Europamüde? Keine Spur. Unbeweglich, weil viel zu bodenständig? I wo, wer denkt denn so was von europäischen Studenten? Diese Woche wird der einmillionste Erasmus-Stipendiat gezählt und gefeiert. Eine Erfolgsgeschichte - für eine Generation und ganz Europa. Früher sammelte man in der Jugend Briefmarken, um den Duft der weiten Welt zu schnuppern. Heute wechselt man schnell Land und Uni.

Alle Vergleiche, etwa mit dem Fulbright-Stipendium (sein deutscher Spross wurde gerade fünfzig), sind so erhellend wie irreführend. In die Irre führend, wo einer meint, da lieferten sich Amerika und Europa ein Wettrennen um the best and the brightest, um die hellsten Köpfe mit Zukunft. Die jungen Leute von heute nehmen solche Angebote nämlich ganz pragmatisch, nicht wenige Erasmus-Stipendiaten findet man später an einer amerikanischen Uni wieder.

Erhellend freilich wirkt der Vergleich, wo die Zahlen sprechen: Das amerikanische Austauschprogramm gibt es seit 1946. Mit Erasmus hingegen reisen und arbeiten die Studenten und mittlerweile auch Dozenten erst seit 1987. Fulbright-Kommissionen siedeln in 51 Ländern rund um den Globus. Das Netz von Erasmus knüpften anfangs elf, heute dreißig europäische Länder quer durch die Alte Welt. Nur die Schweiz bleibt das Schwarze Loch im neuen Universum.

Die EU debattiert diese Woche ihre politische Erweiterung gen Osten, was sie genau besehen seit zehn Jahren tut, mit wachsendem Missmut. Am selben Tag wird am selben Ort mit der Brüsseler Freudenfeier für den einmillionsten Studenten bestätigt: Die pädagogische Erweiterung ist längst Wirklichkeit.

Litauer und Malteser, Polen und Zyprioten gehören seit Jahren zur Familie von Erasmus.

Ein solches Stipendium wird vielen zum Schlüsseldatum ihrer Biografie: Den bulgarischen Grafikdesigner Rosen zog es erst nach Portugal und dann zu Ana hin, am Ende stand "ein Song, der mich in meiner Heimat berühmt machte". Der Tscheche Tomas studierte im irischen Cork Computertechnik und arbeitet heute als IT-Manager für eine dänische Gesellschaft in Deutschland: Viva Europa!

All die Alltagserfahrungen, von der Liebe zur Geometrie bis zur Liebe zu Ana, fasst Daniele aus Parma in einem Wort zusammen: "Geist". Und der lasse die Leute von Erasmus unternehmungslustig sagen: Warum nicht? Warum nicht ins Ausland? Erst einmal und dann immer wieder.