Es war einmal ein König, der hatte eine Tochter, die er über alles liebte. Doch eines Tages legte sich die Prinzessin zu Bette und erklärte dem herbeigerufenen Arzt, erst wieder aufstehen zu wollen, wenn man ihr eine richtige Wolke vom Himmel hole. Keiner der Weisen des Reiches konnte ihr den Wunsch erfüllen, doch als ein Gärtnerjunge davon hörte, brachte er der Kranken ein Stück Watte, so groß wie ihr Kissen, und von Stund an wurde die Prinzessin gesund, heiratete den Gärtnerjungen, und wenn sie nicht gestorben sind…

Im Ghetto einer polnischen Kleinstadt während des Zweiten Weltkriegs erzählt Jakob Heym dem Mädchen Lina, daser seit der Deportation ihrer Eltern bei sich versteckt hält, dieses Märchen von der kranken Prinzessin. Es ist das Herzstück in Jurek Beckers Roman Jakob der Lügner – einer Parabel auf die Hoffnung spendende Kraft der Lüge, derer Menschen gerade in hoffnungsloser Lage bedürfen.

Durch Zufall hört Jakob Heym eines Abends auf dem deutschen Polizeirevier die Meldung, dass sich russische Truppen bis Bezanika, einem nur einige hundert Kilometer entfernt liegenden Ort, vorgekämpft haben. Die Nachricht nährt die Hoffnung auf eine baldige Befreiung durch die Rote Armee. Doch wie soll Jakob sie seinen Leidensgenossen glaubhaft machen? Er gibt vor, ein Radio zu besitzen, anhand dessen er sich über den Frontverlauf informieren könne (was natürlich streng verboten ist).

Die frohe Kunde verbreitet sich mit Windeseile im Ghetto. Und Jakob, der vor dem Kriege ein kleines Geschäft betrieb, in dem er "sommers Himbeereis und winters Kartoffelpuffer verkaufte" – dieser kleine, scheue Mann, der nicht zum Helden geboren ist, sieht sich plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Jeder sucht seine "mit einemmal bedeutungsvolle Nähe". Die erste Lüge zieht die nächste nach sich. Täglich muss Jakob neue Nachrichten über den langsamen, aber unaufhaltsamen Vormarsch der Russen erfinden, um die Hoffnungen nicht zu enttäuschen. "Man ist süchtig geworden auf die paar Kilometer an jedem Morgen, und den ganzen Tag gab es etwas zu hoffen und zu bereden."

Im Ghetto regt sich neuer Lebensmut. Die Selbstmorde hören auf; man schmiedet Zukunftspläne. Doch was die anderen aufrichtet, das bedrückt Jakob von Tag zu Tag mehr. Der Lügner aus Menschenliebe, der Seelentröster, der selbst des Trostes bedarf, fühlt seine Kräfte unter der Last der Verantwortung schwinden. Schließlich vertraut er seinem Freunde Kowalski die Wahrheit an; der begeht in der Nacht Selbstmord. Schon am nächsten Tag müssen sich die Ghettobewohner zum Abtransport in eines der Todeslager versammeln. "Wir fahren, wohin wir fahren", lautet der letzte Satz des Romans.

Berichtet wird die Geschichte aus der Perspektive eines Ich-Erzählers, der zu den wenigen Überlebenden des Ghettos gehört und nun Zeugnis ablegen möchte über das, was sich in Wahrheit zugetragen hat. Sein wichtigster Gewährsmann ist Jakob selbst: "Das meiste, was ich von ihm gehört habe, findet sich hier irgendwo wieder, dafür kann ich mich verbürgen." Nur am Ende schlüpft der Erzähler aus der Rolle des Chronisten, um einen alternativen Schluss zu erfinden: Jakob stirbt bei dem Versuch, aus dem Ghetto zu flüchten. Doch unmittelbar danach befreit die Rote Armee die Insassen. "Warum wollte er fliehen?", fragt einer. "Er muß verrückt geworden sein. Er wußte doch genau, daß sie kommen. Er hatte doch ein Radio…"

Bemerkenswert ist der Verzicht auf jede Heroisierung. "Es hat dort, wo ich war, keinen Widerstand gegeben." Das Grauen, das den Alltag im Ghetto regiert, wird ganz unpathethisch, fast beiläufig geschildert. "Wir wollen jetzt ein bißchen schwätzen", lässt Jurek Becker seinen Berichterstatter sagen und knüpft damit an jiddische Erzähltraditionen an. Hintergründiger Witz mischt sich mit tiefer Melancholie; Komisches und Tragisches liegen dicht beieinander.

Jakob der Lügner erschien 1969. Mit ihm gab der 1937 geborene Jurek Becker, der im Ghetto von Lód´z aufgewachsen und 1945 nach Ost-Berlin gezogen war, sein Debüt als Romanautor. Das Werk fand über die Grenzen der DDR hinaus Beachtung – zu Recht, denn es zählt zu den gelungensten Versuchen, den Schrecken der Judenververnichtung mit literarischen Mitteln zu gestalten.