Am 11. März 1900 wurde in Konitz, einer Kleinstadt in Westpreußen, der 18-jährige Gymnasiast Ernst Winter ermordet. Zwei Tage später wurde der Rumpf des jungen Mannes im nahe gelegenen Mönchsee entdeckt

nach und nach tauchten an verschiedenen Orten der Stadt weitere Teile der zerstückelten Leiche auf.

Die Ermittlungen der Konitzer Behörden blieben erfolglos. Daher entsandte das Berliner Polizeipräsidium im Mai einen seiner tüchtigsten Beamten, Kriminalinspektor Johann Braun, an den Schauplatz der Tat. Doch auch er vermochte das Geheimnis nicht zu lüften

der schreckliche Mordfall wurde nie aufgeklärt.

Je länger die Fahnder im Dunkeln tappten, desto mehr machte sich in Konitz ein Klima der Angst und gegenseitigen Verdächtigung breit. Gerüchte über die vermutete Identität des Täters kursierten - und eines erregte mehr Aufmerksamkeit als alle anderen: Ernst Winter, so erzählte man sich, sei Opfer eines jüdischen Ritualmords geworden. (Nach dieser Legende schlachteten die Juden jedes Jahr vor dem Pessachfest Christenkinder, um mit ihrem Blut Mazzen, ungesäuertes Brot, zu backen.)

Der Verdacht heizte die Stimmung auf. Seit Ende März wurde die kleine jüdische Gemeinde der Stadt terrorisiert. Demonstranten zogen mit "Hepp-Hepp"-Rufen durch die Straßen, warfen Fensterscheiben ein und drohten, alle Juden umzubringen. Von Konitz breiteten sich die Krawalle auf benachbarte Orte aus. Ihren traurigen Höhepunkt erreichten sie Anfang Juni, als eine Menge in die Konitzer Synagoge eindrang und dort schwere Verwüstungen anrichtete. Nur mithilfe einer Kompanie Soldaten, die der hilflose Landrat in Berlin anforderte, konnte der Aufruhr niedergeschlagen werden.

Für die 480 Juden unter den 10 000 Einwohnern von Konitz waren diese Ereignisse ein Schock. Wochenlang trauten sie sich nicht mehr, aus dem Haus zu gehen. Nach dem Ende der Ausschreitungen verließen viele von ihnen die Stadt. Rabbi Kellermann, der nach Berlin zog, verwahrte zeit seines Lebens auf seinem Schreibpult den Stein, den Konitzer Bürger in sein Fenster geworfen hatten.