Es war der 17.Oktober 2002. Hamburg, Musikhalle. Ein großer Mann betritt gebeugt die Bühne, reckt die Faust zur Begrüßung und setzt sein Saxofon an.

Schwenkt das Tenor, schickt die Töne in alle Ecken des Raumes, fängt sie mit dem Lasso wieder ein, bindet und quetscht sie, brennt ihnen sein Markenzeichen auf und lässt sie als Melodie wieder frei laufen. Eine glückliche Herde von Tönen, nichts Ungewöhnliches für den 72-jährigen "Old Cowhand" Sonny Rollins, der in Germantown auf dem New Yorker Lande lebt, und doch scheint er an diesem Abend unersättlich zu sein. Unfassbar allein das Furioso der ersten zehn Minuten, das Publikum staunt ebenso wie seine eigene Band, die er beinahne stehen lässt - I Can't Get Started (With You). Als Legende bezeichnet man jene Überlebenden einer Jazz-Zeit, die noch den Ausbruch der Revolution erlebten, Monk, Davis und Parker nahe. Die Furcht sitzt tief, er könne versagen und jenen Altersbonus für sich beanspruchen. In Hamburg bangten 2000, nach zwei Stunden hätte er sie rattenfängergleich aus dem Saal locken können, und sie wären ihm zum Hafen, in die Elbe gefolgt, wo sie alle und auf Nimmerwiedersehen verschwunden wären. Es hätte sich gelohnt.

Da es aber nicht so war, kann man erzählen: Glücklicherweise verzichtete er auf einen Pianisten - da überflüssige Noten anderer stören -, ließ sich nur auf Bass, Perkussion, Schlagzeug und die warme Farbe einer Posaune ein. Er ist sich ohnehin selbst genug, die Band wirkt wie eine Blaupause, ein Zugeständnis an Hörgewohnheiten. Das alte Sweet Leilani spielen sie unverschämt hawaiisch, und er kümmert sich nicht um Zeit und Raum, schlendert davon, kommt zurück, wenn es ihm passt, der Cowboy als Zen-Buddhist, welche Mischung! Vielleicht entschließt er sich endlich - nach seinen sterilen Solo-CDs der letzten Jahre - ein Live-Album dieses Konzerts zu veröffentlichen.