Z U C K E R Das süßeste Kartell der Welt
Mit einer Verordnung beschert die EU den Zuckerproduzenten einträgliche Geschäfte. Das Nachsehen haben Verbraucher und Entwicklungsländer
Nachrichten aus dem Hause Südzucker klingen meistens gut. Im abgelaufenen Geschäftsjahr konnte der weltweit größte Zuckerproduzent aus Mannheim ein operatives Ergebnis von 465 Millionen Euro vorweisen - Rekord. Im ersten Quartal des aktuellen Geschäftsjahres läuft auch alles bestens - und der Aktienkurs? Der fällt zwar, aber immerhin nicht ganz so schnell wie die Kurse der anderen Mitglieder des Index M-Dax.
Hauptgrund für den Erfolg sind jedoch weder einmalige Produkte noch ein besonders gewieftes Management - sondern die Zuckermarktordnung. Diese Regelung wurde im Jahr 1968 von der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft in Kraft gesetzt, um die heimischen Bauern durch feste Abnahmepreise vor Marktschwankungen und billigen Importen zu schützen. Neben Europas Rübenbauern profitiert auch die Zuckerindustrie von diesem System. Denn lästige Konkurrenz aus dem Ausland bleibt ausgesperrt, obwohl deren Rohrzucker nicht einmal halb so viel kostet wie Rübenzucker aus Europa. Immer wieder schaffte es die Zuckerlobby, die Verordnung zu verlängern - sie gilt noch bis 2006.
Dass der Zuckermarkt von Reformen bisher weitgehend verschont blieb, hat mit seiner Art der Finanzierung zu tun. Die Zuckerrübe ist das einzige Agrarprodukt, dass nicht direkt aus dem Haushalt der Europäischen Union subventioniert wird. Druck auf deren Kassen geht von den Rübenbauern also nicht aus. Und die europäischen Politiker, die sich seit Jahren um eine Agrarreform bemühen, sind froh, wenigstens an der Zuckerfront Ruhe zu haben.
Die Kritik an diesem System war bisher so zahlreich wie vergeblich. Für Franz Mühlbauer, Professor für Landwirtschaft an der Fachhochschule Weihenstephan, ist der Zuckermarkt "ein amtlich abgesegnetes Kartell, eine Lizenz zum Gelddrucken". Die OECD und Deutschlands Wirtschaftsweise haben die Zuckermarktordnung getadelt; die Welthandelsorganisation nennt sie gar "mittelalterlich". Die britische Entwicklungshilfeorganisation Oxfam weist auf die Benachteiligung der Hersteller in der Dritten Welt hin, weil diese ihren Zucker nicht in Europa verkaufen können. Und Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul schließlich beklagt die Doppelmoral, mit der die EU "den freien Markt als Grundbedingung des Wirtschaftslebens anpreist, aber ihre eigenen Märkte gegen Produkte aus den Entwicklungsländern abschottet".
Für Südzucker-Chef Theo Spettmann ist die Zuckermarktordnung hingegen ein "fein ausbalanciertes System", das die Interessen aller Beteiligten berücksichtige. "Der EU-Steuerzahler bezahlt keinen Cent dafür", sagt er, die Marktordnung finanziere sich selbst. Tatsächlich werden die scheinbar subventionsfreien Preise jedoch von den Verbrauchern getragen. Rund 6,3 Milliarden Euro zusätzlich müssten die Konsumenten durch überhöhte Preise jährlich für Zucker ausgeben, schätzt der Europäische Rechnungshof. Bei jedem Einkauf finanzieren sie damit Rübenbauern und Zuckerindustrie. Ohne die Marktordnung könnte Europa einen Großteil des benötigten Zuckers zu günstigeren Konditionen von anderen Ländern beziehen.
Dass Europa zur Zuckerfestung ausgebaut wurde, wirkt sich auch auf den Weltmarkt aus. Hier werden die im Erzeugerland nicht benötigten Überschüsse gehandelt. Noch vor 20 Jahren war Europa auf Zuckerimporte angewiesen. Inzwischen hat sich die Lage ins Gegenteil verkehrt, weil die Nachfrage der kalorienbewussten Europäer stagniert. In der EU werden 30 Prozent mehr Zucker hergestellt, als tatsächlich verbraucht werden.
Drei Unternehmen teilen sich den deutschen Markt
Um die Überschüsse auf dem Weltmarkt loszuwerden, zahlt die Europäische Union überhöhte Preise an die Erzeuger und verschärft so den Druck auf den Markt. Zwar wächst auch der Bedarf an Zucker jährlich um zwei bis drei Millionen Tonnen durch die zunehmende Nachfrage in Afrika und Asien. Doch die Zuckerproduktion legt noch stärker zu. So entstehen immer größere Vorräte, die inzwischen fast die Hälfte des Weltjahresverbrauchs ausmachen.
Die Marktordnung ist nicht nur dafür verantwortlich, dass mehr Zucker produziert als verzehrt wird. Auch der Wettbewerb kommt dabei zum Erliegen. Besonders gut zu erkennen ist das am deutschen Markt. Das Land ist aufgeteilt in drei Zonen: Der Norden wird kontrolliert von der Nordzucker AG, Mitteldeutschland von Pfeifer & Langen und der südliche Raum von Südzucker. Zusammen vereinen die drei Unternehmen mehr als 90 Prozent der deutschen Zuckerproduktion auf sich, und in der jeweiligen Region macht immer nur ein Unternehmen das Geschäft. Fachleute wie Mühlbauer bezeichnen diese Entwicklung deshalb als "regionale Monopolbildung".
