Kann Literatur ein Schutz sein vor der Bestialität des Menschen? Nach dem Zweiten Weltkrieg trat Arno Schmidt als Autor einer von ihm so benannten Versuchsreihe über die "poröse Struktur unserer Gegenwartsempfindung" an das vom poetischen, detaillierten Realismus seiner Schilderungen des Alltagserlebens erschreckte Publikum. In der Folge eines jeden Geschichtsumbruchs, ob Krieg oder "Wende", triumphiert der Konventionalismus.

Darin gilt Sprache einzig der Kommunikation

alles Expressive, Sprachschöpferische, das auf ein autonomes Ich verweist, ist abzulehnen. Kein Wunder, dass sich Arno Schmidts vollkommen neuartige Prosaformen als manieriert und pessimistisch verkannt, als elitär und pornografisch verleumdet fanden. Der Schrecken aber geht von der Zeit und ihren Mitläufern aus, nicht vom Betrachter.

Literarisch arbeiten hieß für Arno Schmidt keine launige Spielerei im Betrieb der Kulturphilister

ihm war Schreiben plebejischer Ernst: die Verbundenheit mit jenen, die immer bezahlen müssen mit dem einzigen Besitz des Menschen, seiner Zeit zu leben.

Kleinbürgerliches Milieu

Ein Schriftsteller schreibe über das Milieu, das er am besten kennt. Arno Schmidt, 1914 als Sohn eines Polizisten und einer Hausfrau in Hamburg geboren, lernte früh sein Milieu verachten, die ärmlichen Verhältnisse der Schlagerhörer, Kinogänger, der Groschenheftleser mit ihrer verkitschten Gefühlswelt voll Bigotterie und verkrampftem Sex, die Fußballfanatiker in ihrer kryptoschwulen Afterwelt und die Attitüden von Macht, die man nicht hat: das zeitenresistente Milieu der Kleinbürger. Schmidt gehörte selbst zu diesem Milieu, doch es war ihm allzeit bewusst. Mehr noch, mit aller Konsequenz hat er sich selbst als das brauchbarste literarische Studienobjekt begriffen. Daher sehen in seinen Büchern die männlichen Helden dem Verfasser in jeder Beziehung oft sehr ähnlich.