K U N S T Schöne neue Endzeit
Eine Düsseldorfer Ausstellung zeigt die Bilder von Daniel Richter: Er ist jung, erfolgreich und gerade dabei, das 19. Jahrhundert wieder zu entdecken
Vor wenigen Jahren beschloss der Maler Daniel Richter, nichts mehr zu seinen Werken zu sagen. Lange hatte er das Bedürfnis verspürt, die Welt seiner abstrakten Bilder zu erklären. Dann entdeckte er die gegenständliche Kunst, und fortan sollte diese für sich selbst sprechen. Lange aber währte sie nicht, die verbale Enthaltsamkeit. Zu sehr wird Richter getrieben, zu oft packt ihn der Enthusiasmus für seine Arbeit und überhaupt für die Gattung der Malerei. Mit heftigen Wortsalven will er das Publikum für sich einnehmen, will es teilhaben lassen an der Genese seiner Bilder, gibt mal den redegewandten Dandy, mal den aufrührerischen Rebellen. Wenn man aber von diesen unterhaltsamen wie vehementen Auftritten absieht und Richter von der Aura des Künstlerdarstellers enthäutet, dann entdeckt man einen begabten jungen Maler und vor allem ein beachtenswertes Werk. Zu begutachten ist es derzeit im Düsseldorfer Museum K21, wo Richters Bilder aus den letzten drei Jahren, fünfundzwanzig an der Zahl, ausgestellt werden.
Stöbern in der Kunstgeschichte
Vor allem zeugen die Riesenformate von einer bemerkenswerten Wandlung: Bis tief in die neunziger Jahre war der 39-Jährige ganz der Abstraktion verpflichtet gewesen, es entstanden heftig bunte Bilder, auf denen Schlieren und Verkrustungen von einem eruptiven Malakt zeugten. Eine Form der Malerei, die er als Schüler von Werner Büttner und Assistent Albert Oehlen entwickelte. Obwohl er mit seiner Kunst erfolgreich war, beschloss Richter, dass es genug sei. Er hatte das Gefühl, alles probiert zu haben und suchte nach Abenteuern im Unbekannten.
Er fand sie bei einem Besuch im Pariser Musée d'Orsay, ausgerechnet in der Historienmalerei des 19. Jahrhunderts. Ihn reizte diese Kunst, in der die Welt erkennbar und entschlüsselbar zu sein schien. Er wollte erproben, ob sich nicht etwas Ähnliches auch für die Gegenwart entwickeln lässt, und begann mit einer Figurenmalerei für die heutige Zeit. Im Jahre 1999 schälten sich erstmals Gesichter und Körperfragmente aus den Formen und Farben. Richter begann, das Genre des historischen Gruppenbildes neu zu definieren, er durchstöberte die Kunstgeschichte.
Deutliche Anspielungen auf den Symbolismus, auf Ferdinand Hodler oder Eugène Delacroix, das Ophelia-Motiv des Fin de Siècle oder die Schiffsbruchthematik eines Théodore Géricault zeugen von seinem Zitateneifer. Ganze Personen aus dem ‘uvre des russischen Künstlers Wassili Surikow implantiert Richter seinen Gemälden, genauso wie er auf Märchenfiguren oder amerikanische Comicstrips rekurriert. Diese unterschiedlichen Quellen werden durch ein Leitmotiv verklammert: durch die Übersetzung medialer Ereignisse in ein traumatisches Szenario voller Leidenschaft, Hass und Angst. Richter gelingt eine eigene Form des reflektierenden Zeitbildnisses.
Die übergroßen Leinwände sind in Düsseldorf so gehängt, dass sie den Besucher umzingeln, ihrer Wirkung kann er sich kaum entziehen. Vor allem in der Nahbetrachtung zeigen manche Bäume und Figuren noch Reste der Abstraktion, deutlich lassen sich Tropfspuren erkennen, die Leinwand ist mal dick bespachtelt, mal scheint der Bildträger durch. Der Bildraum, den Richter entwirft, liegt außerhalb: außerhalb des Logischen, Harmonischen und außerhalb des Innenraumes. Seine Figuren, deren Gesichter zumeist fratzenhaft verzerrt sind, bewegen sich im Wald oder in der Stadt, ohne dass sich ein spezifischer Ort bestimmen ließe.
