vom »Schwarzen Drachen«, einem Dorfobersten, der sich zugute hielt, 38 Menschen hingerichtet zu haben, der ohne weiteres beim Kartenspiel aufstand, wenn man einen Dieb gefasst hatte, diesen erschoss und dann wieder seelenruhig an seinem Pflaumenschnaps nippte.
Die Gegend gilt mittlerweile als friedlich, und Shane ist Pazifist. Doch von Abenteuern versteht er noch immer etwas. Es muss ja nicht die ganz harte Tour sein. Soft Adventure heißt das Zauberwort. Shane hat sich darauf spezialisiert, alle Arten von Outdoor-Aktivitäten in einen familienfreundlichen Rahmen zu packen - allseitig abgesichert und mit Anleitung. Er und seine 50 Mitarbeiter begleiten Mountainbiker und Trekker, Bergsteiger und Kanuten durch den Dschungel in den Po-Muen-Bergen. Sie bieten Survival-Training und Thai-Kochkurse an, lehren organischen Landbau, aber auch Zusammenhalt im Team. Neben Familien kommen häufig Gruppen, besonders Führungskräfte aus Unternehmen. Der kleine Junge im Topmanager kann sich auf ein komplettes Militärübungsgelände mit Kletterwänden und Schlammgruben freuen.
Gestern hat uns Shane die irischen Trinksitten näher gebracht. Seine Augen sind noch etwas klein, aber kregel sitzt er an diesem Morgen hinter dem Steuer und lenkt den Jeep durch die Furchen der vom Monsun ausgewaschenen Piste. Zwei Allrad-Stunden lang geht es den Berg hinauf. Unser Ziel: das Teedorf Chavai. Schon auf dem Weg sehen wir in den Schluchten die dunklen Teebüsche, wie hingetupft an den satten Hängen. Bald darauf stehen wir mitten in China. An vielen Häusern rote Lampions, chinesische Schriftzeichen und rot-goldenes Lametta. Im Chavai Tea House zaubert Khun Pinit, der Chef, an seinem brodelnden Kocher einen grünen Olong-Tee mit Ingwer, der die Mühen des Aufstiegs sofort vergessen macht. Die chinesische Enklave vertreibt ihren Tee vor allem nach Taiwan und in die USA, wo das Kilo um die 200 Euro bringt. Touristen verschlägt es fast nie hierher.
Später, als wir mit Shane den Mae Kok in Richtung Chiang Mai hinunterschippern, erschließt sich erst der ganze Sinn von Soft Adventure. Ist es nicht wunderbar, wenn nach einem Bergtrip ein überdachtes Floß mit weichen Kissen wartet und Lunchpakete mit Hühnerkeulen? Hinter jeder Biegung tauchen neue, noch grünere Hügel auf, als würde ein großer Kulissenschieber ständig wechselnde Bühnenhintergründe hereinbringen. Am Ufer stehen Bauern mit frisch geschlagenem Bambus, Rinder und Elefanten suhlen sich. Nach den Regenfällen der letzten Tage führt der Fluss reichlich Wasser, das sich immer wieder zu hüpfenden Schnellen aufbaut, kleine Inseln in Verwirbelungen und Strüdelchen umspült. Ein munteres Schlürfen, Glucksen, Rauschen, während Shane, der Hüne mit den tätowierten Armen, vom Flötenspiel eines kleinen Jungen erzählt, das ihn kürzlich so bewegt hat. So soft kann Abenteuer sein.
Tui und Tuek geht es prima. Sie vertreten sich die Beine im Reisfeld
Noch softer sind nur die Betten des Regent-Hotels in Chiang Mai, der nobelsten Herberge des Nordens. Vor dem prächtigen Eingang warten Mr. Sand und seine Töchter Tui und Tuek. Alle drei haben beinah rosige samtweiche Haut. Sie bekommen drei Mahlzeiten pro Tag und haben persönliche Betreuer. Den Wasserbüffeln, die heute als Begrüßungskomitee vor dem prächtigen Portal des Regent stehen, geht es prima. Und den Gästen des Regent geht es besser als den meisten anderen Menschen. Egal, ob in der einfachen Suite für knapp 400 US-Dollar oder in der »Residence«-Suite für 1700 - wer seinen Fuß auf das Teakparkett setzt, betritt ein jasminduftendes Refugium, das perfekt gegen alle Unbilden der Außenwelt abgeschirmt wird.
Eine ganze Legion dienstbarer Geister in Lanna-Tracht ist bei jedem Wunsch sofort zur Stelle, 40 Gärtner zupfen, jäten, pflanzen, stutzen auf dem weitläufigen Areal, das sich hufeisenförmig zu einem majestätischen Bergpanorama hin öffnet. In der Mitte befindet sich das Reisfeld, in dem Mr. Sand und seine Töchter sich gelegentlich die Beine vertreten. Beinahe zärtlich beobachten am Feldrand drei als Bauern verkleidete Angestellte die zarten Reispflänzchen. Das Feld, so will es die Leitung des Hauses, soll den Gästen das authentische Leben draußen im Lande zeigen. Vielleicht wohnen darin ja auch ein paar weiße Mäuse.
Information
Anreise: Thai Airways fliegt täglich von Frankfurt am Main und München nach Bangkok und weiter nach Chiang Mai. Flüge ab etwa 750 Euro
Reisezeit: Die Hochsaison für ganz Thailand dauert von Dezember bis Februar. Im kühleren Norden sind trotz Regenzeit auch Juni/Juli empfehlenswert
Unterkunft: Joy's House, 114 Mu. 9, Sanpeesrue Village, Munag, Chiang Mai. Zimmer ab 30 Euro, Tel. 0066-53/85 42 13. In Deutschland zu buchen über Lotus Travel Service, Klenzestraße 39, 80469 München, Tel. 089/201 12 88
Mae Kok River Village Resort, Ban Thaton, Chiang Mai. Doppelzimmer ab 65 Euro, Tel. 0066-53/45 93 55-6, www.track-of-the-tiger.com
The Regent Chiang Mai Resort and Spa, Mai Rim-Samoeng Old Road, Mai Rim, Chiang Mai, 50180 Thailand, Tel. 0066-53/29 81 81, www.regenthotels.com
Auskunft: Tourism Authority of Thailand Central Europe Office, Bethmannstraße 58/IV, 60311 Frankfurt am Main, Tel. 069/138 13 90
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