Menschen ohne Gesicht. Die man hört, aber nicht sieht: Auf internationalen Kongressen sitzen sie in Kapseln hinter dem Publikum, das sie nur über Kopfhörer wahrnimmt. In Fernseh-Talkshows mit ausländischen Gästen kommt ihre Stimme irgendwo aus dem Off. Das ist das Los von Dolmetschern.

Normalerweise. Bei Claudia Blume ist es anders. Um sie zu hören, muss man sie sehen, denn Blume ist Gebärdensprachdolmetscherin. An diesem Oktobermorgen arbeitet sie für einen Gehörlosen, der sich zur EDV-Fachkraft schulen lässt.

Blume steht ihrem Kunden zugewandt vor der Klasse und gibt den mit Fachbegriffen gespickten Vortrag des Dozenten, aber auch die Witze der anderen Schüler durch Gebärdenzeichen wieder.

Claudia Blume ist Dolmetschprofi mit Diplom. Vorbei ist die Zeit, in der Gehörlose bei Behördengängen allein auf hörende Familienangehörige angewiesen waren oder auf nette Menschen, die in ihrer Freizeit Gebärdensprache lernen.

Die Übersetzer von heute sind keine Sozialarbeiter, sondern zunehmend Profis mit Hochschulabschluss.

Neue Gesetze verstärken den Trend. Seit Juli 2001 legt das Sozialgesetzbuch fest, wann Gehörlose einen Dolmetscher finanziert bekommen: etwa beim Arzt und auf vielen Ämtern. Sofern sie in ihrem Beruf darauf angewiesen sind, können sie zudem 1000 Euro im Monat für Dolmetscher ausgeben. Darüber hinaus bringt das seit Mai dieses Jahres gültige Bundesgleichstellungsgesetz einen Statusgewinn für Gebärdensprachdolmetscher. Denn seitdem ist die Deutsche Gebärdensprache offiziell anerkannt. Vorher galt sie unter etlichen Medizinern und Pädagogen als Hemmnis für die lautsprachliche Entwicklung und war sogar in Gehörlosenschulen häufig verboten.

Claudia Blume war die erste diplomierte Gebärdensprachdolmetscherin in Deutschland. Sie begann an der Universität Hamburg zu studieren, als dort 1993 der erste Studiengang startete. In der Folge entstanden weitere Studiengänge an den Fachhochschulen in Magdeburg und Zwickau. Auch Berlin schließt sich jetzt an: Ab Wintersemester 2003 können sich Studenten der Humboldt-Universität zum diplomierten Gebärdensprachdolmetscher ausbilden lassen.