VerhaltensökonomieDie Revolution hat begonnen

Auf Wiedersehen, Homo oeconomicus: Lange glaubte die Wirtschaftswissenschaft, dass der Mensch sich rational verhält. Doch jetzt ziehen ihre Theorie in Zweifel von 

In der Wissenschaft dauern Revolutionen ein Leben lang. Vor fast einem halben Jahrhundert begann der deutsche Mathematiker und Ökonom Reinhard Selten, die Spieltheorie zu erforschen. Sie kann Situationen erhellen, in denen Menschen sich durch ihre Entscheidungen gegenseitig beeinflussen - Brettspiele genauso wie den Wettbewerb auf einzelnen Märkten. Selten war erfolgreich: Ohne seine Ideen könnten Wirtschaftswissenschaftler einige dieser kniffligen Probleme heute noch nicht verstehen.

Das reichte dem jungen Forscher aber nicht. Tatsächlich führte er ein Doppelleben. In seinem Büro entwickelte er weiter die eleganten Modelle - samt und sonders gehen sie vom rationalen Entscheider aus, der alle verfügbaren Informationen trefflich nutzt und auf diese Weise das Beste für sich herausholt. Doch immer öfter ging Reinhard Selten hinunter ins Labor und rüttelte am Fundament seiner Wissenschaft. Dort testete er, wie die Menschen sich wirklich verhalten. Studenten und andere Probanden spielten die Theorien durch und demonstrierten ein ums andere Mal, dass Menschen nicht so sind, wie Ökonomen sie über Jahrhunderte gern haben wollten. Anders als der Homo oeconomicus, jenes Extrembild des rationalen Menschen, konnten und wollten die Mitspieler ihren Eigennutz nicht maximieren. Teils schätzten sie die Situationen falsch ein und machten unbewusst Fehler teils nahmen sie Verluste bewusst in Kauf, um andere zu Fairness und Zusammenarbeit zu erziehen - und das alles nicht bloß zufällig, sondern mit vorhersagbaren Wirkungen auf das Ergebnis des Mit- und Gegeneinanders. Fortan diente Selten die Theorie nicht mehr als eine akzeptable Vereinfachung der Wirklichkeit, sondern als Elle, an der sich die Abweichungen der Menschen vom Ideal messen lassen. Die Revolution hatte begonnen. Doch kaum jemand wollte sie wahrhaben.

Selbst als Selten im Oktober 1994 als erster Deutscher den Nobelpreis für Ökonomie gewann, galt alle Aufmerksamkeit seinen Taten für die Spieltheorie. Im Trubel ging unter, dass dieser freundliche Mann längst zu den verwegensten und beharrlichsten Kritikern seiner Zunft gehörte.

Am Mittwoch vergangener Woche kam der Durchbruch. Zwei andere Pioniere der verhaltensorientierten Ökonomie erhielten den Nobelpreis: der aus Israel stammende Psychologe Daniel Kahneman und der amerikanische Experimentalforscher Vernon Smith. Es wurde höchste Zeit. In Labors und Befragungsräumen, Seminarzimmern und Lehrstuben nimmt längst eine ganze Forschergeneration das Menschenbild der Ökonomen auseinander.

"Seit drei, vier Jahren schießt die Entwicklung exponentiell in die Höhe.

Heute werden Verhaltensökonomen überall gesucht", sagt der Züricher Wirtschaftsprofessor Ernst Fehr, selbst ein Vorreiter der Revolution. Kein Wunder, erklären sie doch Phänomene, die ihre klassischen Kollegen nur als Verirrungen abtun konnten. So wird die besondere Furcht der Menschen belegt, ins Hintertreffen zu geraten. Sie ist ein Grund, warum Bankmanager auf Teufel komm raus riskante Kredite vergeben, wenn ein Konkurrent es vormacht. Im Abschwung, so wie jetzt, wird die Krise dann umso schwerer, weil alle Banken unter enormen Ausfällen leiden. Rationale Menschen hätten auch kaum New-Economy-Aktien gekauft, als ihr Kurs zehn mal höher war als ihre mögliche Ertragskraft. Anders sieht das bei Anlegern aus, die von der Angst gelenkt werden, den Zug zum Reichtum zu verpassen.

Selbst vermeintlich einfachen Ansprüchen an sein Verhalten mag der Mensch nicht genügen. Nur ein Beispiel: Angenommen ein Autokäufer zieht im direkten Vergleich den VW Golf einem Opel Astra vor er findet den Opel im zweiten Vergleich jedoch besser als den Ford Focus. Dann müsste er schließlich im dritten Vergleich den VW besser finden als den Ford. Tut er vielfach aber nicht - und verletzt eine grundlegende Annahme der Ökonomie.

Wo immer die Verhaltensforscher ihre Neugier hinwenden, finden sie Widersprüche zur Theorie und säen Zweifel: Wenn die Menschen nun partout nicht so rational sind, wie die Ökonomie annahm - können sie dann wirklich von freien Märkten profitieren? Legen sie dann ihr Geld fürs Alter am besten selbst an, oder sollte der Staat auf sie aufpassen? Und umgekehrt: Muss der Staat wirklich immer neue Ökologie-Gesetze erlassen, wenn seine Bürger gar nicht so egoistisch sind wie angenommen und in einer Welt ohne tausend Vorschriften die Umwelt selbst schützen würden? Die Fragen sind offen, aber eines ist beschlossene Sache: Mit dem Menschenbild verändern die Ökonomen auch die Weltsicht ihres Faches.

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