Kampf der Giganten, Teil 2
Sein Vorgänger verlor gegen einen Computer. Jetzt versucht der Schachweltmeister Wladimir Kramnik in Bahrain die stärkste aller Maschinen zu schlagen. Es sieht so aus, als würde es ihm gelingen
Die Schlacht schien längst geschlagen, als der Schachgroßmeister Garri Kasparow vor fünf Jahren gegen den Computer Deep Blue der Firma IBM verlor - Mensch unterlag Maschine, Kreativität der tumben Rechenkraft. Der Mensch trat ab als klügster Geist des Universums. In Manama, der Hauptstadt Bahrains, versucht er jetzt, Vergeltung zu üben. Es sieht so aus, als würde ihm das tatsächlich gelingen.
Frederick Friedel, Mitgründer der Hamburger Firma Chessbase, zieht ein Gesicht, als wäre er Mercedes-Chef und sein Top-Bolide hätte soeben das entscheidende Rennen gegen Michael Schumacher verloren. Schlecht gelaufen, sagt Friedel. Es ist Halbzeit im Kampf des Schachsuperstars Wladimir Kramnik gegen Friedels Computer Fritz, den die Welt mit Spannung verfolgt.
Der 27 Jahre alte Russe und Weltmeister Kramnik, der vor zwei Jahren den Weltmeister Garri Kasparow entthronte, hatte seit langem eine Rechnung offen.
Für den Kollegen Kasparow forderte er einen Revanchekampf, in dem er Deep Blue in Stücke reißen wollte. IBM weigerte sich. Zu groß waren nach dem Sieg der Imagegewinn und die Steigerung des Aktienkurses, um all das womöglich leichtsinnig zu zerstören.
Die Hamburger Firma Chessbase bot Kramnik Gelegenheit zur Genugtuung. Ihre Software gilt unter dem halben Dutzend käuflicher Schachprogramme als die stärkste. Es kann zwar nur drei Millionen Züge pro Sekunde berechnen und nicht Milliarden, wie Deep Blue. Seine Schöpfer behaupten aber, Fritz sei so stark wie sein Vorgänger - und das, obwohl man die Software von Fritz für 50 Euro kaufen kann.
Da der König von Bahrain, Hamad bin Isa Al Khalifa, sich als Sponsor für das königliche Spiel anbot und unter anderem eine Million US-Dollar als Preisgeld zur Verfügung stellte, wurde man sich schnell einig. Acht Partien sollen ausgefochten werden in dem Inselstaat am Persischen Golf. Selbst bei einer Niederlage erhält Kramnik noch 600 000 Dollar. Eigentlich sollte das Match schon im vorigen Herbst stattfinden, musste aber wegen der Terroranschläge des 11. September verschoben werden. Schließlich liegt nur ein paar Kilometer vom Spielort entfernt die fünfte US-Flotte auf der Lauer, der Irak ist nicht weit.
Mit einem Jahr Verspätung kam in Bahrain der erste Zug aufs Brett.
Kampfstätte ist das Mind Sports Center auf der Insel Muharraq, ein ockerfarbener zweistöckiger Bau mit aufragenden Türmen inmitten einer Hochhauslandschaft. Im Innenhof trocknen bei 40 Grad im Schatten Kopf und Körper aus. Die Zuschauer dürfen Spieler und Brett auf riesigen Bildschirmen bestaunen, unter ihnen auch Frauen und Mädchen ohne Maske und Kopftuch.
Hauptattraktion für Touristen aus den arabischen Nachbarländern sind die lockeren Trinksitten Bahrains. In den Hotelbars fließen Bier und Whisky wie in Londoner Pubs.
Der Wettkampfraum wurde auf eisige Temperaturen heruntergekühlt, er ist voller Kabel, Scheinwerfer und Kameras. Ein Tisch, davor der Weltmeister: feiner blauer Anzug, blaues Hemd, blaue Krawatte, blaue Augen. Er hat seinen 1,90 Meter langen Körper erstaunlich günstig auf einem kleinen Pseudobiedermeierstuhl untergebracht. Mit dem kurz geschnittenen Haar sieht er aus wie ein Musterschüler, der eine entscheidende Prüfung vor sich hat.
Kramnik ist immer in Bewegung. Er stützt den Kopf in die Hände, zupft sich an der Nase, starrt in eine ungewisse Ferne. Manchmal bewegt er die Lippen, als bete er, aber er rechnet nur.