Zwar enthalten die Bilder Versatzstücke des städtischen Raums - das Dekor der Horten-Kaufhäuser oder die triste Fassade einer Betonsiedlung -, und doch hängen die Motive in einem unbestimmten Überall. Richter malt nicht an einem Realismus, vielmehr sollen seine gruselig verzerrten Körper, die mitunter brutalen Gemenge oder fantastischen Landschaften den paranoiden Zustand der Welt reflektieren - einer endzeitlichen Welt, der man in ähnlicher Form in den Schreckensbildern des Engländers Francis Bacon oder, weiter zurück, in den Infernos des Hieronymus Bosch begegnet.
Doch verzichtet Richter darauf, das Unheil in den Vordergrund zu rücken, er meidet blutige, schockierende Motive; seine Kunst ist die Andeutung. Kein Betrachter weiß, ob das Paar in Warum ich kein Konservativer bin in eine Umarmung oder einen brutalen Kampf verstrickt ist. Es bleibt fraglich, ob die geisterhaften Gestalten in Eure Nacht braucht keinen Mond durch einen idyllischen See waten oder auf der Flucht sind. Und diese Verwirrung wird von Richter forciert: Das Unbehagen überwältigt uns nicht, es schleicht sich ein.
Gerade weil der Künstler in Ausstellungen und Katalogen auch sein Archiv - Zeitungsausschnitte, Schallplattenhüllen, Bücher - präsentiert, verleitet er die Betrachter zu Spekulationen. Bei einigen Bildern ist man sicher, die eine oder andere historische Anspielung zu erkennen. Aber "der Künstler lügt", wie Richter lapidar über die ewige Frage nach dem Wahrheitsgehalt der Malerei sagt.
Eine eingerissene Mauer muss nicht unweigerlich auf den Berliner Mauerfall von 1989 verweisen. Vielmehr bezieht sich Phienox auf ein Pressefoto vom blutigen Bombenanschlag auf die amerikanische Botschaft in Daressalam im Jahr 1998. Und ob eine Horde martialisch ausgestatteter Wesen mit Hunden nun Hooligans, Polizisten oder postmoderne Ritter sind, bleibt ebenfalls der Dechiffrierung des Betrachters überlassen. Dieser Umstand der Verrätselung bewahrt die Bilder vor zu viel moralischem Pathos.
Dass Daniel Richter auch mit den Bildtiteln spielt, wird rasch offensichtlich: Tuanus bezieht sich auf eine Polizeirazzia im Frankfurter Taunus, Phienox könnte eine Anspielung auf den Vogel Phönix sein, Zurberes verweist auf den Höllenhund Zerberus. Und der Titel der Düsseldorfer Ausstellung, Grünspan, meint nicht nur eine giftige grüne Farbe. Es ist eine Reminiszenz an den fast vergessenen Hamburger Schriftsteller Hubert Fichte und seinen Roman Detlevs Imitationen "Grünspan". In Fichtes autobiografischen Werken, die das Fremdsein des Individuums in der Welt reflektieren, meint Richter ein "Paralleluniversum in Sprache" zu finden.
Daniel Richters außergewöhnliche Umsetzung des klassischen Historienbildes in zeitgenössische Malerei und die ihm eigene Wucht der Bildsprache beflügelt derzeit viele zu einem euphorischen Hochgesang. Wie ein lang vermisster Freund wird die Malerei in die Arme geschlossen, die so oft Totgesagte scheint nach dem Niedergang der Neuen Wilden in den achtziger Jahren zum Leben erwacht. Neben den Altobersten der Malerei - Gerhard Richter, Sigmar Polke, Georg Baselitz - rückt das Schaffen der jüngeren Generation nun ins Blickfeld. Gleich zwei junge Maler reüssieren derzeit in der klassischen Gattung und markieren die Pole der zeitgenössischen deutschen Malerei. Da ist zum einen der Leipziger Maler Neo Rauch mit seinen kontrollierten, filigranen Bildwelten; zum anderen ist da nun Daniel Richter, dessen Bilder auch auf dem Kunstmarkt hoch begehrt sind. Nahezu alle Werke aus der aktuellen Ausstellung befinden sich bereits in Privatsammlungen und Museen.
"Grünspan", K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im Ständehaus, Düsseldorf, bis zum 19. Januar 2003; Katalog 23 Euro
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