Shanghai

Wer es in Shanghai zu etwas gebracht hat, kauft sein neues Sofa im Möbelkaufhaus Golden Magnolia für ein paar tausend Dollar. Durch sechs Etagen mit europäischen Luxuswaren führt der Weg zu Zou Wenlong, Chinas erfolgreichstem Importeur von Möbeln. Der 40-jährige Jungmagnat hat im obersten Stockwerk sein Büro als Oval Office einrichten lassen wie das Präsidentenbüro im Weißen Haus. Von seinem riesigen Schreibtisch, den ein goldener Globus und ein goldener US-Adler schmücken, schaut Zou auf einen japanischen Zen-Dachgarten. Der Blick schweift über ein Meer von Bürotürmen und Hochstraßen bis zur berühmten Skyline am Huangpu-Fluss. Chinas größte Stadt liegt dem Möbelkönig zu Füßen. So viel Prunk ist nicht jedes Besuchers Sache, und deshalb merkt Zous amerikanische Unternehmensberaterin Catherine McCormack schnell an: "Herr Zou lebt sehr bescheiden. Er trägt keine Rolex und fährt privat kein teures Auto." Doch Zou, der als Kind armer Maisbauern in der rauen Mandschurei aufwuchs und nie eine Universität besuchte, hält die bescheidene Tour nicht lange durch: Nach Sonnenuntergang über dem Huangpu lässt er einen Mercedes 500 der S-Klasse vorfahren und lädt großzügig zum Krabbenessen.

Was ihn an diesem Abend so gesprächig macht: Endlich darf ein Neureicher wie er, den das von Partei und Universitäten geprägte Regierungsmilieu in Peking bis heute nicht ernst nimmt, einmal den Beitrag der Unternehmer zum Aufbau des Landes erklären. Zou erinnert sich: "In der Planwirtschaft haben die Oberen alles kontrolliert, und wir haben ihnen geglaubt, dass der Kapitalismus böse sei." Bis das entscheidende Jahr 1992 kam: Der 14.

Parteitag der Kommunistischen Partei (KP) bestätigte Jiang Zemin als Nachfolger Mao Tse-tungs und Deng Xiaopings und gab grünes Licht für die Gründung von Privatunternehmen.

Zou verließ noch im selben Jahr die staatliche Möbelfabrik, in der er sechs Jahre lang gearbeitet hatte, und gründete eine eigene Firma. Schon vier Jahre darauf zog er aus der Mandschurei nach Shanghai um. Noch mal sechs Jahre später beschäftigt Zou 1000 Angestellte

ihm gehören sechs große Möbelkaufhäuser in Shanghai und Umgebung. "Erst als Unternehmer habe ich zum Aufbau Chinas beitragen können", glaubt der Multimillionär. "Zwar arbeite ich für meinen eigenen Gewinn, aber ich schaffe auch Arbeitsplätze. In diesem Sinne gibt der Unternehmer der Gesellschaft mehr, als er ihr nimmt."

Zous schwärmerisches Bekenntnis zur freien Marktwirtschaft klingt für chinesische Ohren immer noch aufregend, wenn nicht gar mutig. Dabei kennt die kapitalistische Dynamik der Volksrepublik derzeit in der Welt keinen Vergleich: 25 Millionen neue Privatunternehmen sind im vergangenen Jahrzehnt landesweit entstanden, vom Möbelhaus über Internet-Portale bis zu Privatschulen. Der Anteil der Privatwirtschaft am Bruttosozialprodukt wuchs binnen fünf Jahren von 20 auf 60 Prozent. Trotz der schlechten Weltkonjunktur erwirtschaftet die Volksrepublik ein anhaltend hohes Wachstum von über 7 Prozent.