Noch nie in der Geschichte Europas hat ein so kleines Land so unbekümmert so große Geschichte gemacht wie Irland. Mit dem Ja zur Erweiterung hat es den Weg frei gemacht für ein Europa, das größer sein wird als das römische, karolingische oder kaiserliche. Mit den zehn Neuen, die in dieser Woche auf dem Brüsseler Gipfel geadelt werden, wird Europa von Portugal bis Polen, von Limerick/Irland bis Levkosia/Zypern reichen. Doch verblasst die Geografie hinter der Geschichte, die Ausdehnung hinter der Aussöhnung. Denn endgültig versinken wird jener Eiserne Vorhang, der ein halbes Jahrhundert lang Europa von Europa getrennt, der Polen und Tschechen, Slowaken und Slowenen, Ungarn und Balten von ihrer angestammten Familie abgesondert hatte.

Der Triumph des neuen Europas der 25 bedeutet freilich auch den endgültigen Tod des alten, "neokarolingischen" Europas, das aus den Trümmern der Weltkriege hevorgekrochen war. Das Europa der Sechs beruhte auf einem Dreifach-Deal. Erstens: Deutschland, der Stärkste im Bunde, unterwirft sich der Aufsicht durch die Schwächeren, zumal die französischen "Erbfeinde".

Zweitens: Der Wandel vom Agrar- zum Industriestaat wird gebremst

deshalb jene Agrarpolitik, die inzwischen die Hälfte des EU-Budgets verschlingt.

Drittens: Die Führung übernehmen Paris und Bonn, wobei, wie Helmut Schmidt einmal anmerkte, der französische Präsident auf dem roten Teppich immer einen Schritt vor dem deutsche Kanzler dahinschreiten durfte.

Absurde Ambitionen

Das war die gar nicht so geheime Verfassung des alten Europa