Schokolade, Marmelade und Saft könnten viel billiger sein
Auch der europäische Zuckermarkt ist nahezu wettbewerbsfrei. In acht Ländern beherrscht ein Unternehmen den gesamten Markt, und dort, wo noch mehrere Konkurrenten tätig sind, wie in Deutschland, sind die Quoten verteilt, die Regionen abgesteckt. Selbst zwischen Rübenanbauern und Zuckerindustrie ist die Marktwirtschaft ausgehebelt: Mehrheitsaktionär der Südzucker AG ist die Zuckerrüben-Verwertungsgenossenschaft, ein Zusammenschluss der Rübenbauern, die an die Südzucker AG liefern.
Als sich die Südzucker AG doch einmal dem Wettbewerb stellen wollte, scheiterte sie prompt. Der Erwerb des Eiscremeherstellers Schöller sollte dem Konzern eine zusätzliche Einnahmequelle sichern. Inzwischen trennte man sich wieder von dem Geschäft.
Erfolgreich ist die Südzucker AG dagegen in einer anderen Disziplin: Wachstum. Denn seit ihrer Gründung fusioniert und übernimmt sie ständig. Seinerzeit, im Jahr 1926, schlossen sich fünf Zuckerfabriken zusammen. 1988 schluckte man die Zuckerfabrik Franken GmbH, ein Jahr später kamen Beteiligungen in Österreich und Belgien hinzu. Nach dem Mauerfall wurde die ostdeutsche Konkurrenz übernommen und zuletzt, im Juni 2001, Saint Louis Sucre, das zweitgrößte französische Zuckerunternehmen. Die Einkaufstour quer durch Europa wird bei Südzucker vornehm "Arrondierung" genannt.
Der Appetit ist noch nicht gestillt: Im Moment richtet sich der Blick der Zuckermanager auf die EU-Beitrittskandidaten. In Polen, Ungarn und der Tschechischen Republik wurden bereits Zuckerfabriken erworben - und es sollen noch mehr werden. "Wir brauchen Kampfgewicht, um zu überleben", sagt Vorstandschef Spettmann. Für die Aktivitäten von Südzucker und Co. interessieren sich deshalb zunehmend die Wettbewerbshüter. "Solange der Markt durch die europäische Zuckermarktordnung weitgehend reguliert und quotiert ist, bleibt der Wettbewerb beeinträchtigt", sagt Ulf Böge, Präsident des Bundeskartellamts. Beteiligungen und Aufkäufe der Südzucker AG werden inzwischen nur noch unter Auflagen genehmigt.
Besonders ärgerlich ist die Zuckermarktordnung für die Süßwarenindustrie, die Hersteller von Erfrischungsgetränken, Bäckereien sowie die Obst, Gemüse und Kartoffeln verarbeitende Wirtschaft. Die Hauptabnehmer der Zuckerindustrie sind gezwungen, den Zucker zu den hohen EU-Preisen einzukaufen. Um die Vormacht der Zuckerbarone zu brechen, haben sich deshalb Unternehmen wie Coca-Cola und Nestlé zum Informationszentrum Zucker zusammengeschlossen. Bisher blieb der Erfolg aus.
Immerhin hörten sich bei einem Parlamentarischen Abend im Februar in Berlin Bundestagsabgeordnete und Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums die Argumente der Zuckerverwender an. Doch die Reformvorschläge von Erich Schmidt, Professor für Marktlehre des Gartenbaus an der Universität Hannover, müssen auf die versammelten Abgeordneten und Beamte wie eine Rübenfeldflutung gewirkt haben. Noch bevor die Beitrittskandidaten in die EU aufgenommen werden, so der professorale Rat, müsste eine umfassende Reform verabschiedet werden. Notwendig sei es, den Zuckerpreis schrittweise um 40 Prozent zu senken. Mittelfristig müsste die Zuckermarktordnung ganz abgeschafft werden. Dann könnten auch Schokolade, Saft und Marmelade viel billiger werden.
Südzucker-Chef Spettmann will davon nichts wissen. Preissenkungen würden möglicherweise gar nicht im Portemonnaie der Verbraucher ankommen, sondern in den Kassen der Lebensmittelindustrie hängen bleiben. "Eine Abschaffung der Zuckermarktordnung wäre ein Einkommenstransfer in Richtung Coca-Cola", behauptet der Manager.
Doch auch Spettmann ahnt wohl, dass die süßen Jahre bald vorbei sein könnten. Brasilien und Australien haben angekündigt, vor der Welthandelsorganisation ein Verfahren gegen die Zuckermarktordnung in Gang zu bringen. Sollten sie Recht bekommen, fürchtet der Südzucker-Chef, dass die "europäische Landschaft ausgekehrt wird". Spettmann streitet für jeden Zentimeter Ackerfläche. Denn die Zuckerrübe sei ein Kulturgut, dass verteidigt werden müsse. Wenn nötig, "bis zum letzten Blutstropfen".
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