Gegenüber so viel Eleganz wirkt sein Gegner etwas bullig. Matthias Feist, Koprogrammierer von Fritz, überträgt die Züge des Computers aufs Brett. Er darf nichts anderes tun, nicht einmal lesen. Er darf nur warten und hoffen und ab und zu einen Schachzug ausführen, den er vom Bildschirm abliest. Fritz selbst, hochachtungsvoll Deep Fritz genannt, ist in einem Behältnis untergebracht, das kaum größer ist als ein PC. In einem bewachten Nebenraum rechnet der Computer seine Milliarden Stellungen durch - unter Aufsicht eines neutralen Wächters, der verhindern soll, dass jemand manipuliert.
In der ersten Partie, die Kramnik mit Schwarz spielt, hat der Weltmeister ein ungewohntes Problem. Die Figuren wollen nicht auf die Felder, auf die der Weltmeister sie stellen will. Sie kleben gleichsam zwischen seinem Daumen und Zeigefinger, als habe sich die Berührtgeführt-Regel verselbstständigt. Die Veranstalter haben die Hölzer nämlich kurz vor dem Spiel mit einer klebenden schwarzen Farbe überpinselt, nachdem Kramnik sich beschwert hatte, sie seien zu hell. Die Farbe wurde nicht rechtzeitig trocken. Kramnik hat sich selbst geleimt.
Aber natürlich schafft er es doch, im ersten Zug seinen Königsbauern auf dem richtigen Feld loszuwerden. In der ersten Partie greift er auf Strategien zurück, die sich gegen menschliche Gegner bewährt haben. Mit einer Verteidigung, die schon Kasparow in seinem WM-Match zur Verzweiflung brachte, überlässt er dem Rechner das Mittelfeld. Kramnik führt Fritz vor als das, was er ist: eine Maschine, die trotz ihrer verblüffenden Leistung nicht weiter in die Zukunft gucken kann als sieben oder acht Züge. Hinter diesem Horizont fischt Fritze im Trüben. Er kann keinen langfristigen Plan schmieden.
Kramnik, der über großes Schachgefühl verfügt, begutachtet zwar pro Sekunde nur einen Zug, aber sein Gefühl hilft ihm dabei zu entscheiden, welcher der richtige ist.
Der Weltmeister übte mit einem Klon seines Gegners Dass er Fritz ausgerechnet mit seiner Anti-Kasparow-Verteidigung als harmlosen Wicht erscheinen lässt, ist ein Seitenhieb gegen Kasparow, der Kramnik jegliche Weltmeisterqualitäten abspricht. Der wilde Angriffsspieler Kasparow hatte seinen Stil im Match gegen Deep Blue auf eine defensive, auf Konterchancen lauernde Anticomputerstrategie, umgestellt, einen Stil, der ihm gar nicht lag. Kramnik führt vor, wie man so etwas richtig macht.
Nach einem lockeren Remis in der ersten Partie stellt er sich dem Publikum, das stolz Beifall zollt das Publikum vor Ort sympathisiert mit dem Menschen.
Auch von den Millionen Zuschauern, die das Match live auf zehn Websites im Internet verfolgen, halten es die meisten, wohl selbst Fritz-Besitzer, ebenfalls mit Kramnik.
In der zweiten Partie spielt Wladimir Kramnik eine Eröffnungsvariante, die Fritz natürlich in seiner Bibliothek gespeichert hat. Nach acht Routinezügen wirft der Weltmeister die Maschine aus dem Konzept, und schon beginnt Fritzchen zu schwimmen. Er antwortet mit einem ungenauen Bauernzug und zieht gar seine Läufer auf die Grundreihe zurück, womit er sich einen folgenschweren Entwicklungsrückstand einhandelt. Keiner der angereisten Großmeister im Minds Center versteht, warum Fritz diesen entsetzlichen Zug gemacht hat. Depp Fritz statt Deep Fritz.
Selbst Kramnik, als Mr. Eisberg bekannt, starrt entgeistert und kopfschüttelnd in die Kamera. Die Leute vom Fritz-Team sind der Meinung, dass Kramnik einen Denkfehler des Computers entdeckt haben muss und ganz gezielt die Stellung angesteuert hat. Der Weltmeister hatte bei den Vertragsverhandlungen verlangt, dass er die Wettkampfversion des Programms als Sparringspartner ausgehändigt bekommt. Andernfalls spiele er nicht. Die Computerleute standen vor der Wahl: gar kein Match oder ein möglicherweise schnell verlorenes. Kramnik bekam, was er wollte. Für die kommerzielle Verwertung von Fritz wäre aber auch eine Niederlage Werbung genug. Falls der Punkterückstand nicht zu erniedrigend ausfällt.
