Jakob hießen damals viele. Josephs gab es wie Sand am Meer. Und natürlich nannte sich eine ganze Reihe von Männern im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung Jesus. Allein diese Namen, eingeritzt in einen 50 Zentimeter langen Kalksteinkasten, hätten André Lemaire nicht beunruhigt. Doch die 20 aramäischen Buchstaben, die er da las, stellten die drei Allerweltsnamen in einen äußerst auffälligen Zusammenhang: "Jakob, Sohn des Joseph, Bruder von Jesus".

Eigentlich hatte sich Lemaire, Epigrafiker an der Sorbonne-Universität in Paris, nur zu Studienzwecken in Jerusalem aufgehalten. Dort aber begann für ihn ein Abenteuer, das ihn entweder zum Helden einer archäologischen Sensation macht - oder zur tragischen Forscherfigur, die einem perfiden Bluff aufsitzt. Die Anfänge der Geschichte, die Lemaire in der neuesten Ausgabe des Magazins Biblical Archaeology Review erzählt, klingen jedenfalls zunächst recht geheimnisvoll: In Jerusalem habe ihm ein Freund einen privaten Sammler vorgestellt, dessen Identität allerdings nicht gelüftet wird. Und dieser Sammler habe von einem Gebeinskasten berichtet, den er vor 15 Jahren auf dem Antikenmarkt erstanden habe. Als der Antiquitätensammler Fotos aus der Tasche kramte und sich Lemaire darüber beugte, war es um die innere Ruhe des Schriftgelehrten geschehen. Handelte es sich bei der 9 Millimeter hohen, 19,5 Zentimeter langen Inschrift etwa um den ältesten archäologischen Beleg für die Existenz Christi? Und ist mit Jakob tatsächlich dessen leiblicher Bruder gemeint?

Unwahrscheinlich ist das nicht. Denn Jakobus, der "Bruder des Herrn", wie er in der Bibel von Paulus genannt wird, hat in der Tat gelebt. Nicht nur Paulus, auch der griechische Geschichtsschreiber Josephus Flavius spricht vom "Bruder des Jesus, der Christus genannt wird". Diese Berichte sind "so verlässlich wie gute antike Nachrichten eben sein können", sagt Gerd Theißen, Professor für Neutestamentliche Theologie an der Universität Heidelberg und Autor des Standardwerks Der historische Jesus. Er hält es jedenfalls für "verbürgt", dass Jakobus der Bruder des Jesus war und "in Jerusalem hohes Ansehen genoss". Er war sogar einer der ersten Führer der christlichen Kirche, wurde zum Bischof von Jerusalem ernannt - und erlitt im Jahre 62 nach Christi ein ähnlich grausames Schicksal wie sein Bruder: Tod durch Steinigung.

Aber lagen wirklich einmal seine Überreste in dem Ossuar, dem Gebeinskasten aus Kalkstein, der nun in Jerusalem unter so merkwürdigen Umständen ans Licht kam? Gesichert ist zumindest, dass solche Knochenschatullen nur kurze Zeit in Mode waren: Im ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung begannen die Juden mit der Praxis, Tote nach einem Jahr von der Grabhöhle in Ossuare umzubetten.

Doch schon bald darauf, nach der Zerstörung Jerusalems und der Schleifung des Jüdischen Tempels im Jahr 70 nach Christi Geburt, wurde der Brauch wieder aufgegeben. Mehrere hundert solcher Steinsärge sind bislang ausgegraben worden und zeugen von dieser Zeit.

Der auf dem prominenten Fundstück verwendete Schriftstil schränkt den Zeitraum, in dem das Ossuar fabriziert wurde, weiter ein: zwischen 10 und 70 nach Christi. Die mikroskopische Analyse liefert hierzu eine weitere Bestätigung. Im Auftrag Lemaires untersuchten die israelischen Geologen Amnon Rosenfeld und Schimon Ilani das Fundstück. Der verwendete Stein, so ihr Urteil, stamme zweifelsfrei aus der Gegend von Jerusalem, wurde zu jener Zeit abgebaut und für Steingefäße und Ossuare verwendet. Die grau-beige Patina, auf die sie in den Furchen der Inschrift stießen, halten sie für "authentisch": moderne Pigmente hätten ihre Analysegeräte nicht entdeckt.

Außerdem fanden die Geologen keinen Hinweis darauf, dass in der Neuzeit mit Werkzeug an dem Gegenstand gearbeitet worden wäre. Eine Fälschung schließen sie daher aus.