Als sie den Aufruf des Privatsenders América-TV sah, sagte sich die 63-jährige Juana Martønez: "Das ist meine Chance." Sie wollte in die Fernsehshow El Candidato de la Gente ("Der Volkskandidat"): "Da werde ich endlich mal öffentlich meine Meinung über die Politiker und die Situation dieses Landes sagen." So stellte sich die Hausfrau mit mehr als 800 Mitbewerbern vier Stunden lang vor dem Rathaus von Buenos Aires fürs Casting an - und bestand glänzend: Die aus elf gestandenen Fernsehjournalisten zusammengesetzte Jury von América-TV wählte die stämmige Grauhaarige zusammen mit fünfzehn anderen als Kandidatin für die Sendung aus.

Jetzt tritt Martønez einmal die Woche in der TV-Show an. Gewinnt sie die Sympathie der Zuschauer, hat sie die Chance, im nächsten Frühjahr ins argentinische Parlament einzuziehen. Voraussetzung ist allerdings, dass sich bis Ende der Sendung mindestens 400 000 Bürger als Mitglieder der vom Sender gegründeten "Volkspartei" einschreiben - und Frau Martønez dann auch im wirklichen Wahlkampf als Kandidatin ausreichend punktet. "Noch machen wir nur ein Fernsehprogramm. Was später daraus wird, hängt vom Volk ab" lautet der Slogan von Volkskandidat-Moderator Jorge Rial.

Was für europäische Gemüter aussieht wie ein politischer Spuk, ist in Argentinien Realität. Die südamerikanische Fernsehindustrie war schon immer erfindungsreich. Dort entstand die Daily Soap, jenes Fernsehformat, das inzwischen weltweit die Vorabende füllt und hierzulande etwa Gute Zeiten, schlechte Zeiten heißt. Der jüngste argentinische Exportschlager ist die TV-Show Recursos Humanos ("Personalabteilung"), in der der Gewinner einen Arbeitsplatz erhält. Der japanische Unterhaltungskonzern Sony Pictures sicherte sich die weltweiten Vermarktungsrechte der Idee. Auch der deutsche TV-Sender Neun Live denkt über eine ähnliche Show nach.

Doch zurück zu Juana Martønez. Sie hat bereits politische Vorbildung in den so genannten Nachbarschaftskomitees gesammelt, die nach dem Rücktritt des letzten gewählten Präsidenten Fernando de la Rua im Dezember spontan als eine Art basisdemokratische Bewegung aus dem Boden sprossen. "Die Politiker haben uns in die Destruktion geführt, wir müssen das soziale Flechtwerk neu konstruieren." Dieses Anliegen will Juana nun der Fernsehöffentlichkeit nahe bringen. Als Abgeordnete würde sie "strenge Kontrollen" im Kongress einführen, mit Misswirtschaft und Korruption aufräumen.

Die korrupten Politiker sind das große Feindbild im Krisenland und bilden als solche eine dankbare Grundlage der Volkskandidaten-Show. Die Politiker hätten Angst vor dem TV-Projekt, es habe gar Versuche gegeben, das Programm zu unterbinden, warnt der Moderator mit düsterer Miene. Der schöne Rial moderiert normalerweise Boulevardsendungen, doch sein jungenhaftes Saubermann-Image passt auch ganz gut in die Volkskandidaten-Show.

"Transparenz" sei das oberste Gebot der Show, schwört er. Die Kandidaten mussten ihre Besitztümer in einer eidesstattlichen Erklärung auflisten. Über eine Telefonhotline kann Anzeige erstatten, wem etwaige Widrigkeiten über einen Kandidaten bekannt sind. Ganz anders als die schmutzige politische Realität, so die Botschaft.

Der argentinische Staat schaffte in der vergangenen Dekade das Kunststück, trotz Wirtschaftswachstum und üppigen Privatisierungserlösen seinen Schuldenberg zu verdoppeln. Öffentliche Investitionen, zum Beispiel in den Aufbau einer effizienten Industrie, wurden versäumt. Die Gelder verschwanden in den durch Vetternwirtschaft aufgeblähten öffentlichen Verwaltungsapparaten oder landeten direkt auf den Auslandskonten der Politiker. "Que se vayan todos" - "Auf dass sie alle abhauen" - lautet denn auch der Schlachtruf der Demonstranten, die täglich aus verschiedensten Motiven die Straßen von Buenos Aires besetzen.