Wir schreiben das Jahr 2006. Der Kanzler ist doch noch grau geworden.

Kein Wunder, heißt es, bei dieser zweiten Amtszeit. Aber ihn stört das neue Aussehen nicht. Es verleiht ihm sogar mehr Würde, findet er. Gerhard Schröder, Bundeskanzler im achten Jahr und längst noch nicht am Ende.

Was die zweite Amtszeit angeht, so ist seine Bilanz doch durchaus eindrucksvoll: Das Hartz-Konzept im Wesentlichen umgesetzt, Sozialreformen, auch drastische Einschnitte, wie sie vor ihm kein Kanzler gewagt hatte, den Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmer de facto abgeschafft, und die Gewerkschaften haben weitgehend still gehalten. Nun, mit der endlich wieder wachsenden Weltwirtschaft im Rücken, müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn es nicht für eine dritte Amtszeit reichte, jedenfalls für die Wiederwahl, und dann, so in zwei Jahren, mal sehen, würde er Platz machen für Platzeck oder Gabriel.

Vorher aber ist noch eine Wahl zu gewinnen und davor ein Fernsehduell: Schröder gegen Merkel, August 2006. Das Studio, so kommt es ihm vor, haben sie kaum verändert, die Moderatorinnen sind dieselben wie damals. Offenbar wollen auch die Sender an einen Erfolg anknüpfen. Ihm ist das recht, da hat man doch schon ein gemeinsames Interesse.

"Herr Bundeskanzler, vor acht Jahren haben Sie uns eine halbe Million Arbeitslose weniger versprochen, vor vier Jahren war von einer Million neuer Arbeitsplätze die Rede. Nun steht die Zahl der Arbeitslosen immer noch bei 3,5 Millionen. Sind Sie gescheitert?"

Hoppla, die gehen ja ran. "Wissen Sie, Frau Christiansen, ich will da gar nicht drum herumreden, wir haben in Deutschland leider immer noch viel zu viele Arbeitslose. Aber, und auch das sollte man doch nicht vergessen, vor drei Jahren waren es noch 600 000 mehr. Und was diese erste vage Schätzung von Peter Hartz angeht, den ich sehr schätze, und dem, lassen Sie mich das betonen, dem unser Land sehr viel zu verdanken hat, so kann man ihm vielleicht nachsehen, dass er im ersten Überschwang zu einer allzu optimistischen Einschätzung gelangte."

Intern hatten Sie natürlich nie an die Zahlen von Hartz geglaubt. Eine Million neue Jobs bloß durch Reformen des Arbeitsmarkts, davon allein 375 000 durch die neuen Zeitarbeitsfirmen für Arbeitslose, mit denen Hartz das Einstellungshindernis Kündigungsschutz umgehen wollte - absurd! Florian Gerster von der Bundesanstalt für Arbeit hatte es Ihnen ja gleich vorgerechnet: Allenfalls 75 000 neue Jobs im Jahr würden diese Personal-Service-Agenturen bei ihrer Einführung bringen, später vielleicht etwas mehr. Inzwischen beschäftigen sie knapp 200 000 Leute, und das war leider auch das eindrucksvollste Ergebnis der Reformbemühungen auf dem Arbeitsmarkt. Bloß gut, dass infolge des demografischen Wandels jedes Jahr gut 100 000 Menschen mehr in Rente gingen als neu auf den Arbeitsmarkt drängten.