Allzu menschlichSeite 2/2
Kramnik gelang es in den ersten Partien, dem Rechner keine Angriffsflächen zu bieten und die gefährlichsten Waffen für taktische Schläge, die Damen, zu tauschen. Ohne Damen ist Deep Fritz nur noch die Hälfte wert. Die bessere Strategie siegte gegen die bessere Taktik.
Doch in der fünften Partie gelang es Deep Fritz, für den seine Programmierer eine neue Eröffnung geschaltet hatten, zum ersten Mal, die Damen auf dem Brett zu halten. Ständige Nadelstiche zermürbten den Weltmeister zusehends.
Machte sich schon jetzt bemerkbar, was er erst zum Ende des 17-tägigen Wettkampfes erwartete: zunehmende Müdigkeit? Schon nach der vierten Partie hatte er kundgetan, dass Schach gegen die Maschine viel stressiger sei, weil "der Computer nie ermüdet, nie unter Psychoschwächen leidet, während du in fünf Stunden durch ein Meer von Gefühlen gehst, die die Konzentration beeinträchtigen".
Die Bestätigung seiner These erfuhr er in der fünften Partie. Nachdem er sich stundenlang gegen permanenten Druck und immer neue Drohungen des Rechners gewehrt hatte, landete er in einem schweren Endspiel und übersah ein Schach, das ihn gleich einen Springer kostete, den schlimmsten blunder (Bock) seines Lebens. Er führte nur noch 3 : 2.
Trotz dieses Schocks gab er sich zuversichtlich. Er werde die restlichen Partien ruhig remisieren. Aber dann spielte ihm in der sechsten Partie das allzu Menschliche auf andere Weise einen Streich. Kramnik, der das Schachspiel nicht nur als Denksport, sondern auch als Kunst liebt, witterte vor dem 17. Zug plötzlich die "schönste Partie meines Lebens". Er wollte den gegnerischen König mit einem Springeropfer in ein unwiderstehliches Mattnetz ziehen. Tatsächlich zog er den König ins Freie, gab eine Reihe von Schachs, hatte aber bei seiner Vorausberechnung eine Riposte, ein tückisches Läuferopfer seines Gegners, übersehen. Fritz schlug den Angriff ab und erzwang jetzt seinerseits den Damentausch, weil er seinen B-Bauern in eine neue Dame umwandeln wollte.
Dass diese Umwandlung nicht zum Sieg für Fritz reichte, sah Kramnik nicht mehr. Er gab auf und verkündete: "Das Ergebnis ist nicht positiv, aber das Spiel war so schön. Es hat Spaß gemacht." Die Sehnsucht nach Schönheit hatte ihn in eine Falle gelockt. In den beiden letzten Spielen verzichtete er auf Schönheit, riskierte nichts und rettete mit den beiden Remis zwar nicht "die Ehre der Menschheit" (Kasparow), aber 800 000 Dollar. Auch ein menschlicher Zug.
- Datum 24.10.2002 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 44/2002
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