In der zweiten Partie kann Fritz seine taktischen Fähigkeiten vorführen. Im 27. Zug will der Weltmeister einen deutlichen Vorteil in aller Ruhe in einen Endspielsieg ausbauen, als Fritz plötzlich mit einem Läuferschach den Meister aus seinen Träumen reißt - Ein taktischer Schlag, so Kramnik hinterher, den ich übersehen hatte. Ich dachte, jetzt verliere ich. Aber der Champion strengt sich an. Mit Erfolg. Fritz beugt sich seinem Können im 57. Zug.
Zur dritten Partie erscheint der deutsche Botschafter Wolfgang Lerke, als brauche der seelenlose deutsche Schachpartner moralische Unterstützung. Ich bin aus patriotischen Gründen für die Maschine, sagt er. Auch der russische Botschafter kommt. Er ist für den Menschen.
Kramnik gelingt es auch hier, frühzeitig, den Damentausch zu erzwingen. Ein Verfahren, das er schon gegen Kasparow erfolgreich anwandte: Angriffsspieler mit taktischen Fähigkeiten sind ohne Dame nur noch die Hälfte wert. Zwar wird bei dem Manöver Kramniks Bauernstruktur zerstört - er handelt sich zwei hässliche Doppelbauern ein -, aber Fritz kann mit diesem Vorteil nichts anfangen. Er findet kein Konzept, macht sinnlose Züge und wird von Kramniks Kontern überrascht, wie einer seiner Programmierer traurig am Bildschirm abliest. Wie kann ein Computer kommende Züge übersehen? Nun, er sieht sie wohl, aber er handelt falsch, weil er einen anderen möglichen Zug als gefährlicher einschätzt. Nach dieser Panne gibt Kramnik seinem Gegner keinen Raum mehr.
Der Deutsche Botschafter suchte das Weite. Er muss zu einem anderen Ereignis, an dem deutsche Maschinen beteiligt sind. Bahrain hat neben Schach die Formel 1 als Attraktion an Land gezogen. Während Kramnik und Fritz sich abmühen, legt der englische Prinz Andrew den Grundstein für die Rennanlage, die ein deutscher Architekt entworfen hat. Es wurde sogar ein echter McLaren-Mercedes-Bolide eingeflogen.
Der Computer wird nie müde, und er gibt nie auf Nach dem Abgang des Botschafters trifft Seine Exzellenz Yussif Sherawi ein, ehemaliger Entwicklungsminister. Der 75-Jährige, selbst begeisterter Schachspieler, hat dem König von Bahrain die Idee eingegeben, das königliche Spiel ins Königreich zu holen. Sherawi, dessen Tochter an der Organisation des Ereignisses beteiligt ist, lässt sich von englischen und russischen Großmeistern den Sinn der weltmeisterlichen Züge sozusagen in Privataudienz erklären. Sie erläutern das baldige Ende der Partie, die 53 Züge dauert. In der vierten Partie rettet sich Fritz tapfer in ein Remis.
Es steht drei zu eins für Kramnik. Die Hälfte der Partien ist gespielt.
Ich frage den Weltmeister, was mehr Spaß mache: Kampf gegen Mensch oder Maschine. Ich weiß nicht, ob Schachspielen überhaupt Spaß macht, sagt er.
Partien gegen Computer sind viel stressiger als gegen Menschen. Der Mensch wird müde, mental nachlässig, gibt innerlich auf. Der Computer spielt und rechnet ungerührt immer weiter, er wird nie schwach. Und wenn du dir nach fünf Stunden die kleinste Ungenauigkeit erlaubst, macht er dich sofort fertig.
Muss der Mensch also versuchen, wie ein Computer zu sein? Kramnik lächelt.
Dann nickt er vorsichtig.
In der fünften Partie schlägt Fritz doch noch zu. Diesmal gelingt es ihm, den Damentausch zu vermeiden. Er postiert seine Königin im Zentrum, Kramnik kann sie nicht vertreiben. Und Fritz erkämpft sich ein Endspiel, das schwer zu gewinnen ist. Aber gegen den offensichtlich erschöpften und frustrierten Weltmeister gelingt es ihm doch: In Zeitnot übersieht Kramnik ein Springerschach, das ihn eine Figur kostet - ein Fehlgriff, den man bei ihm noch nie gesehen hat. Ein englischer Großmeister sagt: Der Computer ist ein ganz anderes Tier, wenn er mit der Dame spielt. Sechs Tage vor dem Ende des Matchs, das bis Samstag dauert, wird es wieder spannend.
Die Betreuer von Fritz wirken zum ersten Mal glücklich. Einer vernichtenden Niederlage sind sie jetzt schon entgangen.
- Datum 17.10.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 43/2002
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